Bild: Sebastian Christ
Am Dienstag jährt sich die Atomkatastrophe von Tschernobyl zum dreißigsten Mal. Unser Autor hat den Ort besucht.

Noch eine Unterschrift. Fertig. Ein wenig beschissen fühle ich mich schon: Ich stehe in Victors Laden im Stadtzentrum von Kiew, gerade habe ich eine Sightseeingtour ins radioaktiv verseuchte Katastrophengebiet von Tschernobyl gebucht. Kosten: etwa 140 Euro.

Der Prospekt preist die Vorzüge des Tagesausflugs: Besuch der Stadt Tschernobyl, Mittagessen in einer Kantine innerhalb der verstrahlten Zone, Fahrt zum havarierten Reaktor und weiter nach Prypjat, früher Zuhause von 50.000 Menschen – und heute eine Geisterstadt.

Zum einen mache ich mir Sorgen, wie gefährlich die immer noch vorhandene Radioaktivität ist. Kann ich Victor trauen? Er versichert mir, dass die Teilnehmer auf der Tour weniger Strahlung aufnehmen als bei einem durchschnittlichen Transatlantikflug. Aber stimmt das?

Zum anderen frage ich mich, ob es richtig ist, dorthin zu fahren, wo sich vor genau 30 Jahren das größte Atom-Unglück in der Geschichte der Menschheit ereignet hat. Bin ich jetzt ein Katastrophen-Tourist?

Der Rundgang durch Tschernobyl in der Fotostrecke:
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Ich war fünf Jahre alt, als am 26. April 1986 der Reaktor Nummer vier des Kraftwerks Tschernobyl explodierte. Die Zahl der Opfer lässt sich bis heute kaum beziffern. Womöglich sind Tausende an den Spätfolgen der Strahlung gestorben.

Die Älteren unter uns können sich vielleicht noch erinnern, wie verunsichert die Erwachsenen waren, als die Meldungen von einem "Unglück unbekannten Ausmaßes in der Sowjetunion" im Fernsehen liefen. Für die Jüngeren lebt die Erzählung von Tschernobyl in den Gesprächen älterer Familienmitglieder als ewiges Unglück fort.

Das Ereignis hat mich unwillkürlich politisiert, obwohl ich noch so jung war: Schon fast mein gesamtes Leben lang stehe ich der zivilen Nutzung der Kernenergie kritisch gegenüber. Aber sollte ich deswegen nun ausgerechnet dorthin fahren, wo alles begann?

Autor Sebastian Christ vor dem Reaktor von Tschernobyl(Bild: Sebastian Christ)

Seit Anfang des Jahrtausends ist der ukrainische Teil des Katastrophengebiets offen für den Tourismus. Anfangs waren es nur wenige hundert Menschen, die jährlich den Weg nach Tschernobyl fanden. Mittlerweile ist ein ganzer Wirtschaftszweig rund um die Touren in die Strahlenzone entstanden.

Im Jahr 2011 besuchten 10.000 Menschen Tschernobyl ("Süddeutsche Zeitung"), nach Aussagen von lokalen Touristenführern dürfte sich diese Zahl seitdem verdoppelt haben. Die Reiseveranstalter verdienen damit jährlich mehrere Millionen Euro. Sie organisieren nicht nur die Fahrt, sie übernehmen auch die Formalia: Denn immer noch braucht man eine Genehmigung, um in die Zone rund um den Reaktor zu fahren.

Buchbar ist nicht nur eine Gruppenreise, es gibt auch individuelle Touren und Zwei-Tages-Reisen mit einer Übernachtung.

Katastrophen-Touris aus aller Welt

Zwei Tage später treffe ich mich mit der Reisegruppe am Maidan, dem zentralen Platz in der Kiewer Innenstadt – dort, wo auch die Revolutionen von 2004 und 2014 ihren Anfang nahmen. Tschernobyl liegt etwa 100 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt. Im Bus laufen alte Dokumentationsfilme über das Unglück.

Die Gruppe könnte unterschiedlicher nicht sein: Ein Tourist aus Uruguay ist dabei, der für ein paar gute Fotos gleich bei der ersten Station viele der Regeln bricht, die für die Tour gelten: Er fasst Gegenstände an, bleibt länger als erlaubt in einem der geräumten Gebäude und kriecht für Bilder aus der Froschperspektive über die radioaktiv verseuchte Erde. Als er in den Bus zurückkommt, klebt Sand an seinen Knien.

Ein Liebespaar aus Italien schießt Dutzende Selfies vor den Trümmern der verlassenen Orte. Die Katastrophenzone scheint für sie kaum mehr zu sein als eine weitere Kulisse für die Selbstinszenierung in den sozialen Netzwerken.

Aber es gibt auch Touristen in der Gruppe, die aufrichtig beeindruckt sind von dem, was sie sehen. Von der Einsamkeit der Orte, die einst von Menschen bewohnt waren, und nun dem Verfall preisgegeben sind.

Prypjat etwa ist ein vollkommen unwirklicher Ort. Eine fensterscheibenlose Stadt mit bröckelnden Fassaden, durch die Wildtiere streunen. Wir fahren auch zur Ruine des Reaktors Nummer vier. Bis auf 200 Meter kommen wir heran, auf speziell dekontaminierten Wegen.

Tausende Soldaten haben 1986 in lebensgefährlicher Kleinarbeit einen Betonsarkophag um die Reste des Meilers gezogen, um den Austritt von Radioaktivität zu stoppen. Es grenzt an ein Wunder, dass dies gelang: Oft konnten die Männer nur wenige Minuten am Stück dort arbeiten.

Kaum anderswo kann man so viel über die Fehlbarkeit des Menschen lernen wie hier.

Die weißrussische Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch nennt den Sarkophag deswegen auch eine "Pyramide der Neuzeit“ – ein kleines Weltwunder, das in den vergangenen 30 Jahren Risse bekommen hat und bald von einer über 100 Meter hohen Metallkuppel ersetzt werden soll. Das alles nur, um die Folgen einer Katastrophe einzudämmen, die nun schon mehr als eine Generation zurückliegt.

Und wie ich vor dem Reaktor stehe, wird mir klar, worin sich Reisen nach Tschernobyl vom schnöden Katastrophen-Tourismus unterscheiden: Kaum anderswo kann man so viel über die Fehlbarkeit des Menschen lernen wie hier.

Man sollte sich die Strahlenzone also nicht wie einen Abenteuerspielplatz vorstellen, sondern eher wie eine Gedenkstätte. Auch dort kann man aus der Vergangenheit lernen, um Fehler für die Zukunft zu vermeiden.

Wenigstens das sind wir Tschernobyl schuldig.


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