Großbritanniens Premierminister hat seltsame Integrationspläne.

Wenn sich tausende muslimische Frauen auf Twitter selbst als "unterwürfig" bezeichnen, liegt die Vermutung nahe: Das kann nur ironisch gemeint sein. Wenn sich die Mehrzahl der Tweets außerdem noch gegen den britischen Premierminister David Cameron richtet, ist klar: #traditionallysubmissive ist die nächste politische Graswurzel-Kampagne auf Twitter.

Darum geht's

Der Ärger begann, als Cameron vergangene Woche ankündigte, 20 Millionen Pfund in Sprachkurse und Schulen investieren zu wollen. Eigentlich eine gute Sache. Und auch die neuen verpflichtenden Sprachtest hätten wohl keinen großen Aufruhr erzeugt, hätte die britische Regierung sie für jene vorgesehen, denen man zu recht unterstellen kann, kein besonders verständliches Englisch zu sprechen und zu schreiben: neu ankommende Flüchtlinge, Analphabeten, Schotten.


Doch stattdessen verpflichtete die britische Regierung muslimische Frauen zum Sprachtest. Der vermeintliche Grund für die mangelnde Sprachkenntnis von Menschen, deren Mehrzahl in Großbritannien geboren wurde: Ihre "traditionelle Unterwürfigkeit“. Auf Englisch: traditional submissiveness. So zumindest zitierte der britische The Telegraph einen ungenannten Regierungsmitarbeiter, der sich wiederum auf seinen Chef Cameron berief: "David knows that the traditional submissiveness of Muslim women is a sensitive issue“, sagte dieser.

Auf einem Stück Papier belegen Muslima ihre "Unterwürfigkeit“

1,5 Millionen Menschen – so viele Musliminnen gibt es in etwa im Vereinten Königreich – pauschal als "traditionell unterwürfig“ zu bezeichnen, kam allerdings nicht so gut an. Diese zeigen sich seitdem nicht nur wenig unterwürfig, sondern auch zur Ironie fähig. Unter dem Hashtag #traditionallysubmissive berichten britische Muslima seitdem davon, was ihnen ihre vermeintliche Unterwürfigkeit gebracht hat.

Auf tausenden Blättern Papier haben muslimische Frauen seitdem ihre Leistungen aufgelistet. So wie diese fünfsprachige Ehrenamtlerin:

Oder diese Karate kämpfende Wissenschaftlerin:

Oder dieses tauchende Sprachtalent:

Oder diese Bücher schreibende Imkerin:

Wo alles angefangen hat

Über 30.000 Tweets gegen muslim- und frauenfeindliche Stereotype sind seitdem zusammengekommen. Der erste stammt von Shelina Janmohamed, einer 41-jährigen Aktivistin und Schriftstellerin.

Janmohamed ist in Großbritannien keine Unbekannte. "The Times“ wählte sie im vergangenen Jahr zu einer der 100 einflussreichsten Muslima Großbritanniens. Bento hat sie erzählt, wie es zu der Kampagne kam:

"Unser Premierminister verbreitete die Vorstellung, dass muslimische Frauen kein Englisch sprechen können und brachte dies auch noch in Verbindung mit Vorstellungen von Isolation und Extremismus. Für viele Frauen wie mich hat dies nichts mit der Lebensrealität muslimischer Frauen zu tun. Mit dem Hashtag und dem Twitterstorm wollen wir die Vielfalt und das Talent muslimischer Frauen zeigen.“

Das zeigt uns doch, dass wir über die Lebensrealität muslimischer Frauen sprechen müssen.
Shelina Janmohamed

Der Erfolg ihrer Kampagne hat auch Janmohamed überrascht:

"Auf einmal waren wir überall in den Nachrichten. Und das zeigt uns doch, dass wir über die Lebensrealität muslimischer Frauen sprechen müssen - und das mit ihren eigenen Stimmen statt mit einem bequemen Vorurteil über unterdrückte unterwürfige Frauen.

Janmohamed zufolge ist es weniger vermeintliche Unterwürfigkeit als gesellschaftliche Diskriminierung, die muslimische Frauen an den Rand der Gesellschaft drängt.

"[Stereotype] machen muslimischen Frauen, die hart arbeiten, um ein Teil der Gesellschaft zu sein, das Leben schwer. Arbeit zu finden ist eine Herausforderung, da Menschen mit nicht-weißen Namen schwerer einen Job finden. Muslimische Frauen, die einen Hidschab tragen, sind noch stärkerer Benachteiligung aussetzt.“

Shelina Janmohamed macht schließlich auch ihren Premierminister für die Diskriminierungen verantwortlich, die nicht nur muslimische Frauen betreffen:

"Ein wichtiger Teil der Lösung ist es, nicht von einem „muslimischen Problem zu sprechen“, sondern die grundlegenden Probleme anzugehen, die auch andere Gruppe betreffen. Zum Beispiel hat der Premierminister selbst erst die Förderung für Englischkurse für Migranten gekürzt. Die Förderung dann nur für muslimische Frauen wieder aufzulegen und sie mit einer Diskussion über Extremismus zu verbinden, dient nur der Unterstellung, muslimische Frauen seien "ein Problem."

Und Cameron selbst?

Der britische Premierminister hat sich bisher nicht zu der Kampagne geäußert. Stattdessen passt aber ein Statement, das er eigentlich im Rahmen der Sprachtest-Einführung in Richtung des „liberalen Großbritanniens“ machte, gut in diesen Kontext. Die "passive Toleranz“ gegenüber Diskriminierung müsse ein Ende haben, sagte er vergangenen Montag. Es liest sich wie eine unbeabsichtigtes Unterstützung von #traditionallysubmissive.