Bild: Wale Deen Agboola
"Twitter ist für alte Leute."

"Ich habe erkannt, dass es als Influencerin meine Aufgabe ist, Menschen über die rassistischen Ungerechtigkeiten in der Welt zu informieren," sagt Charli D'Amelio in die Kamera ihres Smartphones. Danach spricht sie über George Floyd, der in den USA von Polizisten getötet wurde. Sie wirkt wütend, den Tränen nah: "Sein Leben sollte nicht zu Ende sein, sein Name muss gehört werden. George Floyd, ein Vater, ein Mensch."

Charli kommt aus Connecticut, USA, ist 16 Jahre alt, Tänzerin – und der größte Star auf TikTok. Über 60 Millionen Accounts folgen ihr dort, mehr als jedem anderen Account. Ihr Video zu George Floyd wurde bisher knapp 90 Millionen Mal gesehen. (Stand: 8.6.2020, 12 Uhr)

TikTok-Star Charli D'Amelio

(Bild: Screenshot TikTok)

Das chinesische Videoportal ist eigentlich für ganz anderen Content bekannt, nämlich für Tanzchoreographien, Lipsynch-Videos oder Comedy – für Unterhaltung. Charlis Video aber steht für einen neuen Trend. TikTok politisiert sich, oder besser gesagt: wird politisiert. Einen großen Beitrag dazu leisten gerade Nutzerinnen und Nutzer, die ihre Wut und ihr Entsetzen über den gewaltsamen Tod George Floyds Ende Mai in Minneapolis teilen.

Milliarden Klicks für Videos gegen Rassismus auf TikTok

Der Kampf gegen Rassismus ist momentan das größte Thema auf der Plattform: Videos mit dem Hashtag #BlackLivesMatter wurden insgesamt 7,7 Milliarden Mal aufgerufen, #GeorgeFloyd kommt auf 2,8 Milliarden Aufrufe. (Stand: 8.6.2020, 12 Uhr)

Auch Juan Carlos Medina Serrano sieht eine Zunahme an politischen Inhalten auf TikTok. Der 28-jährige Data Scientist von der Technischen Universität München hat Anfang des Jahres mit einem Team aus Wissenschaftlern die politische Kommunikation am Beispiel der USA auf der Video-Plattform untersucht. Dafür haben sie 8000 TikTok-Videos gesammelt und die Interaktionen der Nutzerinnen mit den Inhalten beobachtet. Es war die Zeit, als um mögliche Präsidentschaftskandidaten für die Wahlen im November gestritten wurde. 

Juan Carlos Medina Serrano hat zu politischer Kommunikation auf TikTok geforscht

(Bild: privat)

Die Proteste rund um George Floyds Tod hätten die Politisierung der Plattform zusätzlich beschleunigt: "Es ist krass, wie schnell das ging", sagt Juan. Das liege auch daran, dass die "Für Dich"-Page, TikToks zentrale Empfehlungsseite für die individuellen Nutzer, darauf ausgelegt sei, dass Videos schnell viral gehen. Während bei Instagram, Facebook und Twitter die Timelines und Feeds stärker von den Inhalten der User, denen man folgt, dominiert seien, würden auf TikTok Trends stärker hervorgehoben. 

Diejenigen, die sich politisch äußern, seien zum allergrößten Teil nicht älter als die durchschnittlichen TikTok-Nutzer, sagt Juan, nämlich zwischen 16 und 24 Jahre alt. Ihre Protest-Videos sind vielfältig: Manche drücken ihre Betroffenheit und Solidarität aus, wie Charli D'Amelio, andere singen Lieder oder halten selbst gemalte Bilder in die Kamera. 

Bilder von Polizeigewalt, deren Opfern und Protesten

Ein Schwarzer Jugendlicher teilt die Regeln, die seine Mutter ihm beigebracht hat, um ihn vor Polizeiübergriffen zu schützen (jetzt). Ein besonders häufiges Motiv: Bilder von Polizeigewalt, deren Opfern und Protesten, hinterlegt mit dem Song "This is America" des Musikers und Schauspielers Childish Gambino. Obwohl die Videos auf TikTok nur 60 Sekunden lang sind, schaffen es viele, eindrückliche Botschaften in den kurzen Clips zu komprimieren.

Kareem Rahma nutzt TikTok, um Videos direkt von den Demonstrationen in den USA zu teilen. In seiner Heimatstadt Minneapolis verfolgt er die Proteste seit Beginn an mit. Eigentlich ist er Comedian, Dichter und Autor, auf TikTok folgen ihm mehr als 320.000 Accounts. 

Kareem protestiert in Minneapolis und teilt Videos dazu auf TikTok

(Bild: Wale Deen Agboola)

Die Energie der Proteste in kurze Videos gepackt

In Kareems teilweise millionenfach geklickten Videos sieht man sowohl friedliche Demonstrationen als auch brennende Barrikaden. Es sei ihm wichtig, beides zu zeigen, beides zu dokumentieren, sagt er zu bento. "Ich verstehe beide Seiten." 

Die Energie während der Proteste sei unglaublich. Unter den Demonstrierenden herrsche "so viel Herzlichkeit, so viel Fürsorge füreinander." 

„Es fühlt sich an, als ob du an echten Veränderungen beteiligt bist und deine Stimme gehört wird.“

Kareem nutzt zwar auch Instagram und Twitter, TikTok sei aber seine Lieblingsplattform, sagt er. Er merke, wie die aktuellen Proteste TikTok politischer machen. "TikTok ist eine sehr responsive Plattform. Deshalb bewegt sie sich dahin, wo die globale Konversation sie hinführt," sagt er. Außerdem erreiche man dort ein jüngeres Publikum als auf anderen Plattformen: "Twitter ist für alte Leute."

Auf TikTok sind die User die Stars

Juans Forschung hat ergeben, dass politische Kommunikation auf TikTok anders funktioniert als auf Twitter oder Instagram. "Durch den reinen Fokus auf Videos stehen die Nutzer im Mittelpunkt. Sie sind die Stars, wie Nachrichtensprecher präsentieren sie aktiv politische Inhalte," sagt Juan. Durch das "Duett"-Feature, mit dem mit einem eigenen Video auf andere Videos reagiert werden kann, ergebe sich zudem eine neue Form der Debatte: "Es entstehen asynchrone Reaktionsketten, die so auf anderen Plattformen gar nicht oder nur aufwändig möglich sind." 

So sieht ein Duett auf TikTok aus:

Aber will TikTok überhaupt politischen Content? In der Vergangenheit stand die Plattform, die dem chinesischen Internetunternehmen ByteDance gehört, immer wieder in Verdacht, Inhalte zu zensieren, die der chinesischen Regierung nicht gefielen (Zeit). Es wurden schon mehrmals Moderationsregeln geleakt, die beispielsweise besagten, dass als unattraktiv eingestufte Nutzer in der Reichweite zu drosseln seien. (Netzpolitik.org)

Immer wieder Zensurvorwürfe gegen TikTok

Auch in der aktuellen Protestwelle wurde TikTok vorgeworfen, politische Inhalte zu unterdrücken: User hatten bemerkt, dass der Aufrufe-Zähler der Hashtags #BlackLivesMatter und #georgefloyd "0 Views" anzeigte. Das Unternehmen entschuldigte sich und sprach von einem technischen Anzeigefehler, der auch andere Hashtags betroffen habe. (CNBC)

Noch im Januar erklärte der damalige TikTok-Chef Alex Zhu im SPIEGEL-Interview: "Jeder ist bei uns willkommen. Aber ich hoffe, dass TikTok weiterhin als Ort für Unterhaltung wahrgenommen wird, nicht als politische Plattform." 

Mittlerweile ist Zhu aber nicht mehr TikTok-Chef. Im Mai übernahm mit dem hochrangigen Disney-Manager Kevin Mayer ein US-Amerikaner diesen Posten (Süddeutsche Zeitung). Juan sieht den Personalwechsel als Zeichen dafür, dass TikTok sich als unabhängig von der chinesischen Regierung präsentieren will: "Ich glaube, dass sie weitere PR-Desaster unbedingt vermeiden und sich an westliche Standards anpassen wollen." 

Der #BlackLivesMatter-Content lässt sich nicht unterdrücken

Ob TikTok ihn nun will oder nicht: Allein durch die schiere Masse ließe sich der #BlackLivesMatter-Content auf der Plattform momentan wohl kaum unterdrücken. Solange die Proteste in den USA und auf der ganzen Welt weitergehen, werden sich die TikTok-Inhalte wohl weiter politisieren.

Auch Kareem wird weiter auf die Straße gehen. Als Aktivist will er dabei nicht gesehen werden. "Ich bin ein normaler Typ, der seinen Teil beitragen und einen Platz in dieser Revolution finden will." Millionen sehen ihm dabei zu. 


Fühlen

SPIEGEL fragt mit Fynn Kliemann – live ab 19 Uhr

Fynn Kliemann ist Unternehmer, Musiker, YouTuber und Hofbesitzer: Er hat "Do It Yourself" zum Lebensprinzip gemacht, Hunderttausende schauen ihm im Netz dabei zu. Mit Moderator und SPIEGEL-Redakteur Jonas Leppin spricht er am 08. Juni 2020 ab 19 Uhr über sein neues Album "POP" und das Leben im "Kliemannsland". Den Livestream findest du oben.