Bild: bento (Inken Dworak)
Alle guten Dinge: Was motiviert junge Leute? Folge 3: Tierschützerin Hanna

Als Hanna zehn Jahre alt ist, beginnt sie sich eine Frage zu stellen: Wie kommt eigentlich das Fleisch, das ich esse, auf meinen Teller? Was sie dann herausfindet und wie sie damit umgeht, wird sie auch als 24-Jährige noch beschäftigen. Zunächst setzt sie in ihrer Familie durch, dass Bio-Fleisch gegessen wird – mittlerweile ernährt sie sich seit mehreren Jahren vegan. "Ich hatte keine Lust mehr, inkonsequent und unlogisch zu handeln", sagt sie. 

Nicht nur ihr eigenes Leben hat Hanna dem Tierschutz angepasst. Seit fünf Jahren ist sie Aktivistin beim Verein "SOKO Tierschutz". 

Die Aktivistinnen und Aktivisten versuchen, mit schockierenden Foto- und Videoaufnahmen auf Tierleid aufmerksam zu machen. Der Verein erhält die Hinweise oft von Anwohnern aus der Umgebung oder von Mitarbeitern, die auf Missstände aufmerksam machen möchten, also Whistleblowern. 

Eingeschleuste Aktivistinnen filmen, was in einem Schlacht- oder Mastbetrieb, in einem Versuchslabor oder einer Pelzfarm passiert. Dabei entstehen stunden- und tagelange Videoaufnahmen. Eine von Hannas Aufgaben ist es, das Material genau zu sichten und nach Beweisen für Tierquälerei zu suchen.

Im Video erzählt Hanna, welche Dinge sie bei ihrem Aktivismus motivieren:

Im Interview haben wir mit Hanna auch über ihren Alltag, über ihre Haltung zu Tierversuchen und Bio-Fleisch gesprochen.

bento: Hanna, du siehst, teilweise über Stunden am Stück, wie Menschen Tiere quälen. Wie ist das zu verkraften?

Hanna: Man merkt bei unserer Arbeit, dass man ein wenig verroht, wenn man sich stundenlang solche Gewalt anguckt. Das ist eine interessante und wichtige Perspektive, die man durch unsere Arbeit kriegt. Ich denke, so geht es auch den Menschen, die im Schlachthof arbeiten.

Ich will nicht ausschließen, dass es da auch Leute gibt, die ihre sadistischen Bedürfnisse ausleben. Aber ich finde es ein bisschen feige und falsch, wenn man mit dem Finger auf die Leute zeigt, die ein paar Euro die Stunde im Schlachthof verdienen. Das sind meistens ganz normale Menschen, die ihre Familie ernähren und die Miete bezahlen wollen. Und die sind auch nicht das Problem. 

„Das Problem sind die, die am Ende das abgepackte Fleisch im Kühlregal kaufen. Die bezahlen das komplette System.“
Hanna, SOKO Tierschutz

Wenn du aber in einem Tierversuchslabor arbeitest, ist das für mich eine andere Sache: Ich würde mal sagen, die Leute haben eine Wahl, wo sie arbeiten. Sie werden auch besser bezahlt. Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie man dort arbeiten kann. 

Von unserem verdeckten Ermittler wissen wir, dass einige Mitarbeiter in einem Labor selbst Haustiere hatten, Katzen, Hunde, Kaninchen. Das ist ein schizophrenes Verhältnis, das diese Menschen zu Tieren haben. Man muss sich das mal vorstellen: Die haben einen Hund, sie kommen abends nach Hause und der Hund darf auf die Couch, sie streicheln und füttern ihn. Und am nächsten Tag gehen sie zur Arbeit und ihr Job ist es, Hunden giftige Kapseln ins Maul zu pressen, an denen sie sterben. Also ich könnte das nicht.

(Bild: SOKO Tierschutz (YouTube))

Tierversuche stellen in Deutschland eine Ausnahme vom Tierschutzgesetz dar. Befürworter von Tierversuchen sehen in ihnen eine Notwendigkeit, um die Sicherheit von Medikamenten zu gewährleisten. So werden Affen, Hunde und Katzen Teil von Versuchsreihen, etwa in der Hirnforschung oder bei Giftigkeitstests. Die Standards der EU werden dabei in Deutschland nicht eingehalten, das kritisiert die zuständige EU-Kommission bereits seit Mitte 2018 und hat daher ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet (SPIEGEL). 

Zwei Labore, in denen Tierversuche stattfanden, wurden von SOKO Tierschutz verdächtigt, Tiere zu quälen. Der Fall des LPT-Labors in Mienenbüttel bei Hamburg dauert aktuell an, hier sehen Experten Verstöße in der Haltung und Behandlung der Tiere. Dadurch seien auch die Ergebnisse der Studien gefährdet ("Fakt", Das Erste).

Im Fall des Max-Planck-Institutes in Tübingen hatten die Aufnahmen von SOKO Tierschutz für großes mediales und gesellschaftliches Aufsehen gesorgt. Als Resultat von Protesten und Berichterstattung wurden die Tierversuche dort eingestellt – was viele Wissenschaftler empörte. Kritiker äußerten, dass die Aufnahmen durch entsprechende Musik und die dazu eingesprochenen Kommentar manipulativ seien (Deutschlandfunk). Ermittlungen wegen Tierquälerei wurden im Falle des Max-Planck-Institutes eingestellt (Deutschlandfunk). 

(Bild: SOKO Tierschutz)

bento: Juristisch scheint zum Beispiel im Fall des Max-Planck-Institutes nicht genug vorzuliegen. Und medizinische Forschung ist oft essenziell. Warum setzt du dich trotzdem gegen Tierversuche ein?

Hanna: Auf Fleisch, Eier oder Milch kann ich problemlos verzichten, ich trinke einfach Hafermilch. Aber Tabletten kann man als Verbraucherin natürlich nicht so einfach boykottieren. Bei Tierversuchen geht es eher um wirtschaftliche und politische Fragen. Sind Tierversuche gerechtfertigt, in einer Gesellschaft, in der wir sonst nicht erlauben, dass Hunde vergiftet oder getötet werden? Ich finde, wir sollten darüber diskutieren. Und dann ist das natürlich eine Geldfrage: Tierversuche haben eine riesige Lobby. Das sind super viele Unternehmen, die verdienen viel Geld mit dem Geschäft Tierversuch.

Auf der anderen Seite gibt es alternative Methoden, die nicht ansatzweise so viel Geld bekommen oder staatlich gefördert werden. Es gibt beispielsweise neuartige Software, die datenbasiert Giftigkeitstests an Tieren ersetzen könnte. Da wäre es wichtig darüber zu sprechen, was für die Methodenvielfalt tun können und dann langsam mal modern zu werden. 

„Wir müssen überlegen: was können wir noch machen? Außer ein Affenhirn aufzuschneiden und rein zu gucken.“
Hanna, SOKO Tierschutz

Mehr Informationen zu der Alternativmethode zu Tierversuchen, von der Hanna spricht, gibt es zum Beispiel hier: Süddeutsche)

bento: Hanna, du sagst, dass der Verbraucher das System der Nutztierhaltung geschaffen hat und aufrecht erhält. Immer mehr Verbraucher kaufen aber Fleisch aus bio-zertifizierter Haltung (Bundeszentrum für Ernährung). Was hältst du davon? 

Hanna: Nichts. Man muss nicht einmal Videos dazu anschauen, es reicht schon, sich die Haltungsverordnung durchzulesen. Da wird der Lebensraum der Tiere in Quadratmetern angegeben. Auch in der Bio-Haltung bedeutet das, dass mehrere Hühner auf einem Quadratmeter leben. Das ist meiner Meinung nach totaler Bullshit.

So ist es auch bei der Schlachtung: Wir hatten einen Schlachthof-Fall in Fürstenfeldbruck, da wurden auch Tiere geschlachtet, deren Fleisch unter 'Naturland'- und 'Bioland'-Siegeln verkauft wurde. Und da konnte man nicht sehen, welches Tier bio ist und welches nicht. Die Methoden sind dieselben. 

Ein Bio-Tier wird auch mit CO2 oder Elektroschocks betäubt, aufgestochen und blutet dann aus. Das Essen von Bio-Fleisch hat für mich schnell keinen Sinn mehr gemacht, darum habe ich entschieden, mich vegetarisch zu ernähren. Doch ich habe dann herausgefunden, was in der Produktion von Milch und Eiern passiert: Eine Milchkuh wird nach vier bis sechs Jahren geschlachtet. 

Natürlich könnte so eine Kuh auch zwanzig Jahre alt werden. Aber wenn ihre Leistung als Milchproduzentin nachlässt, wird sie getötet. Das Nutztierhaltungssystem war für mich unlogisch. Das war der Grund, warum ich entschieden habe, mich pflanzlich zu ernähren und aktiv zu werden. 

Um das Thema Tierschutz wird, ähnlich wie beim Klimawandel, oft heftig gestritten. Das gilt nicht nur für Tierversuche, sondern auch für die Nutztierhaltung ganz generell. 

Wie siehst du das?


Uni und Arbeit

"Meine Brüder ziehen mich manchmal auf, weil ich nach Chemnitz gegangen bin"
Aus Chemnitz kamen zuletzt oft negative Schlagzeilen – auch die Zahl der Studienanfänger sank rapide. Wie fühlt sich das Unileben dort an? Ein Campusbesuch.

An diesem Wintervormittag ist es warm in Chemnitz, zwölf Grad und Sonne. Wenn man aus dem Hauptbahnhof kommt, sieht man alte Gebäude mit hohen Fenstern und spitzen Dächern.

In den vergangenen zwei Jahren hat es viele negative Schlagzeilen aus Chemnitz gegeben. Nun scheint sich das auf die Universität auszuwirken. 

Denn die TU Chemnitz hat ein Problem: Zum Wintersemester 2019/20 haben sich 2145 Studienanfängerinnen und -anfänger eingeschrieben (MDR). Das sind fast 20 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Obwohl die Studierendenzahlen in Deutschland im laufenden Wintersemester einen neuen Rekordwert erreicht haben, wollen offenbar weniger nach Chemnitz (SPIEGEL). 

Warum?