Bild: dpa/Bodo Schackow
Und was macht das mit den Menschen vor Ort?

Im Gasthaus "Goldener Löwe" ist die rechtsextreme Welt in Ordnung. Ein Nussknacker auf dem Regal hebt im 45-Grad-Winkel den Arm zum Gruß, auf einem Kissen ist ein Landser mit Gewehr im Anschlag zu sehen, und Rentner Hans bestellt einen Kaffee – "aber in der braunen Tasse". Er lacht.

Vielen Menschen in der südthüringischen Kleinstadt Themar ist das Lachen schon länger vergangen. 

Und das liegt am Betreiber des Restaurants, das sich ganz in der Nähe befindet: Tommy Frenck.

Im Sommer 2017 organisierte der 30-Jährige das Konzert "Rock gegen Überfremdung" – rund 7000 Neonazis kamen am 15. Juli in die Kleinstadt-Idylle an der Werra, grölten, feierten, zeigten dutzendfach den Hitler-Gruß. Es war das europaweit größte Treffen dieser Art im vergangenen Jahr. Das Image der Stadt hat seitdem einen tiefen Kratzer – und daran wird sich so schnell nichts ändern.

Die nächsten Aktionen sind bereits angemeldet.

Erneut könnten bald Tausende Anhänger rechter Gruppen wie dem Dritten Weg, den Identitären, Reichsbürgern und Neonazis durch das Städtchen ziehen. Für die meisten Einwohner ist das ein Horrorszenario, doch nicht alle wehren sich mit aller Entschlossenheit gegen die rechten Aufmärsche. Neonazi Frenck hat die Stadt gepalten.

Beim Eintritt in die Stube seines Restaurants spricht Frenck eine Warnung aus: "Vorsicht", sagt er. "Hier wurde frisch gewischt, nicht, dass Sie ausrutschen." Frenck gibt gern den ordentlichen und freundlichen Bürger. Seine Erscheinung ist weniger bürgerlich: Das schwarze T-Shirt spannt am Körper, die Arme sind vollständig tätowiert, am Hals lugt das Wort "Aryan" hervor – Arier.

Hinter dem Gastraum liegt das Lager seines Onlineshops. Von dort vertreibt der frühere NPD-Politiker allerlei Nippes für die rechtsextreme Kundschaft, etwa T-Shirts mit der Zahl 88 (steht im Nazi-Jargon für Heil Hitler) oder "I love HTLR". Mit dem Konzert im vergangenen Jahr lief auch das Geschäft für ihn besonders gut. Das Shirt mit der Aufschrift "Sturm auf Themar" habe sich am besten verkauft, sagt er. 800 gingen weg, für 20 Euro das Stück.

Gasthaus-Besitzer Tommy Frenck

Mit seinem Gasthaus im kleinen Ort Kloster Veßra, nur wenige Kilometer von Themar entfernt, hat Frenck eine Anlaufstelle für Neonazis aus der Region geschaffen. Am Geburtstag von Adolf Hitler gibt es schon mal Schnitzel für 8,88 Euro, seit 2015 veranstaltet der frühere Gewichtheber dort rechte Liederabende und Konzerte. Das Konzert vom Sommer 2017 stellt aber allein aufgrund seiner Besucherzahl eine neue Qualität dar.

Das Problem ist schon länger bekannt. Thüringen gilt als Hochburg der Neonazi-Musikveranstaltungen. 

59 Konzerte und Liederabende dieser Art zählte die "Mobile Beratung in Thüringen" (Mobit) im vergangenen Jahr im Freistaat, fünf mehr als 2016. "Das ist eine sehr hohe Zahl", sagt Stefan Heerdegen, der mit anderen Mobit-Mitarbeitern seit Jahren die Szene beobachtet und Events mit einem Musikanteil auswertet.

Genauer gesagt: die höchste deutschlandweit. In keinem anderen Bundesland gab es laut Mobit so viele Rechtsrock-Konzerte. 

Im Schnitt findet an jedem Wochenende in Thüringen ein Neonazi-Konzert statt.

Der Verfassungsschutz führt ebenfalls eine Statistik über rechte Musikveranstaltungen, kommt wegen einer anderen Zählweise meist aber auf niedrigere Zahlen. Die Schlussfolgerung ist jedoch dieselbe. 

Thüringen bewege sich auf einem hohen Niveau, lag im Jahr 2016 hinter Sachsen und Sachsen-Anhalt bei der Zahl auf dem dritten Platz. Die Auswertung für das Jahr 2017 will der Verfassungsschutz in den kommenden Monaten vorlegen.

Frencks Gasthaus nahe Themar hat einen besonderen Anteil an der zweifelhaften Spitzenposition des Freistaats: Allein für den Ort Kloster Veßra listet Mobit 13 Veranstaltungen für 2017 auf.

Aber auch an anderen Orten fanden gleich mehrere Konzerte statt: neun in Kirchheim, acht in Erfurt und Eisenach. Wo sich Veranstaltungsräume in der Hand von Rechtsextremen befinden, werden diese auch gern an Kameraden weitervermietet. Für die Veranstalter besteht so kaum die Gefahr, dass ein Saaleigentümer die Polizei ruft, wenn er realisiert, wer da in seinen Räumlichkeiten feiert. "Es wurde den Veranstaltern in der Vergangenheit schlicht zu einfach gemacht", sagt Stefan Heerdegen.

Die Landesregierung des Freistaats will nun reagieren und das Versammlungsrecht präzisieren. Ziel: Kommerzielle Nazi-Konzerte wie das von Frenck sollen nicht mehr als politische Veranstaltung gelten. "Wir wollen nicht, dass Rechtsradikale das Versammlungsrecht ausnutzen können", sagte Innenminister Georg Maier (SPD) kürzlich dem MDR. 

Ein Konzert, bei dem Eintritt verlangt werde, müsse auch als kommerzielle Veranstaltung gewertet werden und nicht als freie Meinungsäußerung, sagte Maier. Der Entwurf soll laut Minister "kurzfristig ins Kabinett eingebracht werden".

An der Wirkung dieser Idee gibt es aber erhebliche Zweifel. "Solange politische Inhalte bei solchen Veranstaltungen wiedergegeben werden, wird es wieder als Versammlung gewertet", glaubt Themars Bürgermeister Hubert Böse. Er kennt sich aus, schließlich hätte er die Veranstaltungen in seiner Stadt gern verhindert.

Bürgermeister Hubert Böse

Böse, 65, sitzt in einem Übergangsbüro, das alte Rathaus wird gerade erneuert. Sein grauer Bart ist korrekt gestutzt, Böse ist komplett in schwarz gekleidet. Im April läuft seine Amtsperiode aus, 18 Jahre ist er dann Bürgermeister, ob er noch mal antritt, weiß er noch nicht.

Das parteilose Stadtoberhaupt hat schwierige Monate hinter sich. Zwar ist er stolz über den Protest gegen die Neonazis, zugleich aber auch enttäuscht von manchen Einwohnern. Es "hätte aus Themar mehr Unterstützung kommen können", sagt er. Es habe zwar massive Gegenproteste gegeben. Aber nicht genug. 

Es tut mir etwas weh, dass man sich nicht eindeutiger positioniert hat.
Bürgermeister Hubert Böse
Haben die Menschen Angst vor den Neonazis? Hegen sie Sympathien? Ist es ihnen egal?

Auf den Straßen Themars bekommt man zumindest eine Ahnung davon, was der ehrenamtliche Bürgermeister meint. Der Ort mit seinen 3000 Einwohnern scheint gespalten. Während sich einige Bürger klar gegen die Neonazis aussprechen, klingt das bei anderen so: "Jeder soll doch seine Gesinnung haben, das ist mir egal", oder "die haben ja nichts gemacht, die Wiese war danach doch quasi besenrein."

Bei Worten wie diesen wird der ruhige Bürgermeister lauter: "Und wer räumt den geistigen Müll weg?"

Wer mit Frenck über den Holocaust oder das Dritte Reich sprechen will, erhält als Antwort: "Dazu darf ich nichts sagen, denn das wäre strafbar." Lieber redet Frenck über Ausländer. Er hetzt gegen "Schwarze" und "Araber", die angeblich das Straßenbild in der Kreisstadt bestimmten, ätzt über die Vermischung von Kulturen; und vergleicht als gelernter Koch Deutschland dann mit einem Gericht: "Wenn Sie zu viel Salz in die Suppe werfen, schmeckt die auch nicht mehr." In Thüringen lag der Ausländeranteil im Jahr 2016 bei 4,1 Prozent.

Ob er ein Neonazi sei? Ihm sei egal, wie er bezeichnet werde. "Von mir aus können mich die Leute auch grüner Schlumpf nennen." Wichtig sei ihm, etwas in der Region zu bewirken und die öffentliche Meinung zu verändern. Das versucht er als Kreistagsabgeordneter mit einem eigenen, rechten Bündnis – und mit seinen Veranstaltungen.

Mit seinen Aussagen trifft er das Gefühl zumindest einiger Menschen in seiner Umgebung. Im Ort Kloster Veßra, in dem er sein Gasthaus betreibt, wählten bei der Bundestagswahl 41 Prozent die AfD. 

In den anderen Orten war die Zahl nicht ganz so hoch, wie im "Epizentrum des Bösen", wie Frenck es nennt. Im gesamten Wahlkreis erreichte die AfD immerhin 23 Prozent der Stimmen.

Zur AfD pflegt Frenck gute Kontakte. Gleich gegenüber dem Gasthaus liegt das Autohaus eines ehemaligen AfD-Politikers und Bürgermeisters Bodo Dressel. Der vermietete Frenck im vergangenen Jahr auch die Wiese. Dort soll am 8. und 9. Juni ein zweitägiges Fest stattfinden – die "Tage der ganzen Bewegung" sollen für die ganze Familie gedacht sein – angemeldet vom NPD-Politiker Sebastian Schmidtke. "Ich habe damit nichts zu tun", sagt Frenck. Eigene Veranstaltungen schließt er dennoch nicht aus. "Ich mache das immer so, dass sich niemand darauf vorbereiten kann." Er lacht.

Auf der Konzertwiese steht die Theologin Barbara Morgenroth. Sie ist im "Bündnis für Demokratie und Weltoffenheit Kloster Veßra" aktiv. Man kann sich kaum vorstellen, dass auf diesen 3500 Quadratmetern so viele Menschen Platz fanden.

Morgenroth ist eine Frau, die Kritik offen ausspricht. Angst habe sie vor den Neonazis nicht gehabt, als sie damals gegen die Neonazis demonstrierte. Wie der Bürgermeister ist auch sie stolz darauf, dass sie so einen Protest organisieren und durch die mediale Aufmerksamkeit den Druck auf die Politik erhöhen konnten. Künftig soll verstärkt auch in den Schulen aufgeklärt werden.

Doch in den Stolz mischt sich noch ein anderes Gefühl. Besonders, wenn es um die Neonazi-Veranstaltung im Sommer des Jahres geht. Es ist die Ohnmacht: 

"Ich bin gespannt, wer da aus unserem Ort hingeht. Ich hoffe niemand, aber das ist wohl nur ein frommer Wunsch."

Dieser Artikel ist zuerst bei SPIEGEL ONLINE erschienen.


Gerechtigkeit

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