Unser Autor hat versucht, junge Männer vor Ort zu sprechen. Er hatte mäßigen Erfolg.

Wenn Marcel auf Instagram Fotos aus seiner Heimat postet, scheint die Welt in Ordnung. Er fährt eine alte "Simi", eine Simson, das DDR-Moped, und zeigt sie gerne vor schöner Kulisse im Saale-Orla-Kreis. Mal lehnt das Moped in der Abendsonne an einer Brücke, mal auf einem Waldwanderweg. 

"Stolzer Ossi" hat Marcel über sich im Profil stehen. 

Im Saale-Orla-Kreis, den Marcel auf Instagram als seinen Wohnort angibt, haben am vergangenen Sonntag besonders viele Menschen die AfD gewählt. Im Vergleich zur letzten Landtagswahl konnte die Partei ihr Ergebnis hier um gut 15 Prozentpunkte steigern. Unter den AfD-Wählern im Thüringen sind viele junge Menschen, vor allem viele junge Männer. 

Ich will wissen, wie sie auf die Zukunft blicken, was sie sich von der AfD erhoffen – und was andere an der Partei fürchten. Der Regionalzug fährt von Leipzig nach Pößneck, von dort rumpelt ein Regiobus Richtung Schiefergebirge, wie durch ein Märchenland. Am Morgen liegt im Schatten der Fichten der Raureif auf den Feldern. Nebel steigt aus den Bächen auf. Die Saale windet sich zwischen den Felsen entlang, Rad- und Wanderwege legen sich wie ein feines Netz über die Landkarte. 

Es geht durch kleine Dörfer wie Krölpa und Paska, südlich von Pößneck und noch ein paar Meter weiter nach Ziegenrück – einem bei Touristen beliebten Ausflugsort mit mehreren Hotels, einer Kegelbahn und Bootsanlegern. 

Ziegenrück im Saale-Orla-Kreis: Kegelbahn und Bootsanleger, aber kein Jugendklub.

(Bild: Marc Röhlig)

An so einem Anleger direkt am Saaleufer treffe ich Loui, 21. Es sei einer ihrer Lieblingsorte in Ziegenrück, nirgends könne man das Spiel des Wassers so schön beobachten. Ein Springbrunnen schießt kleine Fontänen in die Luft, am anderen Ufer gründeln ein paar graue Schwäne. Sie komme gerne nach der Arbeit hierher, um noch ein bisschen durchzuatmen, sagt Loui, wie jemand, der die kleinen Dinge im Leben wirklich wertschätzt. 

Wie Marcel postet auch sie viele Heimatbilder auf Instagram, per Direktnachricht hat sie einem Treffen zugestimmt. Loui heißt eigentlich anders, aber hat nach dem Gespräch gebeten, den Namen zu anonymisieren. 

Loui ist AfD-kritisch. Sie fürchtet Anfeindungen: "Man weiß ja, wie die Menschen sind", sagt sie. 

Loui arbeitet in Ziegenrück als Altenpflegerin und hört gerne Country – "oder Metal, wenn ich mich abreagieren will." Sie wohnt noch bei ihren Eltern im nahegelegenen Krölpa. Von knapp 900 Zweitstimmen gingen dort 316 an die AfD, 245 an die Linkspartei, die Grünen wurden 18 Mal gewählt (Wahlergebnis Thüringen). 

Thüringerin Loui: "Politik findet bei meinen Freunden gar nicht statt."

(Bild: Marc Röhlig)

Die Wahlergebnisse hat Loui mit ihren Eltern vom Sofa aus verfolgt, "oh je" sei ihr erster Gedanke nach den Hochrechnungen gewesen. "Es ist erschreckend, wie viele die wählen", sagt Loui und meint die AfD.

„Ich hätte gedacht, dass Greta mehr zieht, immerhin reden doch derzeit alle vom Klimaschutz.“
Loui

Die Debatten um Themen wie die Klimakrise und den Umgang mit Geflüchteten mögen ganz Deutschland beschäftigen, im Osten aber werden sie mit besonderer Härte ausgetragen – mit extremen politischen Konsequenzen. Bei der Landtagswahl in Thüringen schmierten SPD, Grüne und CDU regelrecht ab. Die Linkspartei unter Ministerpräsident Bodo Ramelow bekam zwar die meisten Stimmen, doch keine Partei gewann so stark zu wie die AfD (bento). 

In Thüringen wird die AfD von Björn Höcke angeführt. Wer seine Reden hört und seine Schriften liest, weiß, dass sich der Politiker vom Grundgesetz verabschiedet hat und offen rassistische Positionen vertritt. Ein Gericht hat bestätigt, dass man Höcke als "Faschisten" bezeichnen darf (MDR). 

Am Tag nach der Wahl teilten die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Identitären "die patriotischsten Orte" Thüringens als Urlaubsempfehlung. Sie heißen Grimmelshausen oder Kühdorf. Die AfD erreicht hier Werte zwischen 40 und 50 Prozent. Spitzenreiter ist das kleine Dorf Paska, nur einen Fußmarsch von Ziegenrück entfernt. Hier wählten 62,7 Prozent die AfD (Wahlergebnis Thüringen).

Läuft man durch Paska, das AfD-Dorf, erblickt man eine Gemeinde, wie sie so ähnlich wohl tausendfach in Deutschland existiert. 

Die Glocke im Kirchturm schlägt zur vollen Stunde, im Teich schwimmt Entengrütze. Fast alle Häuser sind auffallend saniert, vor vielen stehen selbstgeschnitzte Kürbisse, in den Gärten verwelken die letzten Sonnenblumen. Allerdings, einen Bäcker gibt es nicht, auch der Konsum hat zugemacht. Neben dem frischsanierten Spielplatz hängt ein Zettel im Gemeindeaushang: Die Eltern sollen doch bitte Süßes bereithalten, Halloween steht an. Paska wirkt nicht wie ein Dorf der Besorgten. 

AfD-Hochburg Paska: Junge Männer sucht man hier vergeblich.

(Bild: Marc Röhlig)

Ein älterer Herr beugt sich über seine Hecke, was er gewählt hat, will er nicht sagen: "Die Politiker verkaufen uns alle für blöde, egal ob von der AfD oder irgendeiner anderen Partei!" Dann will er nicht weiterreden, er habe zu tun. Junge Menschen, vor allem junge Männer, sucht man in Paska vergeblich. 

Marcel, der "stolze Ossi" von Instagram, vergibt gelegentlich Geotags aus der Umgebung. Interesse an einem Treffen hat er jedoch nicht. Ja, schreibt er, er sei zwar von hier, wüsste aber nicht, warum er "mit einem Wildfremden über Thüringen reden sollte". Ich sage ihm, ich komme aus Gera, eine Autostunde entfernt. Er lehnt trotzdem "dankend" ab. Er wird nicht der einzige junge Mann bleiben, der auf Fragen argwöhnisch reagiert, der direkt abblockt. 

Am Ende sind es in Thüringen nur die jungen Frauen, die reden wollen.

Nicole zum Beispiel. Zurück im Örtchen Ziegenrück schiebt die junge Mutter gerade einen Kinderwagen am Saale-Wanderweg entlang. Sie trägt eine Windjacke und hat die Haare zum Pferdeschwanz gebunden. Im Wagen sitzt ihr Sohn, anderthalb Jahre alt. Vom kalten Wind sind seine Bäckchen ganz rot. 

Auch Nicole will ihnen echten Namen nicht nennen, aber über die Wahl reden, das ginge. Sie sagt: 

„Ich hätte mir gewünscht, dass die Wahl noch weiter rechts ausgefallen wäre.“
Nicole

Nur dann wäre wirklich was bewegt worden. Was bewegt werden soll? "Na die Infrastruktur, der Tourismus, all so was." 

Die Mutter erzählt, dass seit Jahren nichts passiere und Thüringen an Attraktivität verliere. Sie habe ein paar Jahre lang im Schwarzwald in der Gastronomie gejobbt, dort könne man sich vor Touristen kaum retten – "dabei haben wir hier Schwarzwald plus Wasser!" Ziegenrück liegt mitten in einem großen Naturschutz- und Freizeitgebiet. Im Sommer steigt hier das "SonneMondSterne"-Festival, auf den Stauseen kann man Kanu fahren, in den Bergen wandern. Liebhaber sprechen von den "Thüringer Fjorden" (bento).

Tatsächlich ist die Region auf dem Vormarsch. Kein anderer Landkreis eint in Ostthüringen so viele mittelständige Unternehmen wie der Saale-Orla-Kreis, ein Autozulieferer wurde gerade erst mit dem "Leuchtturm" ausgezeichnet, einem Innovationspreis für ostdeutsche Unternehmen. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete der Landkreis knapp zwei Milliarden Euro Umsatz (Landesamt für Statistik). "Die meisten Jungen ziehen trotzdem weg", sagt die junge Mutter.

Tatsächlich hat der Landkreis seit 1989 gut ein Viertel seiner Bevölkerung verloren. In Ziegenrück lebten im Wendejahr noch 1047 Einwohnerinnen und Einwohner, 2016 waren es nur noch 660 (Statistik Thüringen). Kein Wunder, sagt Nicole, "das tut sich ja hier keiner mehr an." 

Mit "das" meint sie die angeblich schwindende Industrie und die gefühlte Perspektivlosigkeit. Sie selbst arbeite nicht mehr, sei jetzt ganz Mutter. Sie lobt aber den örtlichen Kindergarten, er sei überschaubar genug, dass alle Kinder gut betreut würden. Nicole schiebt ihren Kinderwagen über groben Kies, sie müht sich, die Räder verkanten immer wieder. Der Weg, zum Beispiel, der müsse zum Radweg ausgebaut werden, sagt sie. "Dann kommen auch wieder Touristen nach Ziegenrück."

Dass Menschen fernbleiben könnten, gerade weil in Thüringen immer mehr Menschen rechtsaußen wählen, glaubt Nicole nicht. Für sie sei die AfD keine Partei, die Angst mache – sondern eine, die Hoffnung gebe.

Am Abend haben in Ziegenrück zwei Gaststätten geöffnet – die eine hat Thüringer Klöße auf der Karte, die andere Wildschwein-Burger mit Preiselbeeren.

In der ersten treffen sich gerade die älteren Damen des Ortes zum Kegeln. Ein einzelnes Pärchen im Schankraum beugt sich über einen AfD-Artikel aus der Lokalpresse. Ein Reporter hatte das Dorf Paska besucht, in dem so viele die Rechten gewählt haben. Der Besuch komme zu spät, urteilt das Paar.

Marktecke in Ziegenrück: Die Radwege ausbauen, den Busfahrplan ausweiten.

(Bild: Marc Röhlig)

In der anderen Gaststätte steht Saskia hinterm Tresen und bestätigt am Telefon auf Englisch eine Zimmerreservierung. Fast alle Tische im Schankraum sind belegt. Die Pension neben ihrer Gaststätte sei fast immer ausgebucht, seit Jahren steige die Nachfrage. "Die Region hier ist nicht im Niedergang!", sagt Saskia. 

„Das sind die Verbitterten, die so was sagen.“
Saskia

Auch Loui, die Altenpflegerin, kann dem Pessimismus vieler Gleichaltriger nichts abgewinnen. Und deren Wahlentscheidung auch nichts: "Ich kann es nicht nachvollziehen, wie man so denken kann", sagt sie, "wie man so viel Hass entwickeln kann." Noch dazu, wo es hier kaum Zugezogene gebe. 

Straße in Ziegenrück: Keiner redet mehr miteinander, vor allem nicht über Politik.

(Bild: Marc Röhlig)

Im Saale-Orla-Kreis liegt die Ausländerquote bei 3,4 Prozent, einer der niedrigsten Werte im Land (Landesamt für Statistik). Einzig im Überlandbus klebt ein Hinweis auf Arabisch, das Geld für Tickets möglichst passend dabei zu haben. Laut dem Thüringen-Monitor, einem jährlich von der Landesregierung erhobenen Stimmungsbild, hegt jeder fünfte Thüringer rechtsextreme Einstellungen, knapp die Hälfte stimmt nationalistischen und fremdenfeindlichen Aussagen zu (Thüringen-Monitor 2018).

An fehlender Bildung könne so eine Haltung nicht liegen, meint Loui. Ihre Klasse habe die Gedenkstätte Buchenwald besucht, "als wir vor den Öfen standen, wurde jedem komisch im Magen".

Die junge Frau glaubt, dass heute eher zu wenig miteinander geredet wird: "Politik findet bei meinen Freunden gar nicht statt, wir reden lieber über Beziehungen oder unsere Arbeit." Auch sie selbst habe eigentlich kein großes Interesse an Politik. Die Wahlprogramme der einzelnen Parteien habe sie sich nicht angeschaut.

Dabei haben Loui und Nicole, die junge Mutter aus Ziegenrück, Themen, die sie verbinden. Beide wünschen sich eine noch bessere Infrastruktur für die Region. Loui fährt Auto, weil der Regiobus zu selten kommt. Nicole will Radwege, weil so der Tourismus gesteigert würde. Beide wünschen sich, von den Politikerinnen und Politikern gesehen zu werden. 

Nur in der Frage, wer es am besten richten kann, gehen sie auseinander. Aber miteinander darüber sprechen werden sie wahrscheinlich nie.

Hinweis: In einer ersten Version haben wir geschrieben, dass die AfD ihr Wahlergebnis im Saale-Orla-Kreis um 20 Prozent gesteigert hat. Das war falsch: Es war ein Zuwachs von 15 Prozentpunkten, was umgerechnet eine Steigerung von mehr als 120 Prozent bedeutet. Wir haben den Fehler korrigiert.


Streaming

"Wir sind die Welle" auf Netflix: Hier kommen die linksgrünen Öko-Terroristen
Was die Neuauflage des Klassikers "Die Welle" anders macht – und warum sich das Gucken lohnt

Was passiert, wenn man eine Schulklasse in ein straff autoritäres Regelsystem zwängt und sie für Kritik und Fehlverhalten bestraft, für Gehorsam aber belohnt? Die Antwort auf diese Frage ("Sie werden Faschisten") findet man im Roman "Die Welle", der in Deutschland und Österreich in vielen Schulen zur Standardlektüre gehört. 2008 wurde der Stoff zuletzt verfilmt, mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle.

Auf Netflix startet am 1. November eine Neuauflage des Klassikers – und nimmt sich vor, den Stoff komplett neu zu denken. Nun geht es um die Frage: Was passiert, wenn man Schülerinnen und Schülern nicht totalitäre, sondern systemkritische linke Gedanken einimpft? 

Schwappt die Welle auch in die andere Richtung? 

Gedreht wurde "Wir sind die Welle" in Gelsenkirchen, die Handlung spielt allerdings in der fiktiven Stadt Meppersfeld. Deren Geschwister-Scholl-Gymnasium ist eine durchschnittliche deutsche Schule: Streber, bauchfrei tragende Insta-Mädchen und Ökos teilen zwar das Klassenzimmer, ansonsten aber nicht viel.