Bild: Swen Pförtner/dpa
Auch wenn Höcke erst 2014 nach Thüringen zog – sein Denken begegnete mir hier von klein auf.

Der Augenblick, in dem ich verstand, dass meine Heimat Thüringen ein Problem hat, begann mit einem Trinkspruch. Es war auf einer Studentenparty in Freiburg im Breisgau, als jemand rief: "Ex oder Arschloch!"

Ich kannte den Spruch so nicht. Denn in meiner Heimatstadt Gera im Osten Thüringens lautete er: "Ex oder Jude." Ich hörte ihn bei Grillpartys in der Datsche, am Tresen des lokalen Irish Pub und in der Großraumdisko hinten im Industriegebiet. 

Ich hatte ihn selbst nie gerufen. Aber in all den Jahren hat nie jemand den Mund aufgemacht, gesagt, dass das ein Problem ist. Und ich hatte einfach nie über den Spruch nachgedacht. Und das wiederum ist ein Problem, das bis ins Thüringen von heute strahlt – und zeigt, wie eine um die andere junge Generation dabei hilft, den Freistaat in ein braunes Nest zu verwandeln.

Bei den Landtagswahlen in Thüringen wurde die AfD in allen Altersgruppen unter 60 die stärkste Kraft. 

Bei den unter 30-Jährigen stimmten 24 Prozent für die AfD, bei den 30- bis 40-Jährigen sogar 28 Prozent. Nur die älteste Generation, die Ü60er, gaben den Rechten nur 16 Prozent Stimmanteil (Tagesspiegel). 

Als vor wenigen Wochen in Sachsen und Brandenburg gewählt wurde, fuhr die AfD auch dort Erfolge ein. Doch unter den Millennials wählten viele auch Grün. 

In Thüringen wird die AfD von Björn Höcke geführt. Sie ist hier nicht länger "nur" eine rechtspopulistische Partei, sondern eine völkische bis rechtsextreme. Höcke macht mit seinen Reden und mit seinem Buch unmissverständlich deutlich, dass er faschistisch und rassistisch denkt. In meiner Heimat stört das trotzdem einen großen Teil der Wählerschaft nicht. 

Warum ist das so?

Um zu verstehen, warum sich Thüringer Millennials für einen völkischen Rassisten begeistern, muss ich nur auf meine eigene Jugend zurückblicken. Und auf eigene Versäumnisse.

Ich bin in Gera großgeworden, einer einstigen Industriestadt im Osten. Unmittelbar nach der Wende lebten hier noch 130.000 Menschen, heute sind es noch 95.000 (Stadt Gera). Es gab Jugendclubs, es gab Bars und Kneipen. Und es gab eben auch: die Nazis.

Stadtzentrum von Gera: Viele konnten es sehen, keiner sagte was.

(Bild: Marc Röhlig)

Damals konnte man die noch als solche erkennen. Sie standen mit Springerstiefeln und ohne Haare am zentralen Busbahnhof rum oder saßen im Pub am Nebentisch. Sie trugen Kameradschaftsabzeichen auf dem Shirt und Zorn im Gesicht. Und ihnen wurde nicht widersprochen.

Ich war nie besonders politisch, trug aber mal längere lockige Haare. Einmal geriet ich an eine Gruppe Nazis, sie hielten meine Haare wohl für ein Statement. Sie schlugen nach mir, sie schubsten mich auf ein Bahngleis. Es war mitten am Tag, es war in der Heinrichstraße, dem zentralen Umsteigeplatz der Stadt. Viele konnten es sehen, keiner sagte was.

Dass Nazis in Thüringen über Jahre kaum widersprochen wurde, ist einer der Gründe für die jetzigen Wahlergebnisse. 

Wer als junger Mensch nicht dauernd verprügelt werden wollte, musste lernen, neben den Glatzen zu existieren. In Thüringen gibt es, mit wenigen Ausnahmen wie Jena oder Weimar, keine vielfältige Jugendkultur. Wer tanzen gehen wollte, musste damit leben, dass die Glatzen beim Pogo dabei sind. Wer trinken gehen wollte, musste damit leben, dass sie zuerst am Billardtisch stehen. Für meine Jugend in Thüringen galt: mitmachen, ignorieren, oder sich ins Private zurückziehen. 

Die meisten aus meiner Clique wählten das Ignorieren oder den Rückzug. Und sobald die Ausbildung in der Tasche war, wählten viele – auch ich – dann den Wegzug. 

Das rächt sich jetzt. 

Die Exil-Thüringer behalten ein Land der Klöße im Herzen, die Daheimgebliebenen fügen ihre braune Soße hinzu. 

Mein Thüringen, seit jeher ein Bundesland der inneren Widersprüche, verschiebt sich von Generation zu Generation weiter nach rechts. Wer hier aufwächst, trägt Piefigkeit und Weltläufigkeit gleichsam in sich. Ich bin stolz auf Goethe und Schiller, aber auch auf die Bratwurst. Ich sehe in Thüringen eine kulturelle und politische Wiege der Nation – aber weiß doch um das Konzentrationslager Buchenwald in der Mitte meiner Heimat. 

"Bratwurstwörld" bei Arnstadt: Über Wartburg und Würste mag man reden – aber bitte nicht über alles andere.

(Bild: Marc Röhlig)

In der Schule wurde allerdings das eine immer gelobt, das andere eher ausgespart. Buchenwald hatte ich mit der Schule bis zum Abi nie besucht, ich musste selbst hinfahren. Im Geschichtsunterricht ging es natürlich ausführlich um die Zeit des Nationalsozialismus, aber für die Bedeutung der Worte "nie wieder" schien mir dennoch zu wenig Raum. 

Der Gesellschaftsunterricht legte mehr Wert darauf, den Unterschied zwischen "Brutto" und "Netto" zu vermitteln als die Bedeutung des Wortes "Demokratie".

Thüringen ist stolz auf seine naturwissenschaftliche Förderung, ist einer der Spitzenreiter bundesweiter Bildungsrankings. Aber abseits von Mathematikolympiaden war das Angebot für die Jugend eher klein. 

Erst Anfang diesen Jahres, im Wahljahr, entschied sich die rot-rot-grüne Regierung für ein Finanzplus für Jugendclubs und Sozialarbeit: Per Gesetz werden nun jährlich 26,3 Millionen Euro für die Kinder- und Jugendarbeit in Thüringen garantiert. Die einzige Partei, die gegen das Gesetz stimmte, war die AfD. (Welt

In Thüringen redet man gerne über Wartburg, Weimarer Republik und Würste  – aber bitte nicht über alles andere. Meine Freunde von daheim lassen alles Politische gerne beiseite. Auch als ich kürzlich Kloß-Fritz, in Thüringen ein Idol, interviewt habe, druckste er herum, als es politisch wurde. Rechtsruck? Ja, traurig, aber wir haben ja Klöße!

Die Sprachlosigkeit von uns Thüringern der Mitte sorgt dafür, dass sich der rechte Rand in den vergangenen Jahren immer weiter in selbige vorarbeiten konnte. Das NSU-Trio wurde hier ungesehen groß, führende Neonazi-Kader sind hier zuhause, für Rechtsrockkonzerte reisen Faschisten aus dem ganzen Land an.

Im jüngsten Thüringen-Monitor, einer seit 2000 stattfindenden Befindlichkeits-Befragung der Landesregierung, stimmen ganze 47 Prozent der Befragten nationalistischen und ausländerfeindlichen Aussagen zu. Einem Fünftel attestieren die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rechtsextreme Einstellungen. (Thüringen-Monitor 2018)

Björn Höcke mag erst seit fünf Jahren in Thüringen leben. Seine rechtsextremen Ansichten waren schon vor ihm da. 

Bereits vor 18 Jahren stimmten mehr als 35 Prozent der Aussage zu, es gäbe "wertvolles und unwertes Leben", knapp 49 Prozent stimmten zu, dass Deutschland durch die "vielen Ausländer" in "gefährlichem Maße überfremdet" sei (Thüringen-Monitor 2001). Es sind auch die Aussagen meiner Generation, es sind Aussagen, denen ich nichts entgegengesetzt hatte. Die Verschwörungstheorien von rechts, von der "Überfremdung" bis zur "Umvolkung", sickerten so in die Mitte der Gesellschaft. 

Wenn ich heute auf Heimatbesuch bin, begegnen mir diese Ansichten überall. Als Aussagen am Esstisch oder in der Kneipe, als Sticker oder Graffiti an Häuserwänden und Laternenmasten. Bei einer Wanderung durch den Stadtwald sah ich eine Parkbank, auf die jemand "Weint um euer Land! oder Widerstand!!!" geschrieben hat. 

Die Wut, sie steht auch dort einfach da. Ganz ohne Widerspruch.

Rechte Botschaften in Thüringer Wäldern: Ganz ohne Not, ganz ohne Widerspruch.

(Bild: Marc Röhlig)

Future

Wenn der Headhunter zweimal klingelt
Unternehmen suchen händeringend nach Fachkräften. Manche Berufsgruppen können sich vor Anfragen kaum retten. Wie ist es, so begehrt zu sein?

Es war ein Freitag im vergangenen März, als Christopher Röskes und seine Kommilitonen und Kommilitoninnen sich für einen Abend ein bisschen wie Prominente fühlen durften: Seine Hochschule, die Code University in Berlin, hatte ein Treffen mit Start-ups und deren Technikchefs organisiert, um den Studierenden einen Einblick in die Arbeitswelt zu geben.

Am Ende der Veranstaltung hatte Christopher nicht nur viel über die Tätigkeit der jungen Unternehmen erfahren, sondern auch Dutzende von Händen geschüttelt, zehn Visitenkärtchen eingesammelt – und die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bei einem bekannten Finanztechnologie-Unternehmen bekommen.

"Die Veranstaltung", so erinnert sich Christopher, "hatte etwas von einem Speed-Dating – nur auf beruflicher Ebene." Die Studenten wurden heiß umworben, jeder Technikvorstand präsentierte sich und sein Unternehmen von der besten Seite, denn alle hatten eines gemeinsam:

Sie waren auf der Jagd nach neuen Mitarbeitern.

Nur wenige Tage später unterschrieb Christopher einen Werkstudenten-Vertrag – und arbeitet seitdem zwei Tage die Woche neben seinen Vorlesungen und Seminaren als Data Scientist.