Bild: dpa/Jan Woitas
"Erst wollte ich etwas sagen, habe mich dann aber vor 300 Menschen doch nicht getraut."

Thomas Rauscher ist Professor für Internationales Privatrecht und Bürgerliches Recht an der Universität Leipzig. Außerdem ist er der Verfasser mehrerer rassistischer Tweets. 

Auf Twitter verbreitete der Jurist regelmäßig fremdenfeindliche Ansichten. Zum Beispiel: "'Ein weißes Europa brüderlicher Nationen'. Für mich ist das ein wunderbares Ziel!", hat er geschrieben. Und: "Wir schulden den Afrikanern und Arabern nichts. Sie haben ihre Kontinente durch Korruption, Schlendrian, ungehemmte Vermehrung und Stammes- und Religionskriege zerstört und nehmen uns nun weg, was wir mit Fleiß aufgebaut haben."

Den Twitter-Account hat Rauscher mittlerweile gelöscht, Screenshots seiner Nachrichten sind jedoch erhalten:

Seit 1993 unterrichtet Rauscher als Professor in Leipzig, korrigiert Examen, debattiert über die Ehe für alle, entscheidet über Abschlussnoten. Seine rassistischen Äußerungen haben längst eine Debatte losgetreten – darüber, ob ein Mann mit einer solchen politischen Haltung überhaupt junge Menschen unterrichten darf. Und wenn er auf Twitter seine Fremdenfeindlichkeiten so munter verbreitet – nimmt er auch im Hörsaal mit dieser Meinung Einfluss auf die Studenten?

In den vergangenen Tagen hat sich die Diskussion verschärft, Aktivisten machten mit Flugblättern auf Rauscher aufmerksam und stürmten seine Vorlesungen (bento). 

Wie ist die Situation an der Uni? Wie erleben Studenten die Vorlesung mit dem umstrittenen Prof? 

Wir haben sechs von Rauschers aktuellen und ehemaligen Studenten gefragt. Zwei von ihnen berichten anonym, weil sie persönliche Nachteile fürchten. Und sie erzählen: Ausländer sind nicht Rauschers einziges Ziel.

Ann-Kathrin, 19

Ich wusste von Professor Rauscher und seinen Ansichten schon, bevor ich in der Vorlesung war. Seine rassistischen Tweets werden oft in Gruppenchats geteilt, weil sich viele Studenten aufregen.

In einer Vorlesung hat Rauscher Akzente ausländischer Kollegen nachgemacht, dazu rassistische Sprüche über Muslime und Araber gebracht.

In vielen Vorlesungen sitzen auch ausländische Studierende, weil Rauscher für internationales Privatrecht zuständig ist. Ich mag mir nicht vorstellen, wie jemand, der sich ein weißes Europa wünscht, jemanden mit nicht-europäischer Herkunft bewertet.

Viele Kommilitonen befinden sich in einem Zwiespalt, weil sie einerseits seine rechte Einstellung klar ablehnen, andererseits aber auch nicht an ihm vorbeikommen, wenn sie in seinem Bereich was werden wollen. Manche Mitarbeiter von Rauscher entschuldigen sich immer schon, wenn sie erzählen, dass sie für ihn arbeiten.

Was sagt Rauscher zu den Vorwürfen?

Rauscher ist seit der Diskussion der letzten Tage im Internet auf Tauchstation, sein Twitterprofil hat er gelöscht. Wir haben ihn um Stellungnahme gebeten.

Er erklärt, das "weiße Europa", von dem er sprach, sei nicht Ausdruck von Rassismus, sondern eine "Chiffre für die durch Christentum, europäische Kultur und Tradition und, ja, auch dies, Menschen weißer Hautfarbe geprägte europäische Identität". Sein Tweet zu Afrika sehe er durch Ereignisse wie derzeit in Simbabwe nachträglich bestätigt. 

Update: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Thomas Rauscher habe seinen Tweet mit dem Militärputsch in Simbabwe begründet, wodurch ihm unterstellt wurde, die Unwahrheit gesagt zu haben. Das ist falsch.  Tatsächlich sagte Rauscher, er sehe sich durch Ereignisse wie in Simbabwe nachträglich bestätigt. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Max*

Ich war mit Thomas Rauscher in Miami, dort haben wir zusammen mit anderen Studenten ein Seminar besucht. Meiner Erfahrung nach ist er nicht nur extrem rassistisch, sondern inszeniert sich auch ständig als Opfer, ist unbelehrbar und selbstzentriert.

Ständig versucht er zu provozieren: Hausfrauen wollen ihre Männer ausnehmen, Griechen sind faul. Klassische Klischees – er bedient sie bewusst.

In der Vorlesung hält er sich mit rassistischen Äußerungen aber zurück. Seine Lehre ist gut, man kann ihm folgen. Selbst seine Noten sind fair, auch wenn man anderer Meinung ist als er.

Trotzdem: Seine politischen Position werden auf ewig mit unserer Uni assoziiert. Ich persönlich finde: Wenn er sich nicht öffentlich entschuldigt, sollte man ihn rausschmeißen.

Tanja, 27, mittlerweile Referendarin

Thomas Rauscher ist Rassist. Und offensichtlich der Meinung, Frauen sollten nur Unterhalt bekommen, wenn sie nach der Trennung weiter für ihre Männer putzen oder kochen. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Erst wollte ich etwas sagen, habe mich dann aber vor 300 Menschen in der Vorlesung doch nicht getraut.

Die Zeit in seiner Vorlesung war sehr unangenehm. Ich und einige meine Kommilitoninnen haben seine Sprüche  zum Anlass genommen, nicht mehr hinzugehen. Familienrecht haben wir uns selbst beigebracht.

Eine Anwältin, Anfang 40, hat mich jüngst gefragt, ob an der Uni Leipzig immer noch dieser sexistische Professor lehre. Das Problem ist also nicht neu. Ich finde nicht, dass er seinen Job behalten sollte.

Ferdinand, 27 Jahre
(Bild: privat)

Dass die Studenten Rauschers Vorlesung gekapert haben, um ihn mit seinen Tweets zu konfrontieren, finde ich gut. Die Uni ist ein Raum, in dem diskutiert werden soll. Rauscher hatte immer ein Podium und konnte seine Sprüche bringen. Nun muss er das aushalten.

Anonyme Aktionen gegen Rauscher sind allerdings falsch. Studierende verteilen gerade Flyer mit Anschuldigungen, das ist nicht gut – man muss sich zu erkennen geben.

Saskia*, 20

Dass Professor Rauscher rassistisch drauf ist, konnte man in seinen Vorlesungen schon erahnen. Insgesamt hält er sich in seinen Vorlesungen allerdings zurück. Nicht jeder seiner ausländischen Studierenden kann gut Deutsch, aber Rauscher geht sie trotzdem nicht wegen ihrer Herkunft an.

Was mir eher auffiel, waren seine sexistischen Aussagen. Er macht oft Witze über Frauen oder Geschlechterrollen und tut sie als Kleinigkeit ab. Ich fand das schon immer ein bisschen unangenehm.

Viele von uns haben seine Äußerungen jetzt ans Dekanat weitergeleitet. Und dort wird der Rausschmiss von der Uni geprüft. Das halte ich für den richtigen Weg.

René, 27, Mitglied des Fakultätsrats
(Bild: privat)

Thomas Rauscher lässt auch in seinen Vorlesungen sehr subtil seine rassistische Meinung einfließen und beruft sich im Hörsaal grundsätzlich auf die Wissenschaftsfreiheit. Aber selbst, wenn er etwas als seine private Meinung kenntlich macht, ist er immer noch Professor und nutzt die besondere Verantwortung dieser Position aus.

Endlich wird nun darüber geredet, endlich sieht die Uni ein, dass es nicht nur seine private Meinung ist.

Hoffentlich kann man ihn als Erasmus-Beauftragten abbestellen. Denn dafür ist er nicht geeignet. Das Programm steht für einen bleibenden kulturellen Austausch, Erasmus ist auch ein Gefühl. Rauschers Gedankengut passt dazu nicht.

Meiner Meinung nach kann er auch kein Professor bleiben. Ich möchte allerdings keine Gesinnungsstrafen fordern, das muss eine Einzelfallentscheidung bleiben.

Ob Thomas Rauscher mit Konsequenzen rechnen muss, wird nun verhandelt. 

Seine Uni prüft dienstrechtliche Schritte, das zuständige Ministerium schließt diese Möglichkeit ebenfalls nicht aus. Die sächsische Wissenschafts-Staatsministerin Eva-Maria Stange verurteilt Rauschers Äußerungen, nennt ihn ausländerfeindlich:

Das Disziplinarverfahren der Uni kann jedoch Jahre dauern. Rauscher kann eine Geldbuße, die Kürzung der Dienstbezüge und eine Rückstufung drohen, im Extremfall die Entlassung (SPIEGEL ONLINE).

Rauscher sieht das gelassen. "Ich verstehe, dass das Rektorat auf den erzeugten Druck hin nicht sagen kann, man kümmere sich nicht", teilte er bento mit. Jedoch bestünde "keinerlei Grundlage zu einem Vorgehen gegen mich." 

Das bleibt abzuwarten, Experten sehen einen Rauswurf allerdings schwierig: "Nach allem, was wir wissen, hat Professor Rauscher keine Sanktionen zu fürchten", sagt Michael Hartmer, Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands (DHV) und selbst Rechtsanwalt SPIEGEL ONLINE. "Der Schutz der Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit reicht hier sehr weit." 

Rauschers Twitter-Posts seien seine Privatsache. Probleme könne er nur bekommen, wenn er nachweislich verfassungsfeindliche Aussagen in den Hörsaal getragen hätte.


*Name von der Redaktion geändert.


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