Bild: Meli Straub
Sie ist jung, katholisch – und hat es satt, wegen ihres Geschlechts diskriminiert zu werden.

Ein kleiner Kapellraum unter dem Dach eines alten Hauses in Luzern. Sitzkissen statt Kirchenbänke. Jacqueline Straub beginnt mit ihrer Predigt. Lukas, Kapitel 17. Ihre Stimme klingt klar und kraftvoll, sie spricht über Glaube und Zuversicht. Mit der einen Hand hält sie ihre Notizen, die andere ruht auf ihrer roten Hose. Die Fingernägel hat sie sorgfältig rot lackiert.

Schon lange hat sich die Studentin auf diesen Moment vorbereitet. Es scheint sie nicht zu stören, dass sie nur zwei Zuhörer hat, einen Kommilitonen und den Leiter der katholischen Hochschulgemeinde in Luzern. "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter euch", schließt sie ihre Predigt mit einem Bibelzitat.

Jacqueline Straub ist jung, weiblich, katholisch – und hat einen innigen Wunsch: Priesterin zu werden. Darüber spricht sie auf Konferenzen, tritt in Talkshows auf, schreibt auf ihrer Homepage. "Du kleines dummes naives Mädchen" oder "Geh doch ins Kloster!", so etwas hört sie häufig. Denn Jacqueline rüttelt an den Grundfesten ihrer Kirche: Weiheämter sind bei den Katholiken immer noch Männern vorbehalten. Nur getaufte Männer dürfen zu Priestern geweiht werden.

Die 25-Jährige hat es satt, wegen ihres Geschlechts diskriminiert zu werden. Ihr Hobby ist Boxen. Da kann sie ihre Wut ablassen. Rechte Faust: Mich kriegt ihr nicht klein. Linke Faust: Der Kampf hat gerade erst begonnen.

Ordensschwester werden? Reicht ihr nicht.

Vielleicht ein Wechsel zu den Protestanten? Jacqueline schaut, als hätte man ihr vorgeschlagen, ein Gebetsbuch zu verbrennen. "Die katholische Kirche ist meine Heimat", sagt sie.

Vor ihr auf dem Tisch liegt ihr Handy, sie nutzt eine Bibel- und eine Rosenkranz-App, auf der Schutzhülle prangt Papst Franziskus. Auch ihm hat sie schon von ihrer Berufung geschrieben, in Deutsch und Spanisch: "Er muss wissen, dass es Frauen wie mich gibt!" Und es gebe viele: Frauen, die sich wie sie zur Priesterin berufen fühlen, aber ihren "Ruf von Gott" nicht ausleben dürfen. Jacqueline sagt, sie habe diesen Ruf zum ersten Mal auf einem Sommerlager vor zehn Jahren gespürt.

Auf Jacqueline Straubs Handyhülle prangt ein Bild von Papst Franziskus.

Sie ist genervt von Argumenten gegen das Frauenpriestertum – wie dem, dass schließlich auch Jesus' zwölf Jünger nur Männer gewesen seien. Diese Gleichsetzung von Jüngern und Priestern sei schwach, sagt Jacqueline. Nur Bischöfe, nicht Priester, könnten als Nachfolger der Jünger gelten.

Routiniert federt sie alle Bedenken ab, zitiert Bibelstellen, Lehrdokumente. "Obwohl das Zweite Vatikanische Konzil vor 50 Jahren die Rolle der Frau eigentlich aufgewertet hat, besteht immer noch ein Ungleichgewicht", sagt sie.

Mit dieser Ansicht ist Jacqueline bei Weitem nicht allein. Mehr als 300 katholische Professoren und Wissenschaftler unterzeichneten 2011 das "Memorandum Freiheit", das unter anderem die Abschaffung des Zölibats und die Zulassung von Frauen in höhere Ämter fordert.

Bald Änderung im Kirchenrecht?

Theologinnen argumentieren seit Jahren, dass Frauen schon in der Urkirche wichtige Ämter innehatten. Einige ließen sich sogar ohne Zustimmung Roms zur Priesterin weihen – und wurden exkommuniziert. Praktisch heißt das unter anderem: kein Begräbnis auf einem katholischen Friedhof.

Jacqueline ist optimistisch, dass es schon unter dem nächsten Papst zu einer Änderung im Kirchenrecht kommen könnte. "Auch wenn ich lieber schon morgen meine Berufung leben würde", sagt sie.

Jacqueline Straub bei ihrer Predigt in Luzern.(Bild: Fabienne Kinzelmann)

Dass sie mit ihrem Anliegen so viel Wirbel macht, gefällt nicht jedem. In Freiburg, wo Jacqueline ihren Bachelor in Theologie mit einem Einserschnitt abschloss, grüßte sie einer der Professoren plötzlich nicht mehr. "Und ich hatte auch das Gefühl, dass er mich bei mündlichen Prüfungen und Hausarbeiten schlechter bewertete", sagt sie.

Ein Professor für Kirchenrecht in Luzern war hingegen so beeindruckt von einem ihrer Vorträge, dass er ihr vorschlug, ihren Master in Luzern zu machen und ihre Abschlussarbeit bei ihm zu schreiben. Die Masterarbeit ist mittlerweile abgegeben, doch so einfach werde es mit der Promotion wohl doch nicht, sagt sie. Der Professor weiche ihr aus.

Ans Aufgeben denkt sie trotzdem nicht. Woher sie die Kraft dafür nimmt? Das solle man besser Gott fragen, sagt Jacqueline: Der habe ihr schließlich das Brennen für das Priestertum gegeben.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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