Bild: Manfred Rehm/dpa/bento

Zu seinem 50. Todestag ist Theodor W. Adorno geworden, was er wohl nie sein wollte: Ein Popstar für junge Leute. Vor wenigen Wochen erschien ein Vortrag von ihm als neues Buch, knapp 50 Seiten Rede, die Adorno 1967 vor österreichischen Studierenden über Rechtsextremismus hielt. 

Das Buch stieg direkt in den Sachbuch-Charts ein, bei Amazon landete "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" sogar auf Platz Eins – zumindest in der Rubrik "Faschismus". 

Fotos des Textes werden inzwischen auf Instagram geteilt, auf Twitter trendete #Adorno in dieser Woche kurzzeitig. 

Schaut man auf der Recherche-Seite von Google Books, wie oft Theodor W. Adorno seit 1940 erwähnt wurde, hebt die rote Linie im Diagramm schnell ab und zeigt dann ziemlich konstant nach oben. Wie bei einem Linienflugzeug, das immer noch nicht ganz auf Reiseflughöhe gekommen ist. Im Prinzip fehlt zur endgültigen Hipsterisierung nur noch der Adorno-Jute-Beutel.

In der Campus-Buchhandlung gegenüber der Hamburger Universität ist das Buch seit Tagen zum zweiten Mal ausverkauft, der Verlag druckt nach drei Wochen bereits die vierte Auflage. In den vergangen ein oder zwei Jahren sei unglaublich viel passiert, erzählt der Buchhändler. Viele junge Menschen seien wieder interessiert an politischer Literatur. Allein zum Rechtsruck habe er mittlerweile einige Regalmeter, aber auch der 150. Geburtstag von Marx' "Das Kapital" sei überraschend gut gelaufen. Und jetzt Adorno. Warum? 

„Die Sensibilität bei den jungen Menschen ist unglaublich gewachsen. Nur die Jura-Studenten kaufen wie immer.“
Buchhändler im Hamburger Campus-Buchladen

Dass Adorno gerne zitiert wird, ist grundsätzlich nichts Neues. Sprüche wie "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" kennen auch Menschen, die nach dem Studium hauptberuflich Immobilien verkaufen. In Hamburg erinnert seit einigen Jahren die "Minibar Moralia" an eines der bekanntesten Werke des Philosophen. Und im Literarischen Quartett sitzt regelmäßig "Thea Dorn" – unter diesem an Adorno angelehnten Pseudonym veröffentlicht die Autorin Christiane Scherer Psychothriller und Bücher übers Deutschsein. 

Mit den Gedanken Adornos hat das alles nicht mehr viel zu tun. Im Gegenteil: Der linke Intellektuelle, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankfurt die "Kritische Theorie" entwickelte, wehrte sich ein Leben lang gegen die "Kulturindustrie" und war bereits von Jazz und lauten Studierenden genervt. Doch egal, wie Adorno zum Kult um seine Person stünde: Wenige Wochen bevor die AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen neue Rekordergebnisse feiern könnte, suchen offensichtlich viele Menschen eine ernsthafte, politische Einschätzung – und landen bei ihm. 

Ausgerechnet Theodor W. Adorno, der Lieblingsphilosoph der distanzierten Kopfmenschen, ist auf einmal jemand, mit dem junge Leute versuchen, die Gegenwart zu verstehen? Es scheint so.

Der unerwartete Erfolg dürfte auch an der Sprache des neuen Buchs liegen: Weil es auf einem ausformulierten Vortrag basiert, hat der Text nur wenig mehr als 50 Seiten und kaum Fußnoten. Er ist so geschrieben, wie Adorno 1967 zu den Studierenden sprach: Klug, intellektuell, aber nicht unverständlich. 

Es ist ein Buch, das man in den Semesterferien auch im Park lesen kann oder auf einer langen Bahnfahrt. Wer will, kann den Vortrag auch auf Youtube anhören. 

Auf dem Campus der Goethe-Universität erinnert ein gläserner Kasten an das Lebenswerk von Adorno. Doch viele Studierende interessieren sich mehr für die Gedanken des Soziologen und Philosophen als für seine Einrichtung.

(Bild: Arne Dedert/dpa)

Zum anderen aber scheint es, als ob "der neue Adorno" auch aktuelle Sehnsüchte bedient – gerade weil der Text aus einer anderen Zeit stammt. In einer Welt, die kommunikativ immer am Rande des nächsten Shitstorms balanciert und in der Bildung über Credit Points und Arbeitsmarktfähigkeit definiert wird, wirkt der Abstand zur Gegenwart oft befreiend.

Adornos Text ist unberührt von der Aufregung aktueller Debatten – Björn Höcke oder die letzten 20 Talkshow-Eklats der AfD spielen bei ihm keine Rolle.

Dafür beschreibt er präzise Dinge, die auch heute wieder zu beobachten sind: Die "Technik der plumpen Lüge", mit denen Rechte versuchen, sachliche Diskussionen zu verhindern; den Versuch, die Wirklichkeit mit Hilfe der "Salami-Methode" Stück für Stück zu manipulieren und Menschen, die sich selbst für bürgerlich halten, aber nach unten treten, um ihren Status zu bewahren. Das Buch verknüpft diese Beobachtungen mit grundsätzlicher Gesellschaftskritik. Es geht eben nicht nur um Rechtsradikalismus, sondern auch um die Umgebung, in der er entsteht.

Die Diskussion um Demokratie ist bei Adorno, anders als in vielen aktuellen Büchern über die "Neue Rechte", auch eine über den Kapitalismus und die Ungleichheit. Ist das, in Zeiten des fast ungebremsten Klimawandels und von "Wir können nicht alle aufnehmen", das Geheimnis des Adorno-Comebacks?

Wer heute jünger als 30 ist, wuchs mit Diskussionen über Krisen, Reformen und "Alternativlosigkeit" auf. Gleichzeitig heißt es, wir sollten Verantwortung übernehmen, ein sinnhaftes Leben führen und nachhaltig sein. Wie passt das alles zusammen? In den vergangenen Monaten zeigten Hunderttausende junge Menschen, dass es ihrer Meinung nach so nicht weitergehen kann, nicht weitergehen soll. Seenotrettung, Klimaschutz, Gleichberechtigung und Antirassismus – fast in allen politischen Diskussion mischen zur Zeit junge Menschen an zentralen Plätzen mit. 

Das neue Adorno-Buch

"Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" von Theodor W. Adorno, mit einem Nachwort von Volker Weiß. 🛒 Hier auf Amazon kaufen.

Affiliate-Link: Wenn jemand auf einen Link in diesem Kasten klickt und das Produkt in dem Online-Shop tatsächlich kauft, bekommen wir in manchen Fällen eine Provision. Produktbesprechungen erfolgen jedoch rein redaktionell und unabhängig.

Das Adorno-Buch liefert in diesem Sommer offenbar die intellektuelle Theorie dazu. Denn Frustration auf die Straße zu tragen, ist die eine Sache. Aber herauszufinden, wohin sie sich lenken lässt, ist eine andere Aufgabe. Eine, bei der sich viele Schützenhilfe aus den Geisteswissenschaften zu wünschen scheinen. Kein Wunder bei einer Generation, in der inzwischen mehr als die Hälfte studiert. Doch wie viel ist davon an den Hochschulen zu spüren?

„Die wenigen Seminare zu Kritischer Theorie klingen zwar irgendwie originell und sexy, haben aber in den meisten Fällen nichts mit Kritischer Theorie im eigentlichen Sinne zu tun.“
Kyra Beninga vom AStA der Goethe-Universität Frankfurt

So sieht es Kyra Beninga, 26, die Vorsitzende des Frankfurter AStA. Der Studierendenausschuss hat im aktuellen Semester an der Goethe-Universität eine eigene Vortragsreihe organisiert. Der Titel klang wie eine Kampfansage: "Marx, Freud, Adorno – statt Module". Es ging um Grundsätzliches, Gesellschaftskritik, die großen Ideen, die Erklärung der Welt. Meist seien die Veranstaltungen gut besucht gewesen, sagt Kyra. Ganz ohne Modulpunkte.

Frankfurter Schule für die Frankfurter Studierenden. Dort, wo sie vor 50 Jahren Adorno begründete.

Kyra macht mit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen das, was auch bei "Fridays for Future", der "Seebrücke" oder den "Unteilbar"-Demonstrationen viele junge Menschen versuchen: Sich selbst organisieren und aktiv werden. "An der Uni geht es immer stärker um Verwertbarkeit, Wissenschaft hat heute oftmals mehr mit Projektmanagement als mit Forschung und Erkenntnis zu tun." Andere Themen fallen da offenbar fast zwangsläufig aus dem Lehrplan.

Für Gesellschaftskritik gibt es an den Hochschulen nur selten Drittmittel, aber einen riesigen Bedarf.

Gleichzeitig erleben wir die heißesten Monate seit Jahrhunderten, im Mittelmeer ertrinken unverändert Hunderte Menschen und Rechtsradikale sitzen plötzlich in den Parlamenten. Wie könnte man da noch schweigen?

Vor wenigen Wochen macht der SPIEGEL die "Generation YouTube" zum Titelthema und beschrieb sie als neue APO, also außerparlamentarische Opposition. So wie 1968. Offensichtlich nehmen viele junge Menschen diesen großen Gedanken durchaus ernst – und suchen sich dazu passend neue alte Vorbilder, weit weg von Kalenderspruch-Philosophie und Effizienz-Rhetorik: Theodor Wiesengrund Adorno statt Richard David Precht.

Theodor W. Adorno wollte nie Popstar sein, er sah die Studierenden seiner Zeit kritisch und wäre von seinem Twitter-Fame vermutlich genervt. 

Doch mit einem halben Jahrhundert Abstand ist auch klar, dass viele Probleme von damals noch immer da sind. Deshalb passt sein Werk in den Protestsommer 2019 und zu der Sinnsuche der Protestierenden. Auch wenn es nicht schadet, dass seine Zitate gut auf Instagram aussehen.


Future

Mehr Ansehen oder Zwei-Klassen-System: Was bringen Exzellenzunis?
Ein Pro und Kontra

Im Café des Verwaltungsgebäudes der Universität Hamburg rieselte es Konfetti. Die Pressefotos auf der Homepage zeigen die Partystimmung nach der großen Verkündung vor zwei Wochen: Die Universität Hamburg zählt jetzt zu einer der elf Exzellenzuniversitäten Deutschlands. Für den Titel bekommt sie zusätzlich 10 bis 15 Millionen Euro jährlich an Fördergeld. Uni-Präsident Dieter Lenzen will 24 Projekte mit dem Millionen-Bonus bezahlen.