Bild: getty / montage bento

In Deutschland gibt es nach Zählung des BKA 680 islamistische Gefährder. Viele sind noch keine 25 Jahre alt. Sie haben den Islamismus in Schulen kennengelernt, in Jugendclubs, bei Gefängnisaufenthalten, erzählt von Bekannten, die sich als Freunde bezeichnen. 

Radikale benutzen den Islam als Ideologie, um aus jungen Menschen Kämpfer zu formen, sie im Hass auf den Westen einzuschwören, mit ihnen Terroranschläge zu planen.

Kann man einen jugendlichen Islamisten da wieder rausholen?

Thomas Mücke tut genau das. Er leitet das "Violence Prevention Network", ein Verbund von Experten, die Radikale wieder in die Gesellschaft zurückholen wollen. Die Pädagogen beschäftigen sich mit islamistisch und rechtsextremistisch gefährdeten Jugendlichen.

Im Interview erklärt er, wie ähnlich sich beide Ideologien sind – und was er von Gefährder-Maßnahmen wie der Fußfessel hält.

Herr Mücke, der Staat fordert derzeit immer härtere Maßnahmen gegen Gefährder, Fußfesseln zur Überwachung oder Präventivhaft, bevor jemand straffällig werden kann. Was halten Sie davon? 

Die Sicherheitsbehörden müssen wissen, was nötig ist, um Anschläge zu verhindern. Aber es kann natürlich auch Chancen verhindern, jungen Menschen bei der Deradikalisierung zu helfen – denn Sicherheitsmaßnahmen verändern ja nicht das Denken der Personen. 

Wenn wir in ihren Köpfen etwas verändern wollen, müssen wir mit ihnen reden.  Radikale nutzen härtere Strafmaßnahmen außerdem als Propaganda: Seht ihr, der Westen will euch nicht, er will euch alle wegsperren.

Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein, ist trotzdem eine Straftat. Wer verurteilt ist, muss ins Gefängnis. 

Klar, die Bestrafung ist notwendig. Aber wenn man sie einsperrt, muss man trotzdem mit ihnen arbeiten. Gefängnisse sind ein guter Rekrutierungsort, weil dort Jugendliche komplett allein gelassen werden. Da sind Straftäter, bei denen im Leben viel schief gegangen ist, und Islamisten verführen sie für einen vermeintlichen Ausweg. Der Staat muss sich also kümmern, da dazwischen zu gehen – und sowohl die Anwerber zu deradikalisieren wie die zu schützen, die angeworben werden sollen.

Wie genau geht das? Was kann man gegen islamistische Gefährder tun?

Zuerst mal aufpassen, dass es nicht noch mehr werden. Wir brauchen Präventivprogramme, die junge Menschen davon abhalten, sich für eine islamistische Ideologie zu begeistern. Das heißt, die Programme, die es gibt, müssen deutschlandweit besser vernetzt und besser finanziert werden.

Bei den Gefährdern, die es schon gibt, müssen wir schauen, ob wir sie zurückholen können. Wir müssen versuchen, diese Menschen anzusprechen und wieder zum eigenen Denken animieren.

Wie schwer ist das? 

Je länger einer in der Szene verhaftet ist, desto schwieriger ist der Ausstieg. Es ist ja eher nicht so, dass sie selbst bei einer Beratungsstelle anklopfen und sagen, sie denken über den Ausstieg nach. Du musst also Personen erreichen, die gar nicht erreicht werden wollen. Je länger jemand nur mit Gleichgesinnten zu tun hat, desto weniger ist er für andere empfänglich.

Wie stellen Sie denn Kontakt her?

Wenn jemand eine Strafe absitzt, kann ich auf ihn zugehen. Wenn nicht, bin ich auf die Mithilfe von Familie und Freunden angewiesen. Bei 14- bis 21-Jährigen ist das ganz gut möglich –  da passen Eltern und Lehrer auf und bemerken Veränderungen. Das heißt aber vor allem: Die Gesellschaft muss wachsam sein. Wir müssen die Probleme junger Menschen erkennen, bevor es die Extremisten tun.

Thomas Mücke vom Violence Prevention Network(Bild: Violence Prevention Network/Klages)
Und dann suchen Sie diese Jugendlichen einfach auf und sagen "Hallo"?

Ja, das ist klassische Streetworkarbeit. Die eigentlichen Gespräche laufen sehr einfühlsam ab. Da ist pädagogisches Fingerspitzengefühl gefragt, denn ein Radikalisierter denkt ja zunächst nicht, dass er radikal ist. Und mir gegenüber ist er eher misstrauisch. 

"Man muss einfühlsam sein. Ein Radikalisierter denkt ja zunächst nicht, dass er radikal ist."
Thomas Mücke

Was ich also mache, ist ihm zuzuhören, ich lasse mir von ihm seinen Blick auf die Welt erklären. Und dann zeige ich ihm auf, dass man Dinge auch anders sehen kann und streue Fragen ein. Das Ziel ist, Zweifel zu streuen, eine Gegenperspektive wieder zu ermöglichen. Denn in der Szene haben sie jahrelang eingetrichtert bekommen, dass es nur eine Wahrheit gebe. 

Islamisten berufen sich auf die Religion. Wie viel Religion steckt im Islamismus?

Religion nicht, aber viel religiöses Wissen. Islamisten benutzen den Islam als eine Art Steinbruch für ihre Agenda – sie suchen sich die Regeln aus, die sie brauchen, um ihren Extremismus zu begründen. Da haben sie also viel theologisches Wissen, um den Islam bewusst zu missbrauchen. Was besonders perfide ist: Islamisten benutzen auch Religiösität, damit ihr Weltbild nicht infrage gestellt werden kann.

Was denkst du über das Thema?

Sie arbeiten auch mit Rechtsextremen. Gibt es da einen Unterschied zum Islamismus?

Ideologisch ist das derselbe Mist. Es sind beides faschistische Ideologien, die eine homogene Gesellschaft anstreben und einen geschlossenen Wahrheitsanspruch haben. Der Unterschied: Bei den Rechten wird es rassistisch begründet, bei Islamisten mit dem Gegensatz Gläubige gegen Ungläubige. 

"Rechtsextremismus und Islamismus sind ideologisch derselbe Mist."
Thomas Mücke

Aber auch die Rekrutierung ist ähnlich: Jugendliche werden langsam an die Szene herangeführt, es geht um ein Wir-Gefühl.

Also zum Beispiel durch gemeinsame Grillabende oder andere Events.

Genau. Extremisten haben einen Blick für junge Menschen, die gerade einen Bruch in ihrem Leben haben. Und erst dann kommt irgendwann der Punkt, wo die Neulinge von der Gesellschaft entfremdet werden. Man merkt das meist, dass die Schulleistungen dann von einem auf den anderen Tag einbrechen – weil sie denken, dass sie sich für diese Gesellschaft sowieso nicht mehr anstrengen müssen. Dann werden sie zunehmend isoliert, die Szene agiert wie ein Kokon. 

Wie lange dauert es, jemanden da wieder rauszuholen?

Etwa zwei Jahre. 

Und wie hoch ist die Erfolgsquote?

Konkrete Zahlen haben wir noch nicht. Aber die große Mehrheit derer, mit denen wir sprechen, konnten wir deradikalisieren. Aktuell betreuen wir rund 350 Personen, darunter auch viele Rückkehrer aus Syrien und dem Irak. Und die Erfahrung zeigt: Viele sind wieder raus aus der Szene, haben sich von der Ideologie verabschiedet.


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