Bild: dpa/Daniel Karmann

Fakten sind ein unbefriedigender Ratgeber. Sie stillen keine Gefühle. Stillen nicht meine Gefühle. Und gefühlt kommt mir die Gewalt dieser Tage bedrohlich nahe: Ein Amokläufer tötet in München neun Menschen, dann erschießt er sich selbst (bento I). Ein Syrer jagt bei einem Musikfest in Ansbach einen Sprengsatz in die Luft, verletzt zwölf Personen (bento II). Ein Flüchtling geht bei Würzburg mit der Axt auf Touristen los (bento III).

München ist der tragische Amoklauf eines Einzelnen und hat mit Terrorismus nichts zu tun. Bei Würzburg handelt es sich um islamistischen Anschlag – weil der Täter zuvor in einem Video mit seinem Küchenmesser rumfuchtelte. Und auch die Explosion in Ansbach soll einen islamistischen Hintergrund haben. Sehe ich mir die Täter an, dann sehe ich von der Welt verlassene Jungen, keine kaltblütige Terroristen.

Die sogenannten "lone wolfs" agieren eigenmächtig und lassen sich von Dschihadisten im Netz inspirieren. Sie wirken auf mich immer wie verlorene Kinder, Loser, die sich durch ihre Bluttat fünf Minuten Ruhm erhoffen. Mitleid habe ich mit ihnen nicht, aber eine Verbindung zur Terrormiliz "Islamischer Staat" oder anderen islamistischen Netzwerken traue ich ihnen auch nicht zu.

Ich will mir dann selbst Fakten suchen. Ich suche im Netz nach Verbindungen, nach Bekennervideos. Oft ist da nichts – und das beruhigt mich.

Der IS ist dann doch nicht so mächtig, wie er sich gerne macht.

Ich beschäftige mich beruflich mit Islamismus. Ich lese in Dschihad-Foren mit, sehe die Videos, habe einen Anschlag in Ägypten aus nächster Nähe miterleben müssen. All das hat mich nicht ängstlicher gemacht, eher souveräner im Umgang mit Extremismus.

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Passieren Gewaltakte wie in München oder Würzburg, dann sage ich mir, dass wir eigentlich in friedlichen Zeiten leben. Menschen sterben bei Haushaltsunfällen, kommen beim Radfahren oder durch Bienenstiche ums Leben. Das sind auch wieder Fakten. Und auch das ist einer: Terrorismus war in der Vergangenheit präsenter, blutiger als heute. Im Europa der 1970er und 80er Jahren gab es laut der Opensource-Plattform Global Terrorism Database (http://www.start.umd.edu/gtd/) sehr viel mehr Anschläge als in den vergangenen Jahren:

Dass sich vor allem das Jahr 2016 so aus den Fugen anfühlt, liegt nicht nur an der Zunahme von Gewaltakten – sondern der Art, wie wir diese erleben. Die Verbreitung von Terrormeldungen, Handyvideos und (echten oder vermeintlichen) Bekennerstatements in Echtzeit sorgt für eine gefühlt größere Bedrohung. Die Gefahr ist rückt via Facebook und WhatsApp näher. Angst infiziert uns, die Taten sind erlebbar.

Erst wenn ich mal offline bin (ja, kommt vor), verschwindet das Rauschen. Und übrig bleiben nur die Fakten am Tag danach.

Doch genau die Zeit dazwischen nutzen Hassprediger und Fundamentalisten – egal welcher politischen Strömung – für ihre Hetze. Das ist die kritische Zeit, die Zeit ohne Fakten. IS-Anhänger bejubeln Gewaltakte, als seien sie Bestätigung für ihren Wunsch auf Apokalypse. Und rechte Hetzer bejubeln jede Tat, als sei sie ein Beweis für ihren Hass. Auch wenn die Aufklärung – und damit das Wissen über die Hintergründe einer Tat – erst sehr viel später erfolgt.

So entsteht ein Klima, das Fakten keinen Raum mehr lässt. Aber der Wut, der Trauer und der Unsicherheit. Mit diesen Gefühlen entstehen viele verschiedene Wahrheiten, aber nicht mehr Wissen. Geben wir uns der Angst hin, ist es auch gefährlich für unser Miteinander. Denn sie animiert neue verlorene Jungs dazu, Probleme mit größtmöglicher Gewalt zu lösen. Anstatt mit Reden.

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Ansbach: 27-jähriger Syrer kündigte Anschlag mit Drohvideo an

Ein 27-jähriger Syrer hat sich am späten Sonntagabend bei einem Musikfestival im fränkischen Ansbach in die Luft gesprengt. Bei der Explosion wurden zwölf Personen verletzt, drei von ihnen schwer. Das teilte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann in der Nacht zum Montag mit. (SPIEGEL ONLINE)

Am Montag haben Ermittler ein mutmaßliches Drohvideo auf dem Handy des Attentäters gefunden, das auf ein islamistisches Motiv schließen lässt. Die Tat wäre somit der erste islamistische Selbstmordanschlag auf deutschem Boden.

Was ist über den Tathergang bekannt?

Die Explosion ereignete sich um kurz nach 22 Uhr in der Ansbacher Innenstadt. Dort sollte ein Konzert im Rahmen der Ansbach Open 2016 stattfinden. Der Angreifer hatte nach Angaben des Nürnberger Polizeivizepräsidenten Roman Fertinger keine Eintrittskarte für das Festivalgelände und sei daher am Einlass zurückgewiesen worden.