Bild: ARD Degeto/ dpa
Ein Psychologe erklärt uns das "Terror"-Experiment in der ARD.

Am Montagabend bist du der Richter. Dann läuft in der ARD der Film "Terror – Ihr Urteil". Darin geht es um den Kampfpiloten Lars Koch. Er hat ein Flugzeug mit 164 Passagieren abgeschossen, um Schlimmeres zu verhindern: Die von Terroristen gekaperte Maschine hatte Kurs auf ein vollbesetztes Fußballstadion genommen.

Der Film zeigt den Gerichtsprozess, der herausfinden soll, ob Koch, gespielt von Florian David Fitz, schuldig oder unschuldig ist.

Grundlage des Films ist ein Theaterstück. Auf der Bühne wie nun im Fernsehen darfst du den Ausgang – also das Urteil – selbst bestimmen. Darf man 164 Menschen opfern, um 70.000 zu retten? Eine der wohl härtesten moralischen Fragen.

Auch, wenn es nur Fiktion ist: Wie geht man mit dem Entscheidungsdruck um?

Wir haben mit Dr. Mario Gollwitzer, Psychologe von der Uni Marburg gesprochen:
Gibt es irgendeinen Tipp, wie man zu einer Entscheidung kommt?

Mario Gollwitzer: Man muss den Fall aus zwei Perspektiven betrachten. Erst einmal aus Sicht des Kampfpiloten. Gerät man in die Situation, entscheiden zu müssen, bringe ich 164 Menschen um und rette ich damit 70.000, dann ist das zunächst einmal eine höllisch schwere Entscheidung. In der Psychologie nennen wir das "moralisches Dilemma". Denn es ist klar: Was ich auch tue, meine Entscheidung wird andere Leute wahrscheinlich das Leben kosten.

In dieser Situation neigen wir zunächst intuitiv zum Schwarz-Weiß-Denken. Da oben im Flugzeug ist wahrscheinlich ein böser Täter, unten im Stadion sitzen 70.000 potenzielle Opfer. Das ist nicht richtig, das muss verhindert werden.

"In dieser Situation neigen wir zunächst intuitiv zum Schwarz-Weiß-Denken."

Im zweiten Schritt erst denken wir an mögliche "Was-wäre-wenn"-Szenarien, die die ganze Situation nicht mehr so schwarz-weiß erscheinen lassen. Was ist mit den unschuldigen Menschen im Flugzeug? Was, wenn es eine Falschmeldung ist, dass Terroristen das Flugzeug gekapert haben? Was ist, wenn die Passagiere es noch schaffen, die Terroristen selbst zu stoppen?

In der Slideshow: Szenen aus dem Film und Theaterstück

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Und wie urteilen wir über den Kampfpiloten?

In der Rolle des Richters urteilt man weniger emotional als der Pilot. Man kann sprichwörtlich einen kühleren Kopf bewahren; steht nicht unter dem gleichen Druck wie der Pilot, der schnell entscheiden musste. Für Richter ist es wichtig, nicht zu vergessen, dass der Pilot nicht den gleichen Abstand zu der Entscheidung hatte.

Was macht das mit uns, wenn uns die Frage nach schuldig oder unschuldig überfordert?

Wir suchen nach einem Argument, das alle anderen überwiegt und uns zu der richtigen Entscheidung bringt. Wir fühlen regelrecht: so eindeutig ist das mit der Moral dann doch nicht.

Was ist, wenn wir zu keiner Lösung kommen und das eine Argument nicht finden?

Das nennt man dann das sekundäre Dilemma, in dem wir stecken. Wie geht man damit um? Unparteiisch bleiben, sich die Fakten anschauen und sich dennoch in den Angeklagten hineinversetzen: Er wollte ja vor allem Menschenleben retten.

"Wir fühlen regelrecht: so eindeutig ist das mit der Moral dann doch nicht."

Ein Richter darf sein Bauchgefühl nicht ignorieren. Das hat die psychologische Forschung in den vergangenen 20 Jahren gezeigt: Wir brauchen Emotionen. Sie behindern uns nicht, sie benebeln nicht unseren Verstand, sondern sie helfen uns, zu einer Lösung zu kommen.

Und wenn wir heute Abend eine Entscheidung treffen und sie dann bereuen?

Falsche Entscheidungen zu treffen, kann uns persönlich weiterbringen. Weil wir im Idealfall daraus lernen und beim nächsten Mal anders urteilen. Allerdings hat unsere Psyche einen Mechanismus. Wir grübeln meist nicht sehr lange über Entscheidungen, wenn wir sie erst einmal getroffen haben.

Hilft es uns, mit anderen über unsere Entscheidungen zu sprechen?

Ja, ganz klar. Es ist wichtig, die eigene Meinung zu spiegeln. Es hilft uns, besser mit dem Dilemma umzugehen. Es nimmt uns die Unsicherheit.

Wie würden Sie ganz persönlich entscheiden?

Ich würde den Kampfjet-Piloten freisprechen, denn ich könnte seine Beweggründe nachvollziehen.

Finden Sie so ein Gedankenexperiment für den Zuschauer überhaupt sinnvoll – wenn man darüber entscheiden muss, ob es richtig ist, Menschen umzubringen?

Es ist durchaus sinnvoll, denn es hilft uns ja auch irgendwie, uns der Unausweichlichkeit bestimmter moralischer Entscheidungen bewusst zu werden.

Wie ist deine Meinung?

Lass uns Freunde werden!


Art

In diesen verrückten Momenten hat wirklich jeder eine geheime Angst
Hast du auch manchmal Angst, um die Ecke zu gucken?

Vielleicht kennst du das, wenn du schon einmal über Kopfsteinpflaster gelaufen bist: Es wird etwas Schlimmes passieren, wenn du aus Versehen in eine Fuge trittst und nicht den Steinen folgst.

"Nicht den Erdboden berühren, nur die Steine!" – so lautet dann der Gedanke, die Angst, die sich breit macht, während man über das Pflaster läuft.

Kann dabei wirklich was passieren?
Natürlich nicht. Die Angst ist irrational, klar – und trotzdem ist etwas in uns, das uns anstiftet, eine solche Angst zu entwickeln, und das uns dazu anstachelt, uns an ihr festzudenken, ihr nachzugeben.