Bild: dpa/ Arno Burgi

Berlin regt sich auf, Bewohner wie Touristen: Der Berliner Polizeipräsident Klaus Kandt hat verkündet, Taschendiebstähle nur noch dann zu verfolgen, wenn Aussicht auf Erfolg besteht.

Und das ist meist nicht der Fall. In etwa drei Viertel der Fälle gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Die Anzeige kommt dann auf den Aktenstapel: gelesen, resigniert, gelocht.

Aber auch in den übrigen Fällen gibt es kaum Hoffnung. Die Aufklärungsquote liegt bei 4,2 Prozent. In der Hauptstadt zählte die Polizei im vergangenen Jahr 40.400 Fälle von Taschendiebstahl – ein Anstieg von 25 Prozent im Vergleich zu 2014. Ein neuer Rekord. (Berliner Zeitung, Süddeutsche)

Gibt die Berliner Polizei auf?

Wir haben bei Ingo Grahlmann, Kriminalbeamter und Leiter des zuständigen Kommissariats für die qualifizierte Bekämpfung von Taschendiebstählen, nachgefragt.

Taschendiebstähle ohne Erfolgsaussicht werden nicht mehr verfolgt. Stimmt's?

"Ja, das stimmt. Das Ziel ist es, Mitarbeiter klüger einzusetzen", sagt Grahlmann.

Konkret soll das so aussehen: Wenn eine Tasche gestohlen wird, wendest man sich an eine Polizeidienststelle. Dort wird der Fall aufgenommen und die Anzeige zum Landeskriminalamt weitergeleitet. Dann gibt es zwei Wege:

  • Wenn es keinerlei Anhaltspunkte gibt – niemand hat den Täter erkannt oder gesehen und er hat keine Spuren am Tatort hinterlassen – wird der Fall vom zuständigen Kommissariat an die Amtsanwaltschaft weitergeleitet. Das Verfahren wird eingestellt.
  • Wenn es Anhaltspunkte gibt – der Bestohlene hat den Täter erkannt oder es gibt Videomaterial – wird der Fall von der sogenannten qualifizierten Sachbearbeitung übernommen. Sie beginnt dann, zu ermitteln.

Seit Januar arbeiten die Beamten in Berlin bereits so. Neu ist: Schon die Polizisten, die den Fall in der Wache aufnehmen, sollen entscheiden. Sie schätzen ein, ob es sich überhaupt lohnt, den Fall der Amtsanwaltschaft zu übergeben.

Es gibt immer mehr Taschendiebstähle. Stimmt's?

"Wir rechnen eher mit sinkenden Zahlen", sagt Grahlmann. Man habe für 2016 mehr als 50.000 Fällen befürchtet. "Wir hoffen aber, dass wir unter 40.000 bleiben. Dann hätten wir den Trend ganz klar aufgehalten."

Doch die hohe Anzahl bleibt. Und werden vielleicht auch weniger Fälle angezeigt, weil es sich ja eh nicht lohnt? "Ganz klar nein, denn meist sind Handy, Portemonnaie und Papiere weg. Für Amt und Versicherung ist auf jeden Fall eine Anzeige nötig."

Die Kriminalbeamten fokussieren sich verstärkt auf organisierte Kriminalität und Bandendiebstähle. Eine große Herausforderung für sie ist, dass die Täter sehr mobil sind. Die Mehrheit der Täter stammt aus Rumänien, agiert europaweit und hat keinen festen Wohnsitz.

"Wenn wir genügend Beweise zusammen haben, die gewerbs- oder bandenmässiges Vorgehen beweisen, erlässt die Staatsanwaltschaft Haftbefehle", sagt Grahlmann.

Seit April sind so 154 Untersuchungshaftbefehle gegen festgenommene Täter ergangen. Bei bandenmässigem Diebstahl drohen den Dieben Strafen von mehr als einem Jahr Haft.

Ob die neue Ermittlungstaktik aufgeht, wird sich wohl erst in einigen Jahren zeigen. Für alle, die unbemerkt bestohlen werden, ist sie jedenfalls eine Enttäuschung. Sie müssen sich direkt damit abfinden, dass der Dieb nie gefasst wird.

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