Am 8. Mai 1945 endete der zweite Weltkrieg in Europa. Nazi-Deutschland kapitulierte gegenüber den Allierten. Der 8. Mai ist deshalb ein besonderer Tag. In ganz Europa feiern Menschen ihn als "Tag der Befreiung" und gedenken den Opfern des Nationalsozialismus. 

74 Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen. Zeitzeugen wird es bald keine mehr geben. Viele junge Leute können nicht mehr fragen: "Opa, Oma, wie war das damals?" Das Gedenken junger Leute an den Nationalsozialismus ändert sich dadurch zwangsläufig. Darüber haben wir mit Iris Groschek gesprochen. Sie ist Doktorin der Geschichte und arbeitet an der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg.

Frau Groschek, verliert der Holocaust bei jüngeren Menschen an Relevanz?

Das konkrete Wissen hat vielleicht nachgelassen, das Interesse aber nicht. Wir haben zunehmende Besucherzahlen, auch unter jungen Menschen und Schulklassen. 60 Prozent unserer Besucherinnen und Besucher sind zwischen 20 und 40. Was damals passiert ist hat Auswirkungen bis heute und das merken junge Menschen. Die Art des Gedenkens verändert sich aber. Wir versuchen auch hier immer, mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen, sie gestalten zu lassen. 

Zum Beispiel?

Am Gedenkort Bullenhuser Damm sind am 20. April 1945 20 jüdische Kinder erhängt worden. Dort befassen sich Schülerinnen und Schüler mit der Geschichte und überlegen, wie man heute daran erinnern könnte, entwerfen künstlerische Installationen. Traditionell hat man zum Beispiel mit Kranzniederlegungen an Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Die jüngere Generation geht vielleicht etwas emotionaler an die Sache heran und findet neue Antworten darauf, welche Art von Gedenken angemessen ist. 

Wie haben soziale Medien die Gedenkkultur verändert?

Durch sie ist eine ganz neue Bildsprache entstanden. Auf Instagram gibt es zum Beispiel tausende Bilder, die in Auschwitz entstanden sind. Für uns als Gedenkstätte ist es wichtig, auch in sozialen Medien präsent zu sein, uns einzumischen. Wir reagieren auf Inhalte, die Nutzer über uns posten, können aber auch selbst als glaubwürdige Experten zum Thema unsere eigenen Bilder und Geschichten verbreiten und so noch mehr Menschen erreichen.

Durch Twitter geisterten zuletzt Online-Shops, wo man mit Auschwitz-Fotos bedruckte Röcke kaufen konnte. Wo ist die Grenze zur Pietätlosigkeit?

Das genannte Beispiel ist natürlich total unangemessen. Weil da eben nicht mit dem Ort und seiner Geschichte gearbeitet wird, sondern ein Bild gedankenlos auf ein Produkt geklatscht wird, um damit Geld zu verdienen.  

Wie gehen Sie mit Menschen um, die in der Gedenkstätte Selfies machen?

Ich denke, dass Smartphones heute einfach zum Alltag dazugehören. Früher hat man sich ins Gästebuch eingetragen oder Fotos mit der mitgebrachten Kamera gemacht, heute nutzen Menschen ihre Social Media-Accounts wie ein Tagebuch. Erst postet man über den Besuch des Hamburger Hafens, dann über die KZ-Gedenkstätte. Es gibt bei uns keinerlei Restriktionen oder Verbote, weil es Aushandlungssache ist, wie angemessenes Verhalten aussieht – abgesehen von extremen Verhaltensweisen wie dem Zeigen verfassungsfeindlicher Symbole, da schreiten wir natürlich ein.

Ich persönlich habe erstmal kein Problem damit, wenn Leute hier Selfies machen. Man muss den Kontext betrachten, in dem die Bilder dann verwendet werden. Es kommt darauf an, was die Person noch dazu schreibt, wenn sie das Foto irgendwo hochlädt. Es kann durchaus eine legitime Form sein, auf diese Art und Weise seine persönlichen Eindrücke über den Ort und damit auch seine Geschichten weiterzugeben, etwa wenn man seine Betroffenheit ausdrückt und #niewieder dazuschreibt.

Wichtig ist: Eine Gedenkstätte soll ein Ort sein, wo man nachdenkt, den Kopf einschaltet.


Fühlen

Scheidungskinder könnten die besseren Beziehungen führen - wir wissen es nur nicht

Hallo. Mein Name ist Carolina und ich bin Trennungskind. 

Als ich elf Jahre alt war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Ich war gerade in die fünfte Klasse gekommen. Meine Mutter bat meinen neuen Klassenlehrer, ein Auge auf mich zu haben: Verhaltensauffälligkeiten bitte sofort melden. 

Sie kamen nicht.

Trotzdem fühlt es sich manchmal an, als müsste ich längst eine Selbsthilfegruppe aufgesucht haben – als wäre es Zufall, dass es mir gut geht, dass ich überhaupt lebensfähig bin, obwohl meine Eltern nicht mehr zusammen sind. Denn alles spricht dafür: Es steht nicht gut um Trennungskinder wie mich. 

Forschungen zeigen, dass ich aufgrund der Scheidung meiner Eltern zu allen möglichen Risikogruppen gehöre:

  • Wir Trennungskinder laufen Gefahr, schlechtere Noten zu haben. 
  • Wir werden öfter krank. 
  • Wir sind anfälliger für Depressionen. 
  • Wir schlagen uns öfter mit Schuldgefühlen und Loyalitätskonflikten herum. 
  • Und: Trennungskindern fällt es schwerer, langfristige und stabile Beziehungen aufzubauen.

Die Artikel, aus denen ich das erfahren habe, tragen Überschriften wie diese hier:

  • "Papa hat dich nicht mehr lieb" (SPIEGEL PLUS)
  • "Eltern-Kind-Entfremdung: Als wären sie nie da gewesen" (Zeit Magazin)
  • "Das Gefühl, wie ein Paket an der Haustür überreicht zu werden" (SPIEGEL PLUS)
  • "Hilfe für Trennungskinder: 'Kinder leiden ganz unterschiedlich'" (Augsburger Allgemeine)  

Und als ich dachte, schlimmer könnte es nicht kommen, lese ich diese Schlagzeile:

  • "Scheidungskinder bekommen leichter einen Schnupfen." (Welt.de)

Na toll. Alle sind sich einig: Trennungskinder sind richtig arme Würstchen. Und wenn es doch einigermaßen läuft, kann das im besten Fall auf Schadensbegrenzung zurückgeführt werden. 

Weil ich mich so gar nicht in diesen Beschreibungen wiederfinde (und auch nicht sonderlich anfällig für Schnupfen bin), mache ich mich auf die Suche nach anderen Perspektiven. Denn ich glaube sogar, dass ich aus den Erfahrungen meiner Kindheit viel lernen konnte. 

Kann es denn nicht sein, dass Kinder aus einer Trennung auch Vorteile ziehen?