Bild: dpa/Lefteris Pitarakis
Die neusten Gefechte zeigen: Es wird nun wahrscheinlich noch schlimmer.

Syrien kommt nicht zur Ruhe. Im März 2011 – vor bald sieben Jahren – begann in dem Land der Bürgerkrieg. Längst hat der Diktator Baschar al-Assad viele Gegner besiegen können, Terrorgruppen wie der "Islamische Staat" (IS) sind mittlerweile fast vertrieben.

Trotzdem gehen die Kämpfe in Syrien weiter. Schlimmer noch: 

Die jüngsten Gefechte und Allianzen im Land deuten an, dass der Krieg in eine neue, gefährliche Phase übergeht.

Die Türkei schickt seit einigen Wochen Panzer über die Grenze und kämpft dort gegen die kurdische YPG-Miliz (hier erfährst du mehr über ihre "Olivenzweig-Offensive"). Nun haben die Kurden sich offenbar mit der Assad-Regierung in Damaskus verbündet. Soldaten des syrischen Regimes sollen ihnen gegen die Türken zu Hilfe eilen. 

Sie wollen für ein "geeintes Syrien" kämpfen, sagte ein YPG-Sprecher gegenüber Al-Jazeera. Bislang wurden syrische Kurden vom Assad-Regime als Bürger zweiter Klasse behandelt. Nun kooperieren beide Seiten plötzlich. 

Kann die Allianz funktionieren? Und was bedeutet sie für die Zukunft Syriens? 

Die wichtigsten Antworten zum Konflikt:

1. Wer kämpfte bislang in Syrien – und mit welchem Ziel?

Der Syrienkrieg begann als Aufstand einiger Syrer gegen den Machthaber Assad, schnell wurde daraus ein bewaffneter Konflikt. Mittlerweile haben sich viele regionale und internationale Mächte eingemischt – aus dem einstigen Bürgerkrieg ist längst ein globaler Konflikt geworden.

Die Akteure:

ASSAD-REGIME. Baschar al-Assad lässt Oppositionelle verfolgen und foltern, seine Armee setzt Fassbomben und Giftgas gegen Rebellen und Zivilisten ein. Eigene Soldaten hat er kaum noch, es kämpfen Milizen aus Iran und Libanon. Gegner: Rebellen, Türkei
REBELLEN. Früher vor allem moderate Freiheitskämpfer, zum Beispiel die "Freie Syrische Armee". Heute vor allem radikale Gruppen wie Ahrar asch-Scham. Fast besiegt, es gibt noch Stellungen in Idlib und nahe der Hauptstadt Damaskus. Gegner: Assad-Regime, Russland, Iran
ISLAMISTEN. Sie hatten sich früh im Chaos breit gemacht und viele Rebellengruppen übernommen. Al-Qaida und der IS hatten zum Teil große Gebiete erobert und dort die Zivilbevölkerung unterdrückt. Gegner: alle
RUSSLAND. Besitzt einen Militärhafen in Tartus und damit den einzigen russischen Zugang zum Mittelmeer. Präsident Wladimir Putin will Assad um jeden Preis unterstützen, um seine eigene Macht im Nahen Osten auszubauen. Gegner: Islamisten, Rebellen
IRAN. Wichtigster Unterstützer Assads, will so den schiitischen Einfluss in der Region stärken. In Syrien mit Elitesoldaten aus Iran und Afghanistan aktiv, vor allem für den Bodenkampf verantwortlich. Gegner: Rebellen, Islamisten, Israel, USA
TÜRKEI. Wollte früher Assads Macht eindämmen und hat Islamisten beim Grenzschmuggel geholfen. Heute selbst militärisch im Land aktiv, um den Erfolg der Kurden einzudämmen. Gegner: Assad-Regime, Kurden
USA. Führt die internationale Koalition gegen den IS und andere Islamisten an, fliegt ohne Erlaubnis Assads Luftangriffe in Syrien. Gerät immer wieder in Konflikt mit Russland und Iran. Gegner: Islamisten, zum Teil Iran und Russland
KURDEN. Lange unterdrückt, haben sich in Nordsyrien ein autonomes Gebiet erobert. Stärkster Verbündeter des Westens gegen den IS, mittlerweile aber mit dem Nato-Land Türkei verfeindet. Gegner: Islamisten, Türkei
ISRAEL. Fliegt immer wieder Luftangriffe gegen Assad-Stellungen, will den Einfluss von Iran und der Hisbollah aus dem Libanon verhindern. Gegner: Assad-Regime, Iran, Hisbollah, Türkei
HISBOLLAH. Schiitische Miliz aus dem Libanon, von Assad zu Hilfe gerufen. Hisbollah-Soldaten haben in Syrien Rebellen zurückgedrängt und eigene Gebiete erobert. Gegner: Rebellen, Islamisten, Israel
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2. Wie steht es um die Islamisten im Land?

Der "Islamische Staat" hatte einst ein Drittel des Landes eingenommen, jetzt ist er fast vertrieben. Nur noch einige unbedeutende Wüstenflecke bleiben den Islamisten. Mittlerweile setzen die IS-Anführer auf weibliche Kämpfer als letzte verzweifelte Maßnahme – früher sollten die Dschihadistinnen laut IS-Propaganda noch an den Herd:

Andere islamistische Gruppen sind aber noch aktiv. Das Terrornetzwerk Al-Qaida agiert anders als der IS eher im Hintergrund, in vielen Dörfern versuchen die Islamisten neue Strukturen aufzubauen. Am erfolgreichsten ist die Gruppe " Dschabhat Fatah asch-Scham", die einst aus Qaida-Anhängern hervorging. 

  • Trotzdem: Insgesamt ist der Kampf gegen die Islamisten in Syrien weitestgehend vorbei. Das ist so gut – aber auch gefährlich. Denn fast alle anderen Akteure im Land hatten sich bisher auf die Radikalen konzentriert, nun wollen sie ihr eigenes Stück von Syrien sichern.

3. Was ändert sich jetzt?

Mit dem Ende des IS wird deutlich, dass jetzt jeder für seine eigenen Ziele kämpft – bisherige Allianzen zerbrechen, neue werden geknüpft. 

Bei den meisten neuen Konflikten haben syrische Einheiten – egal, ob für oder gegen Assad – nichts mehr zu melden. Die syrische Zivilbevölkerung wird zwischen den Interessen zerrieben. 

Drei Beispiele:

1. TÜRKEI gegen KURDEN. Die Kurden werden vom Westen mit Waffen ausgerüstet und gelten als stärkster Verbündeter vor Ort. Die Türkei ist Nato-Partner und gehört ebenfalls zum Bündnis. Nun richten sich beide Seiten gegeneinander und wollen Gebiete in Nordsyrien erobern. (Mehr zum Kurdenkonflikt erfährst du auch hier im Video.)

Das bringt die Türkei in direkten Konflikt mit den USA und anderen westlichen Partnern – noch dazu, weil die USA selbst Elitesoldaten in der nordsyrischen Stadt Manbidsch stationiert haben (bento). 

Experten fürchten, dass der Vormarsch der Türkei die Region so stark destabilisiert, dass sich auch Islamisten wieder ausbreiten könnten. (New York Times/Al-Monitor)

2. ISRAEL gegen IRAN. Im Syrienkrieg hat Israel bisher vor allem seine eigenen Grenzen geschützt, aber nicht aktiv gekämpft. Das ändert sich nun. Der Iran ist seit jeher Erzfeind Israels, das Mullah-Regime hetzt regelmäßig gegen das Land.

Am Wochenende steuerte die berüchtigte Quds-Brigaden erstmals eine Drohne von Syrien aus in israelischen Luftraum. Israel antwortete mit mehreren Luftschlägen, auf der Münchner Sicherheitskonferenz warnte Premier Benjamin Netanjahu vor einer dauerhaften iranischen "Terrorbasis" in Syrien. (SPIEGEL ONLINE/News Deeply

Der Konflikt könnte sich weiter verschärfen – je weniger Arbeit Iran mit den verstreuten Assad-Rebellen hat, desto eher mehr kann es beginnen, Israel zu provozieren. Bilal Saab, ein Nahost-Experte am Middle East Institute, fürchtet:

Diese neue Phase im Syrienkonflikt lässt den Kampf gegen den IS wie ein Spaziergang aussehen. Ein regionaler Krieg könnte kommen.
Bilal Saab

3. RUSSLAND gegen USA. Die beiden Großmächte haben bislang offiziell gemeinsam gegen den IS gekämpft. Ihre Luftschläge waren dabei nicht miteinander koordiniert, aber es gab Absprachen, damit es nicht zu Zusammenstößen kommt. 

Tatsächlich arbeitete die USA aber heimlich daran, Assad zu stürzen – Russland hingegen tat alles, um Assad zu stützen. Dabei griffen vor allem russische Kampfflieger auch immer wieder Krankenhäuser und Schulen an, Tausende Zivilisten starben. (bento

Nun brechen mit dem Ende des IS die alte Gegensätze wieder auf: Russland steht mit Iran und dem syrische Regime der USA gegenüber. Beide Seiten versuchen vor allem Nordsyrien nach eigenen Vorstellungen zu formen. (Institute for the Study of War)

Eine erste Konfrontation gab es bereits: Bei einem US-Luftschlag im Osten Syriens sollen auch russische Elitetruppen getötet worden sein (SPIEGEL ONLINE).

Der Syrienkrieg in Zahlen – so steht es um das Land:
Der Syrienkrieg begann im März 2011 – nach wenigen Wochen friedlichen Protests.
Knapp eine halbe Millionen Menschen sind ums Leben gekommen – jeder zehnte Syrer.
Nachweislich wurden Giftgas und geächtete Splitterbomben eingesetzt.
Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 70,5 Jahre auf 55,4 Jahre gesunken.
Die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr als sechs Millionen davon im eigenen Land.
Drei Millionen Menschen haben Syrien verlassen, die meisten leben in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern.
85 Prozent der Menschen in Syrien lebten 2015 in Armut. Zwei Drittel aller Syrer haben ihre Jobs verloren.
Jeder Fünfte verdient sein Geld nun mit dem Krieg: als Kämpfer, Kidnapper, Plünderer oder Schleuser.
Die Hälfte der Kinder im schulpflichtigen Alter geht nicht mehr zur Schule.
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4. Was heißt das für die Zukunft des Syrienkrieges?

Schon vor Jahren wurde aus dem syrischen Bürgerkrieg ein Stellvertreterkrieg der Mächte in der Region. Bisher haben israelische Luftschläge, iranische Söldner, russische Bomben und türkische Panzer im Syrienkrieg nebeneinander existiert. Nun ist das vorbei. 

Die Analysten vom Soufan Center schreiben:

"Das Gespenst des weltweit schlimmsten Bürgerkriegs wird Woche für Woche schlimmer – und durch die Einmischung von außen gefährlicher. Es entsteht nun ein perfekter Sturm aus Chaos und Leid in Syrien."

Berichte über abgeschossene Drohnen und Flugzeuge und über bei Luftangriffen getötete Söldner werden sich häufen. Und im schlimmsten Fall führen sie zu direkten Kampfhandlungen zwischen den Ländern, die sich in Syrien beteiligen, fürchtet der Nahost-Experte Samer Abboud (Middle East Eye).

Am schwierigsten ist, dass nun auch zwei der größten Konfliktpunkte des Nahen Ostens auf syrischem Boden verhandelt werden – der Umgang mit den Kurden und der Umgang mit Israel. 

Für die Menschen im Land bedeutet das: Ihr Leiden geht weiter, ein Frieden ist nicht in Sicht.


Today

In Großbritannien kannst du jetzt Brexit studieren

Den Brexit als Seminar belegen – das geht jetzt an einigen britischen Universitäten. Die Birmingham City University hat beispielsweise ein "Centre for Brexit Studies" gegründet, an der Universität Oxford können Studenten unter anderem an Brexit-Info-Workshops teilnehmen.  

Auch die University of Sussex in Brighton bietet beispielsweise solche Kurse an, das Modul "The Politics of Brexit" gibt es seit diesem Jahr. (jetzt)

Das Ziel: Den Studierenden mit Hilfe der Politikwissenschaft näher bringen, wie es zum Brexit kommen konnte. 

Der Brexit soll aus drei Blickwinkeln beleuchtet werden: aus der Perspektive der EU, Großbritanniens und der internationalen Politik.