Ein Tweet und seine Geschichte

Abdul Halim al-Attar ist Flüchtling aus Syrien, Vater zweier kleiner Kinder – und der Dreh- und Angelpunkt einer Geschichte voller Gier. Aus seinem Schicksal wuchs eine Crowdfunding-Kampagne, heute sind die Parteien zerstritten.

Attar floh vor knapp vier Jahren mit seiner Familie aus Syrien und richtete sich im benachbarten Libanon ein. In den Straßen der Hauptstadt Beiruts verkaufte er Kugelschreiber, um sich so über Wasser zu halten. (SPIEGEL ONLINE)

Der Isländer Gissur Simonarson hat Attar vor acht Monaten bei seiner Arbeit fotografiert. Und dieses Foto auf Twitter gepostet:

Attar sieht erschöpft und müde aus. Seine Tochter legt ihren Kopf auf seine Schultern. Das Foto verbreitete sich viral im Netz.

Schon bald wollten Twitter-User helfen. Simonarson startete daraufhin mit der libanesischen Journalistin Carol Malouf die Aktion #BuyPens und organisierte eine Crowdfunding-Kampagne. In vier Monaten kamen umgerechnet knapp 170.000 Euro zusammen. Aktivisten spürten Attar in den Straßen Beiruts auf. Malouf und Simonarson waren glücklich:

Laut "Independent" überwiesen die Aktivisten Attar zunächst 57.000 Euro aus der Crowdfunding-Kampagne. Er konnte sich daraufhin eine Wohnung leisten, seinen neunjährigen Sohn zur Schule schicken und drei eigene Geschäfte aufbauen: eine Bäckerei, einen Kebab-Imbiss und ein kleines Restaurant. ("The Independent")

Im Libanon leben nach der Türkei die meisten syrischen Flüchtlinge. Das kleine Land beherbergt mehr als eine Millionen Syrer (UNHCR), nicht alle können in Unterkünften unterkommen. Viele Flüchtlinge teilen daher das Schicksal von Attar: Sie leben auf der Straße, versuchen sich in Beirut und anderen libanesischen Großstädten mit Betteln und kleinen Geschäften durchzubringen.

Für den Stiftverkäufer Attar hatte sich durch die Crowdfunding-Aktion jedoch alles zum Besseren gewandelt: Insgesamt 16 Angestellte beschäftigte Attar Ende 2015. Knapp ein Drittel des Geldes, 22.000 Euro, überwies Attar zudem an Bekannte in Syrien. "Das hat nicht nur mein Leben verändert, sondern auch das meiner Kinder und anderer Leute in Syrien, denen ich geholfen habe", sagte Attar. (SPIEGEL ONLINE)

Der Flüchtling hat palästinensische Wurzeln und wuchs im ehemaligen palästinensischen Flüchtlingslager Jarmuk auf, heute ein Vorort von Damaskus.

Der syrische Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg in Syrien begann im März 2011 mit friedlichen Protesten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Dieser schlug die Aufstände brutal nieder, Tausende wurden in Foltergefängnisse gesperrt. 

Die "Freie Syrische Armee" (FSA) rief zum bewaffneten Kampf gegen Assad auf. Im Chaos etablierten sich bald islamistische Milizen, darunter der "Islamische Staat" (IS), der große Teile Syriens eroberte. Von der FSA blieb fast nichts übrig.

Daraufhin flog ein internationales Bündnis der USA Luftschläge gegen den IS; Russland, der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz unterstützen Assads Armee. Menschenrechtler schätzen, dass bislang Hunderttausende Menschen ums Leben kamen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr zu Syrien auf bento.

Mittlerweile liegen Attar und seine Gönner im Streit

Der Flüchtling will den Rest des per Crowdfunding gesammelten Geldes. Aus seiner Sicht steht es allein ihm zu, nicht den Initiatoren des Fundings. Die Aktivisten hingegen zögern, es zu überweisen: Zum Teil, weil die Gelder nicht ohne hohe Gebühren im Libanon ankommen können. Und zum Teil, weil Attar seine Geschäfte ruinierte und nun Schulden habe. Das #BuyPens-Team fürchtet, auch das restliche Geld würde der Flüchtling rasch ausgeben.

Eine neue Freundin Attars stellte ein Video ins Netz, das ein Telefongespräch zwischen Attar und seiner libanesischen Unterstützerin Carol Malouf zeigen soll. Die Frauenstimme droht, Attar ins Gefängnis zu bringen. Und ihm die Zunge herauszuschneiden:

Malouf beteuert, dem Flüchtling bislang 90.000 US-Dollar (knapp 80.000 Euro) überwiesen zu haben, also bereits mehr als die ursprünglichen 57.000 Euro. Weitere rund 16.000 Euro fielen an Gebühren für die Crowdfunding-Plattform und Banken an.

Der Rest der 170.000 Euro hänge bei PayPal fest, der Onlinedienst ist für die Transaktion verantwortlich. Allerdings ist PayPal nicht im Libanon aktiv; entsprechend kann die Summe nur Stück für Stück über andere Dienste oder Konten verteilt werden.

Auch der Isländer Simonarson, dessen Foto die Hilfsaktion vor nunmehr acht Monaten ausgelöst hatte, unterstützt Maloufs Version:

Simonarson berichtet auf seinem Twitter-Kanal, er habe versucht, das gesamte Geld über einen Mittelsmann aus Dubai zu überweisen – um die PayPal-Probleme zu umgehen. Wohl ohne Erfolg: Zuletzt sei das Geld wieder auf sein Konto gelandet. Dort seien jetzt noch 71.000 US-Dollar (62.500 Euro) übrig:

In den libanesischen Medien wird der Streit nun mit Gerüchten weiter angeheizt: Da heißt es, Attar soll sich bei einer äthiopischen Geliebten verschuldet haben, andere behaupten, er sei in den Irak geflohen.

Der Flüchtling Abdul Halim al-Attar kann sich in der Netzdebatte nicht äußern. Er ist nicht bei Twitter.


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