“Putins imperialistische Ambitionen haben Russland in den Ruin getrieben.”

Seit Ende September fliegt Russland Luftangriffe in Syrien - seitdem wird Präsident Wladimir Putin deswegen kritisiert. Denn um den “Islamischen Staat” zu bekämpfen, hat Putin sich mit Syriens Diktator Assad verbrüdert. Assads Regime wiederum hat in dem Bürgerkrieg selbst sehr viele Menschen umgebracht und vertrieben: "Das Assad-Regime ist hauptverantwortlich für den Tod von 250.000 Menschen und die Vertreibung von Millionen", das hatten die Außenminister der Europäischen Union im Oktober erklärt (SPIEGEL ONLINE).

“Sind Sie aktuell zufrieden mit der Politik Putins?” Das fragte das Meinungsforschungsinstitut WZIOM Russlands Bürger Mitte Oktober und 89,9 Prozent antworteten mit “Ja”. Damit erreichte die Zustimmung für die Arbeit des Präsidenten einen Rekordwert. Das WZIOM brachte die Ergebnisse in direkten Zusammenhang mit dem russischen Militäreinsatz in Syrien, der Ende September begann. Putin, “der Macher” - so wird er von vielen Russen gesehen. Sie sind froh, einen starken Präsidenten zu haben.

Das WZIOM gilt als regierungsnah; aber auch unabhängige Institute wie das Lewada-Zentrum kommen in Umfragen zu ähnlichen Ergebnissen: So gaben 15 Prozent der Befragten an, mit dem russischen Syrieneinsatz vollkommen einverstanden zu sein und 38 Prozent waren zumindest “eher einverstanden“.

Wir haben junge Russen gefragt: Wie steht ihr zur Syrienpolitik?
Maria, 26, Künstlerin aus Moskau:
(Bild: Maria Zaslavskaya)

"Ich stehe hinter der russischen Intervention im Syrienkonflikt. Die syrische Armee ist die einzige legitime Kraft, die dem IS entgegentritt, und das müssen wir unterstützen. Der IS ist eine internationale Organisation und jeder, der die finanziellen und technischen Mittel hat, sollte sie bekämpfen. Ich hoffe nur, dass Russland dabei - im Gegensatz zu den USA – keine geopolitischen Ziele in der Region verfolgt."

Nikolai, 22, Geografie-Student aus Prochladny
(Bild: Sergej Gorlow)

"Ich gehe davon aus, dass Putin die Situation in der Region stabilisieren wird. Andere Länder sollten Russland dabei unterstützen – zumindest Europa sollte sich auf Russlands Seite stellen und nicht den USA folgen. Der Terrorismus in der Region ist im vergangenen Jahr enorm angestiegen, die ganze Welt sollte sich dem Problem annehmen – dafür bedarf es echter Maßnahmen. Russland verfolgt dabei die richtige Politik."

Laut Lewada sind 15 Prozent der Bevölkerung “eher nicht einverstanden“ mit der russischen Syrienpolitik, 7 Prozent lehnen den Einsatz komplett ab.

So zum Beispiel die 28-jährige Eventmanagerin Arina aus St. Petersburg
(Bild: Camilo Monroy)

"Ganz ehrlich: Mir gefällt Putins Außenpolitik überhaupt nicht. Seine imperialistischen Ambitionen haben Russland in den Ruin getrieben. Anstatt interne Probleme zu lösen und in medizinische Versorgung, Bildung und Soziales zu investieren, erhöht man die Militärausgaben. Ganz banal gesagt geht es um die Demonstration von Macht über andere Länder. Und dann treffen die Luftangriffe dabei auch noch hauptsächlich die Zivilbevölkerung – das ist einfach schrecklich.”


Irina, 27, Übersetzerin aus Ekaterinburg
(Bild: Dima Ustyansev)

“Ich versuche, den Überblick über die Lage in Syrien zu behalten, aber das, was wir im Fernsehen über die russischen Luftangriffe sehen, ist nicht wirklich glaubwürdig. Ich unterstütze diese Luftangriffe nicht, bei denen so viele Zivilisten getötet werden. Es ist auch problematisch, dass Russland die Situation in Syrien wichtiger zu sein scheint als das Wohlbefinden des eigenen Volkes.“

In Russland versucht der Staat, die Medien stark zu kontrollieren. Deshalb glauben viele Russen meist nicht, was sie in den Medien lesen, gerade in Bezug auf militärische Operationen fehlen ihnen oft wichtige Informationen. Viele junge Russen fühlen sich nicht ausreichend darüber aufgeklärt, was genau die russische Armee in Syrien macht.

Ilya, 24, Journalist aus Wolgograd, lebt momentan in Bonn
(Bild: Ilya Koval)

Die Lage in Syrien ist aus meiner Sicht viel unübersichtlicher, als sie zum Beispiel in der Ostukraine war. Daher kann ich kaum sagen, wen russische Luftstreitkräfte da bombardieren und ob der russische Militäreinsatz in Syrien für den Kampf gegen den IS wirksam ist. Die intensive Werbekampagne im russischen Fernsehen, die diesen Militäreinsatz begleitet, stört mich sehr. Ich glaube, man versucht, dadurch die Menschen von innenpolitischen Problemen abzulenken und durch den “Krieg gegen Terrorismus” wirtschaftliche Schwierigkeiten zu vertuschen. Täglich wird von den angeblichen Erfolgen des Einsatzes berichtet, aber in Wirklichkeit ändert sich in Syrien kaum etwas – bei der Berichterstattung stimmt also irgendetwas nicht.”