Jüngstes Beispiel: Der Junge aus Aleppo

Das Bild ging um die Welt: Ein kleiner Junge aus Aleppo sitzt mit leerem Blick in einem Rettungswagen. Staub bedeckt seinen Körper, Blut klebt in seinem Gesicht. Er hat gerade einen Luftangriff überlebt.

Auf dem Foto ist Omran Daqneesh zu sehen. Vergangenen August wurde es auf Twitter und Facebook von Menschen aus aller Welt geteilt. Jeder wollte Anteil am Schicksal der Kinder in Syrien nehmen, der traurige Junge wurde zum Symbolbild für einen schrecklichen Krieg (bento). 

Jetzt gibt es neue Bilder von Omran, die ihn gesund und fröhlich zeigen. Assad-Anhänger verbreiten sie im Netz.
Erst eine Rebellenikone, jetzt Anhänger Assads – die Aufnahmen zeigen, wie Kinder im Krieg inszeniert werden. 

Kinder sind unschuldig, für die Taten der Erwachsenen können sie nichts. Für Autokraten und Kriegsparteien sind sie daher besonders wichtig: Ein weinendes Kind oder ein lachendes Kind gilt als authentisch. Wie schlimm kann schon ein Diktator sein, wenn ein lachendes Kind auf seinem Schoß sitzt? 

Dieser positiven Assoziation machen sich Autokraten – aber auch ihre Gegner – gerne zunutze. Ein paar Beispiele:

  • Die siebenjährige Bana twitterte erst aus dem zerstörten Aleppo, viele ihrer Botschaften entstanden mithilfe der Mutter. Später empfing sie der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, der in Syrien Rebellen beschießen lässt, und inszenierte sich auf gemeinsamen Fotos als ihr Retter (bento).
  • Kim Jong Un, Diktator in Nordkorea, steckt viel Geld in Waffen, während viele Menschen im Land Hunger leiden. Auf Bildern ist davon jedoch nichts zu sehen. Beim Besuch in einem Kinderheim klatschen alle auf Bestellung (SPIEGEL ONLINE).

Nun also wieder Omran aus Aleppo. Erst war er für die Rebellen im Land ein Symbol für die Grausamkeiten des Assad-Regimes – und nun plötzlich wird er von Assad-Anhängern als Beispiel für Sicherheit und Stabilität in Syrien benutzt.

Der Vorwurf der Assad-Anhänger: Omrans Leid damals war inszeniert. 

Konkret geht es um Bilder, die unter anderem die Assad-treue Aktivistin Sarah Abdallah verbreitet hat:

Abdallah behauptet: Die Weißhelme – eine Rettungsgruppe, die in syrischen Rebellengebieten unterwegs ist – haben den Junge für Aufnahmen missbraucht. Das Foto im vergangenen Jahr sei eine "Lüge", Omran sei kein Opfer syrischer Luftangriffe geworden. Er und seine Familie würden in Sicherheit leben und seien Unterstützer der syrischen Regierung.

Im Syrienkrieg kämpfen Rebellen und islamistische Milizen gegen Soldaten und Unterstützer des syrischen Diktators Baschar al-Assad. Vor allem Omrans Heimatstadt Aleppo war hart umkämpft (bento). Hier erfährst du mehr Hintergründe zum Konflikt:

Der Syrienkrieg begann im März 2011 – nach wenigen Wochen friedlichen Protests.
Knapp eine halbe Millionen Menschen sind ums Leben gekommen – jeder zehnte Syrer.
Nachweislich wurden Giftgas und geächtete Splitterbomben eingesetzt.
Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 70,5 Jahre auf 55,4 Jahre gesunken.
Die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr als sechs Millionen davon im eigenen Land.
Drei Millionen Menschen haben Syrien verlassen, die meisten leben in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern.
85 Prozent der Menschen in Syrien lebten 2015 in Armut. Zwei Drittel aller Syrer haben ihre Jobs verloren.
Jeder Fünfte verdient sein Geld nun mit dem Krieg: als Kämpfer, Kidnapper, Plünderer oder Schleuser.
Die Hälfte der Kinder im schulpflichtigen Alter geht nicht mehr zur Schule.
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Sind die neuen Bilder von Omran echt? 

Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei den neuen Bildern um Omran. Die Bilder wurden sowohl in staatstreuen syrischen Medien veröffentlicht, die die Familie Daqneesh besucht haben – als auch in Medien, die den Rebellen nahestehen. Beide Seiten zitieren aus einem Interview mit dem Vater von Omran.

Wie die Bilder von Omran jedoch entstanden sind und ob die Aussagen seines Vaters ehrlich sind, lässt sich nur schwer beurteilen. Denn: Es gibt in Syrien keine unabhängigen Medien mehr. 

Das Assad-Regime schafft sich seine eigene Realität – die Aussagen des Familienvaters muss man daher kritisch hinterfragen. Er kann sehr gut vom Regime eingeschüchtert worden sein. Bürger, die sich der Assad-Regierung nicht beugen, verschwinden seit Jahren in brutalen Foltergefängnissen (bento). 

Auf Instagram inszeniert sich Assad regelmäßig mit Kindern:
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Die Aufnahmen von Omran werden vor allem von Pro-Assad-Aktivisten im Netz gestreut. Auch der russische Propagandasender RT hat ein Interview auf YouTube hochgeladen. Russland unterstützt Assad im Syrienkrieg und ist ebenfalls daran interessiert, den Diktator als gut darzustellen. 

Auch die Assad-treue Journalistin Kinana Allouche hat für den Assad-Sender "Samaa TV" die Familie besucht. Sie schreibt auf Facebook: "Das Kind Omran. Die, die syrisches Blut vergießen, wollten die Medien täuschen und sagten, er wurde von der syrischen Armee bombardiert. Hier lebt er jetzt im syrischen Staat, mit Armee, Führer und Volk."

انتظروا تفاصيل أكثر عن عمران وعائلته بعد قليل

Posted by ‎Kinana Allouche كنانة علوش‎ on Montag, 5. Juni 2017
  • In den Interviews spricht der Vater der Familie davon, dass ihm Rebellen Geld für weitere Fotos geboten hätten. 
  • Er habe aber alle Angebote – auch für Interviews – abgelehnt.
  • Jetzt lebe er mit seiner Familie im sicheren Westen der Stadt Aleppo.
Was soll die Inszenierung für Assad?

Der Syrienkrieg ist vor allem ein Krieg um Wahrheiten geworden – den alle Seiten beeinflussen wollen. Islamisten inszenieren den Krieg als Computerspiel (bento), Rebellen und Hilfsorganisationen setzen vor allem auf Bilder, die das Leid der Menschen zeigen. Das syrische Regime selbst setzt hingegen auf Normalität – es will zeigen, dass Syrien unter Assad funktioniert, dass er es zusammenhält.

Dazu gehört auch, Zweifel an von ihm begangenen Kriegsverbrechen zu streuen – und so zum Beispiel längst aufgeklärte Giftgasangriffe infrage stellen:

Das Ziel: Die Gräueltaten von Assad sollen als weniger schlimm erscheinen, er soll als Präsident Syriens auch für den Westen wieder denkbar werden.

Omran Daqneesh ist eine unfreiwillige Ikone des Konfliktes geworden. Die Rebellen haben sein Bild benutzt, um genau solche Gräueltaten Assads zu dokumentieren. Wenn syrische Staatsmedien den Jungen nun herausgeputzt zeigen, wollen sie dessen Wirksamkeit umdrehen – also: Wenn er ein Fan des Diktators ist, warum hätte seine Familie dann Opfer von Luftangriffen sein sollen?

Auch die Journalisten, die über das angeblich neue Leben von Omran berichteten, stehen hinter dem Diktator Assad:

  1. Die Aktivistin Sarah Abdallah, die sich auf Twitter "unabhängig" nennt, betreibt in Wahrheit Propaganda für das syrische Regime – und wurde auch schon beim Verbreiten von Falschmeldungen erwischt (bento).
  2. Und die Journalistin Kinana Allouche arbeitet ebenfalls nicht unabhängig. Erst vor wenigen Monaten hatte sie ein Selfie mit mehreren Leichen gepostet, bei denen es sich um Assad-Gegner handeln soll (Al-Araby).

Generell werden in syrischen Medien alle Gegner pauschal als "Terroristen" bezeichnet und Kriegsverbrechen vertuscht. Journalisten, die das Land bereisen dürfen, bekommen Geheimdienstmitarbeiter an ihre Seite, die aufpassen, was sie sehen und dokumentieren dürfen. So gibt es nur vorgefertigte Bilder – aber keinen wirklichen Blick auf das Land. 

Das Einzige, was sich sagen lässt: Vor einem Jahr wurde Omran Daqneesh in einem seit mehr als sechs Jahre andauernden Krieg verletzt. 
Sein Bild stand lange Zeit für die Grausamkeit dieses Konfliktes. Jetzt steht es zusätzlich auch für dessen Inszenierung.

Wie gefährlich das Assad-Regime wirklich ist, erklären wir dir hier:


Gerechtigkeit

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Anschlag in Manchester, Terrordrohung bei "Rock am Ring", Bluttaten in London – und das alles angeblich im Namen den Islam. Das behaupten zumindest die Täter und viele Menschen glauben ihnen das auch noch. Dabei haben solche brutalen Taten mit der Religion, die Millionen Muslime jeden Tag leben, nicht viel zu tun. 

Trotzdem wird sehr oft von Muslimen verlangt, sich für die Taten der Islamisten zu rechtfertigen, gegen sie zu demonstrieren und sich davon zu "distanzieren". Zuletzt forderte das beispielsweise "Rock am Ring"-Veranstalter Marek Lieberberg: