Bild: Ariha Opposition Group
Die neuen Friedensgespräche werden harte Arbeit.

Am Freitag haben in Genf neue Syrien-Friedensgespräche begonnen. Die Uno, Initiator der Gespräche, hat ehrgeizige Ziele gesetzt: Eine Waffenruhe des mittlerweile fünfjährigen Konflikts soll her, dazu ein Plan für freie Wahlen und eine neue Verfassung. Doch die Mammutaufgabe könnte scheitern. Im Syrienkrieg beteiligen sich Dutzende Konfliktparteien, die wenigsten von ihnen wollen miteinander reden. (SPIEGEL ONLINE)

bento erklärt dir, worum es im syrischen Bürgerkrieg geht – und wie hoch die Erfolgsaussichten der Gespräche sind.

In drei Sätzen: Was passiert in Syrien?

Der Bürgerkrieg in Syrien tobt seit bald fünf Jahren und hat schon mehr als 250.000 Menschen das Leben gekostet. Was während des Arabischen Frühlings 2011 als friedlicher Protest gegen Machthaber Baschar al-Assad begann, ist heute ein Krieg Dutzender Parteien. Regionale und überregionale Fraktionen buhlen um Macht, internationale Partner beteiligen sich mit Luftschlägen und Finanzhilfen.

Wie hat alles angefangen?

Im Winter und Frühjahr 2011 erhoben sich in mehreren arabischen Ländern die Menschen gegen ihre Herrscher. So auch in Syrien. Der arabische Staat wird seit 2000 von Präsident Baschar al-Assad diktatorisch regiert, zuvor war sein Vater Hafiz 30 Jahre im Amt.

Trotz Diktatur bot Syrien seinen Bürgern einen relativ hohen Lebensstandard. Die verschiedenen Ethnien und Religionen im Land begegneten sich mit Toleranz. Gleichzeitig gründete Assad seine Herrschaft jedoch auf ein Netzwerk mehrerer Geheimdienste, die Opposition im Land wurde verfolgt und in Foltergefängnisse gesteckt. Zunächst trafen sich daher nur wenige Syrer zu friedlichen Protesten.

Ausgerechnet ein Kinderstreich lies die Lage eskalieren: In der südsyrischen Stadt Daraa sprühten Kinder Assad-feindliche Graffiti und wurden dafür ins Gefängnis gesperrt. Als die Eltern auf die Straße gingen, schickte Assad seine Armee und eröffnete das Feuer auf die Demonstranten. Die Protestbewegung entzündete sich, der Hass auf Assad wuchs im Land.

Eine Scharfschützin auf Seiten der Rebellen in Aleppo(Bild: dpa/Bruno Gallardo)
Welche Parteien kämpfen heute im Land?

Assads Truppen gingen sehr radikal gegen Demonstranten vor. Das Regime schickte Soldaten und Panzer, viele Demonstranten verschwanden in Foltergefängnissen. In der Folge bewaffneten sich auch die Aufständischen, aus regionalen Verbünden wuchs die Freie Syrische Armee (FSA) als größter Gegner Assads.

In den fünf Jahren des Bürgerkrieges wurde die Lage unübersichtlicher. Das sind die größten aktuellen Akteure:

  • Die syrische Armee ...stützt Präsident Assad. Sie ist die einzige regionale Gruppe, die über eine Luftwaffe verfügt.
  • Die Pro-Assad-Milizen ...syrische Freischärler auf Regierungsseite. Ein Teil sind zudem Elite-Soldaten aus dem Iran und Kämpfer der Hisbollah-Miliz aus dem Libanon.
  • Die Freie Syrische Armee ...ist ein Zusammenschluss der meisten Anti-Assad-Rebellen, liberale wie religiöse Gruppen sind darunter.
  • Islamistische Gruppen ...wie die "Nusra-Front" und die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) kämpfen gegen alle Seiten.
  • Die Kurden ...organisieren sich in Nordsyrien in den Volksverteidigungseinheiten (YPG). Sie zählen derzeit als schlagkräftigste Bodentruppe gegen die Dschihadisten.

Verlässliche Zahlen, wie viele Kämpfer in den einzelnen Gruppen kämpfen, gibt es kaum. Zahlenmäßig am schwächsten ist die FSA aufgestellt, am größten ist die Pro-Assad-Seite.

Worum geht es in dem Konflikt?

Um Bürgerrechte geht es schon lange nicht mehr. Mittlerweile haben Staaten und Gruppen aus aller Welt den Konflikt in einen Kampf um Religionen und Rohstoffe verwandelt.

Assad gehört den Alawiten, einer schiitischen Minderheit, an. Die Schiiten wiederum stellen innerhalb des mehrheitlich sunnitischen Islam eine Minderheit dar. Über Jahrhunderte waren die Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten in der Region kein großes Thema, in den vergangenen Jahrzehnten brach jedoch ein Dualismus zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran los.

Dieser Konflikt ließ konfessionelle Bruchstellen im Nahen Osten aufbrechen. Aus dem religiös relativ entspannten Syrien wurde eine Kampfarena zwischen Sunniten und Schiiten. Assad hat daran seinen Anteil: Er unterstützte zu Beginn des Krieges unter anderem den sunnitischen Extremisten vom IS, um die Rebellen zu schwächen und internationale Unterstützer zu gewinnen.

Wer ist international noch beteiligt?

Gegen den IS hat sich im September 2014 eine internationale Allianz gegründet, die zunächst im Irak, später auch in Syrien Luftschläge gegen die Islamisten begann.

  • Angeführt wird die Allianz von den USA, Deutschland beteiligt sich mit Aufklärungsflügen.
  • Die Türkei unterstützt als Nato-Partner das Bündnis. Gleichzeitig hat Ankara jedoch lange Zeit weggesehen, wenn der IS-Kämpfer, Waffen und Öltransporte über die türkisch-syrische Grenze brachte. Den Türken kam es gelegen, dass die Islamisten gegen Kurden kämpfen.
  • Seit Ende September 2015 fliegt Russland eigene Luftschläge in Syrien, um Assad zu unterstützen. Offiziell richten sich diese Angriffe gegen den IS, tatsächlich treffen die Bomben oft Zivilisten oder liberale Rebellengruppen.
Syrische Flüchtlinge auf der Balkan-Route(Bild: dpa/Valdrin Xhemaj)
Was hat der Syrienkrieg mit uns zu tun?

Syrien mag sich weit weg anfühlen – tatsächlich ist die Hauptstadt Damaskus jedoch keine vier Flugstunden von uns entfernt. Die Insel Zypern liegt 100 Kilometer vor der syrischen Küste und von den Badestränden entlang der türkischen Riviera sind es nur wenige Autostunden bis ins vollkommen zerbombte Aleppo.

Die geographische Nähe nutzen viele Flüchtlinge, um sich in Europa in Sicherheit zu bringen. Mehr als 800.000 Syrer haben bis Ende November 2015 in den EU-Ländern Asyl beantragt (UNHCR), weitere 4,6 Millionen leben in den Nachbarländern Syriens in zum Teil kilometerweiten Flüchtlingslagern (UNHCR).

Sie fliehen vor Attentaten und Unterdrückung islamistischer Kämpfer oder vor Assads Angriffen – der Diktator lässt Fassbomben, mit Nägeln und Sprengstoff gefüllte Stahlfässer, auf seine Bevölkerung werden, auch Giftgasangriffe werden ihm vorgeworfen. Sie fliehen vor Hungersnöten und medizinischer Unterversorgung. Wir schauen also auf eine humanitäre Katastrophe vor unserer Haustür.

Und auf ein Erstarken des "Islamischen Staates" in dem rechtsfreien Hinterland Syriens. Die Dschihadisten mögen keinen tatsächlichen Staat führen – der Raum, den ihnen der syrische Bürgerkrieg ermöglicht, ließ sie jedoch stark genug werden, mit Attentaten wie in Paris auch Europa gefährlich zu werden.

Wer nimmt nun an den Friedensverhandlungen teil?

Die Gespräche in Genf finden unter der Regie der Uno statt, Russland und die USA kooperieren als Partner. Eingeladen sind Vertreter des Assad-Regimes und der Opposition. Diese wird von einem im saudischen Riad ansässigen Verhandlungskomitee organisiert.

Verletztes Kind in einem Notkrankenhaus in der Rebellenstadt Duma(Bild: dpa/Mohammed Badra)
Was sind die Ziele der Verhandlungen?

Das wichtigste Ziel ist ein möglichst schneller Waffenstillstand. Im ersten halben Jahr soll dann eine Übergangsregierung geformt werden, freie Wahlen und eine neue Verfassung sollen binnen 18 Monaten realisiert werden. Für die Gesprächsrunden in Genf gibt sich die Uno insgesamt ein halbes Jahr mit mehreren regelmäßigen Treffen.

Wie realistisch ist der Erfolg der Gespräche?

In der Vergangenheit waren bereits zwei Gesprächsrunden 2012 und 2014 gescheitert. Was damals schief gingen, bedroht auch die neuen Verhandlungen. Diese fünf Punkte sind besonders kritisch:

  1. Assads Regime sieht alle Rebellen als "Terroristen" und tut sich schwer, mit liberalen Kräften zu diskutieren. Seit der russischen Luftunterstützung hat die Armee zudem militärisch wieder die Oberhand.
  2. Die Opposition akzeptiert eine Zukunft Syriens nur ohne Assad – dabei wird auf den Diktator zumindest in der Übergangszeit nicht verzichten können. Auch Russland und der Iran halten an Assad fest.
  3. Noch schwieriger für die Gespräche ist, dass die syrische Opposition in sich zerstritten ist: Viele Gruppen haben verschiedene Ziele und können keine gemeinsame Position bilden. Im Vorfeld der Gespräche sagten einige ihr Kommen bereits ab.
  4. Auch die internationalen Akteure verfolgen verschiedene Interessen: Saudi-Arabien als erklärter Gegner Irans wird sich nicht auf eine Übergangsregierung aus Assads Haus einlassen; Russland und die Türkei sind über ihren Einfluss am Mittelmeer in Streit; die USA können sich mit Russland nicht auf eine gemeinsame Strategie gegen den IS einigen.
  5. Mit Terroristen wie den Kämpfern des "Islamischen Staats" verhandelt zu recht niemand. Allerdings gibt es mittlerweile gemäßigte Islamistengruppen, deren Einfluss am Boden kriegsentscheidend sein kann. Im Umgang mit den Kämpfern fehlt eine gemeinsame Haltung.

All diese Faktoren lassen ein trauriges Fazit zu: In Syrien wird es so schnell keinen Frieden geben.

Hintergründe und Quellen:

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