Die Kinder stellen sich auf zwischen Trümmern und Ruinen, fast alle tragen Schulranzen. Gemeinsam formen sie drei einfache Buchstaben, aus der Luft lesbar: S.O.S. Jetzt bräuchte es nur noch eine Drohne, die den Hilferuf fotografiert und die Welt trägt.

Oder die Eltern, die es im Video festhalten:

Die Aufnahmen stammen angeblich aus Daraja in Syrien, der "Gemeinderat Dajara" hat sie bei YouTube hochgeladen. Die Bewohner wollen so auf ihre verzweifelte Lage im syrischen Bürgerkrieg aufmerksam machen: Das Regime von Präsident Baschar al-Assad hat Daraja mit einer Blockade belegt, Lebensmittel und Medikamente kommen kaum hinein.

Worum geht in Syrien?

In dem arabischen Land kämpft der Präsident Baschar al-Assad gegen verschiedene Rebellengruppen, die sich gegen ihn auflehnen. Der Krieg dauert bereits fünf Jahre, längst haben sich dschihadistische Gruppen wie die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien ausgebreitet. Westliche Länder fliegen Luftangriffe gegen den IS, Russland unterstützt Assad mit Kampffliegern und Elitesoldaten. Das kritisieren allerdings viele Beobachter: Moskaus Militär kämpfe nicht gegen Islamisten, sondern greife für Assad auch Zivilisten und Rebellen an. (SPIEGEL ONLINE)

Vor knapp zwei Wochen begann in Syrien ein Waffenstillstand – mit Zustimmung Assads. Doch noch am ersten Tag sollen nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mehr als 60 Fassbomben über Daraja abgeworfen worden sein, also mit Nägeln und Sprengstoff gefüllte Tonnen. (Syrische Beobachtungsstelle)

Was ist besonders an Daraja?

Der Ort ist eigentlich ein Stadtteil von der syrischen Hauptstadt Damaskus. Vor dem Krieg lebten hier viele mittelständische Familien und Christen, seit 2011 protestieren die Einwohner immer wieder friedlich gegen Assad. Ab 2012 schickte der Präsident Soldaten, um gegen die Demonstranten vorzugehen und begann eine Belagerung. Ein Jahr später kamen bei schweren Giftgasattacken rund um Damaskus mehr als 1000 Menschen ums Leben – Daraja gehörte zu den betroffenen Vierteln.

Die Ziele des Giftgasangriffs von 2013(Bild: US State Departement)

Der Stadtteil liegt strategisch wichtig für das Regime: Er grenzt an den großen Militärflughafen Mazza, auch der Präsidentenpalast ist nicht weit. Wenn Assad den Schein wahren will, dass Syrien immer noch ein funktionierender Staat ist, dann ist es wichtig, dass er unmittelbar "vor der Haustür" keine Demonstrationen hat. 2010 sollen noch 250.000 Menschen in Daraja gelebt haben; heute gehen Schätzungen von 12.000 aus. (Al-Monitor)

Wie authentisch sind die Bilder?

Die Wahrheit ging im syrischen Bürgerkrieg schon lange verloren – zu viele Kriegsparteien betreiben ihre eigene Propaganda. Auch in dem Video wird deutlich, dass es weniger die Kinder sind, die auf ihr Schicksal aufmerksam machen. Vielmehr sind es die Erwachsenen, die ihnen Plakate in die Hände drücken. Allein die herbei geholten Plakate zeigen, dass Daraja nicht komplett abgeriegelt sein kann.

Beobachter und Menschenrechtsaktivisten berichten jedoch zumindest übereinstimmend, dass der Stadtteil seit Jahren ein Spielball von Assads Armee ist (Foreign Policy). Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtet selbst von regelmäßigen Bombenangriffen und der "Eliminierung von Terroristen" vor Ort (SANA, arabisch).

Am Ende ist es jedoch egal, ob und wie verheerend die Belagerung von Daraja ausfällt. Ob das Regime dort gegen angebliche Terroristen kämpft oder nur gegen Demonstranten. Denn am Ende bleibt doch das eine Bild: Eine Gruppe von Schulkindern formt in einer Trümmerlandschaft ein S.O.S.

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