Bild: Marc Röhlig
Über ein Land, in dem seit sieben Jahren Krieg tobt.

Ich starre auf das Display, Fahad ist nicht da, offline, weg

Seit zwei Wochen meldet er sich nicht mehr. Wir hatten auf WhatsApp über die Lage in Syrien geschrieben, darüber, wie es Fahad gerade geht. Schon tagelang wird die Ghuta, ein Landstrich nahe der Hauptstadt Damaskus, bombardiert. Aktivisten melden im Stundentakt neue Tode dutzender Zivilisten.

Und Fahad schreibt nicht. 

Seit mittlerweile sieben Jahren tobt in Syrien Bürgerkrieg. Sieben Jahre Leid, sieben Jahre Propaganda. Ich will wissen, was wirklich im Land passiert – als Journalist, aber auch als Mensch, der für einige Zeit in Syrien lebte und studierte. Das Land liegt mir am Herzen. Für ein Jahr war ich dort, für zwei Sommer, 2009 und 2010.

Das Studium in Damaskus, die Reisen nach Homs und Hama, die Mittelmeerküste, die Oase Palmyra, die grünen Berge im Norden – ich erinnere mich noch sehr gut an diese aufregende Zeit.

Deswegen versuche ich bis heute, mit Menschen von dort in Kontakt zu treten, meine Erinnerungen von damals mit Leben zu füllen. Durch WhatsApp, Facebook und Twitter öffne ich mir Tore zu einem Syrien, das heute ein ganz anderes ist.

Ich kenne Fahad nicht persönlich. Ein Freund aus Damaskus erzählte mir von ihm, gab mir seine Nummer. Fahad schrieb, er sei 29 und wohne in Kafr Batna. Der kleine Ort ist etwa acht Kilometer vom Stadtzentrum Damaskus' entfernt.

Ich will wissen, was wirklich im Land passiert, als Journalist – und als Mensch
Autor Marc Röhlig

Seine Mutter und die Schwester konnten nach Damaskus fliehen, schreibt Fahad. Er selbst ist eingekesselt. Die Häuser von Ghuta, der Landstrich, zu dem Kafr Batna gehört, liegen in Trümmern. Die syrische Armee riegelt die Gegend ab, Lebensmittel und Medikamente können nicht hineingeliefert werden. 

Knapp eine Woche schrieben wir hin und her. Fahads letzter Satz war: "Das Leben ist abwesend. Während ich das hier tippe, bombardieren die Flugzeuge unsere Stadt." Nun herrscht Funkstille.

Wo ist Fahad?

In dem syrischen Krieg kämpfen Anhänger des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gegen Rebellen. Assad sagt, all seine Gegner seien Terroristen. Die Rebellen sagen, sie kämpften gegen ein Unrechtsregime. Die Wahrheit liegt zwischen beiden Seiten und ist schwer auszumachen. 

Viele der Orte, die ich damals bereiste, sind heute Ruinen. Einige der Freunde, die ich kennenlernte, sind heute verschwunden. Vielleicht sind sie tot, in einem Foltergefängnis oder nur untergetaucht. 

Es nicht zu wissen, lässt die Erinnerung an sie schmerzen. 
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Vor sieben Jahren, ein halbes Jahr vor Beginn der Unruhen, reiste ich ab. Junge Syrer organisierten damals die ersten Demos in Damaskus und anderen Orten. Sie wollten mehr Freiheiten, Assad stürzen wollten zu Beginn die wenigsten. Der Präsident ließ die Treffen dennoch mit Gewalt ersticken, Panzer rollten, Scharfschützen positionierten sich. Immer mehr Menschen verschwanden in Folterkellern und Gefängnissen. 

Als offizieller Beginn des Syrienkrieges gilt der 15. März 2011. An diesem Tag waren wütende Eltern auf die Straße gegangen, nachdem das Regime ihre Kinder verhaftet hatte und ihnen unter Folter Fingernägel herausgerissen hatte. Das angebliche Vergehen der Kinder: Sie hatten Assad-kritische Graffiti geschrieben.

Es war elf Jahre, nachdem Assad an die Macht gekommen war. Er erbte das Präsidentenamt von seinem Vater Hafiz, der Syrien knapp 30 Jahre eisern beherrscht hatte. Seine Statue steht noch heute überall im Land, als Mahnung. 

Baschar al-Assad versprach Öffnung. Zunächst sah alles so aus, als wolle er das Land verändern. An Syriens alten Caféhäusern klebten schon bald blinkende Internet-Tafeln, in den Läden wurde Cola serviert. Was es nicht gab: soziale Gerechtigkeit und politische Freiheit.

Als ich in Syrien lebte, nahm mich ein Freund immer zu Ausflügen zum Landstrich Ghuta mit, er hatte dort einen kleinen Garten. Und er hatte ein Auto, mit dem er uns beide von Damaskus aufs Land fuhr.

Während er Köfte auf den Grill legte, sagte er, hier sei der einzige Ort, an dem er sich wirklich frei fühle. "Es gibt hier keine Wände, die zuhören", sagte er. Die Schergen von Assads Geheimdiensten seien hier fern. Man könne über Politik reden.

Als der Krieg begann, löschte er sein Profil auf Facebook. Später erfuhr ich, man habe ihn in das berüchtigte Foltergefängnis Saidnaja gesteckt. Zehntausende sollen dorthin verschwunden sein. Ein geflohener Syrer, der für die Geheimdienste gearbeitet hat, schmuggelte später schreckliche Fotos außer Landes:

Achtung: Wir zeigen jetzt Fotos, die sehr verstörend wirken können. Entscheide selbst, ob du weiter klicken möchtest.
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Meine syrischen Freunde begleiteten die Demos zunächst im Netz. Manche zeigten Selfies aus der Menge, andere teilten nur die Videos. Das war im ersten Jahr.

Dann änderte sich vieles. 

Plötzlich posteten manche Durchhalteparolen für die Armee und nationalistische Erbauungsvideos. Sie wollten sich den Geheimdiensten, die in Syrien die sozialen Medien überwachen, als gute Syrer präsentieren. Andere schrieben hingegen von "thaura" und "isqad" – Revolution und Umsturz. Und immer häufiger tauchten im Netz auch Propagandavideos von Islamisten wie den Anhängern des "Islamischen Staats" auf.

Ich erinnere mich an eine Freundin, die die Revolution kaum abwarten konnte. Zu Hause musste sie Kopftuch tragen, regelmäßig schlich sie sich ins christliche Viertel der Altstadt, um es abzunehmen und in Bars mit ihren Freunden Whiskey zu trinken. 

Doch genau diese Freundin war auf einmal, nach einigen Monaten, eine andere: Sie löschte ihre Kampfparolen von Facebook, stattdessen lud sie Assad-Fotos hoch. Auf meine Nachfrage zum Sinneswandel behauptete sie, sie sei schon immer Anhängerin von Assad gewesen. 

In Syriens Krieg ging es zunächst um Ungerechtigkeit.

Jeder Zweite in dem Land war unter 25, Syrien war ein Land voller Träume, Hoffnungen und zugleich beengter Möglichkeiten.

Ich kannte einen jungen Tiermediziner, der am Tag in einer Klinik arbeitete und nachts als Taxifahrer sein Gehalt auf ein erträgliches Maß hob. Schlaf fand er zwischen drei und fünf Uhr morgens auf der Rückbank seines Wagens. 

Mittlerweile geht es in dem Krieg um Glauben. 

Früher hatten Sunniten, Schiiten, Alawiten oder Christen Tür an Tür gelebt, tiefe religiöse Gräben gab es nicht. Dass sie sich nun hassen, ist der Dynamik des Krieges geschuldet.

Syrische Staatsmedien bezeichnen jeden Gegner als "Terroristen", Luftschläge und Giftgasangriffe gegen Zivilisten und Rebellen streitet Assad immer wieder ab. Auch wenn es mittlerweile dutzende Beweise gegen ihn gibt.

Auf der anderen Seite werben Dschihadisten für einen angeblichen Freiheitskampf. Kämpfer aus Tunesien, Irak und Saudi-Arabien sind ins Land gereist, um einen Gottesstaat zu errichten. In den Gebieten, die sie erobern, unterdrücken sie die Zivilisten ähnlich wie zuvor die syrische Armee. 

Ein Beispiel: Das islamistische Bündnis "Hayat Tahrir asch-Scham" inszeniert sich auf Bildern im Netz als Beschützer der Menschen, auf einem Propagandabild steht ein Islamist schützend vor weinenden Familienvätern. 

Tatsächlich berichten Zivilisten, Islamisten würden sie an der Flucht hindern (Amnesty International). Heute sind die Islamisten vor allem noch in der nordsyrischen Region Idlib und eben in der Ghuta unterwegs, jener Region, in der auch Fahad lebt. 

Sein Handy lädt er mit Autobatterien oder Stromgeneratoren auf, berichtet er. Um sich zu wärmen, verbrennt er Plastikflaschen. "Es gibt hier mittlerweile Hunderte Tote, jeden Tag gehen wir los und müssen neue Gräber schaufeln", schreibt er. Hilfsorganisationen bestätigen die schlimme Lage, "Ärzte ohne Grenzen" warnte unlängst vor einem Kollaps der medizinischen Versorgung.

Es gebe keine Medikamente und fast nichts mehr zu essen, "es reicht in etwa für eine Mahlzeit alle drei Tage", schreibt Fahad. Wer noch etwas habe, verkaufe Waren für das Zehnfache weiter. Am Schmuggel beteiligen sich syrische Soldaten wie auch Islamisten. Ob er von einer Miliz unterdrückt wird, wollte er nicht schreiben. Viele haben Angst, sich über die Islamisten zu äußern.

Wenn ich heute herausfinden will, was in Syrien los ist, versuche ich, alle Quellen miteinander zu vergleichen. 

Ich lese, was syrische Staatsmedien schreiben und was den Rebellen nahestehende News-Kanäle schreiben. Ich chatte mit den Freunden, die in friedlichen Gebieten leben, Selfies in Cafés machen und behaupten, es gebe keinen Krieg in Syrien. Und ich chatte mit den Freunden, die in umkämpften Gebieten ausharren. 

Einer von ihnen ist Saradsch. Er lebt angeblich wie Fahad in einem eingekesselten Gebiet in der Ghuta. Er schreibt, täglich würden Fassbomben fallen. Russische und syrische Flieger würden sie abwerfen. Dann schickt er eine verzweifelte Sprachnachricht:

Es gibt nie, nie, nie ein Verschnaufen, nie eine Pause von den Luftangriffen.
Saradsch

Die Blockade von Ghuta belaste die Menschen schwer. "Ich sehe Kinder, die auf Zweigen kauen", sagt Saradsch. "Vielleicht ist es besser, wenn wir sterben." 

Ich will wissen, ob er beweisen kann, dass er wirklich in Ghuta ist. Ein Foto, einen Standort. Zwei Tage später kommt seine Antwort. Es ist eine neue Sprachnachricht. 

Saradsch sagt kein Wort, ich höre nur Bomben fallen. Es klingt wie ein scharfes Bellen, alle zwei bis drei Sekunden zerreißt eine neue Detonation die Stille. 

Eine Minute geht das so, dann bricht die Aufnahme ab. Die Abwesenheit aller Geräusche ist in diesem Krieg der schlimmste Lärm, meine Kehle fühlt sich an wie zugeschnürt. 

Saradsch arbeitet für die Weißhelme, eine zivile Organisation, die Verletzte aus Trümmern birgt. Über die Weißhelme wurden Dokus gedreht, sie bekamen den alternativen Nobelpreis

Assad-Anhänger und Rechtspopulisten verunglimpfen die Lebensretter dennoch als Islamisten. Weil einzelne Weißhelm-Helfer mit Dschihadisten auf Fotos zu sehen waren, wird die gesamte Organisation infrage gestellt.

Saradsch schickt mir Videos seiner Rettungsaktionen und will mir mehr Menschen vermitteln. Er schickt mir die Nummer einer jungen Mutter. Sie schreibt, ihr Wohnhaus sei zerstört worden. Fotos will sie nicht schicken, als sie ihren Standort beschreibt, verstrickt sie sich in Widersprüche. Stattdessen verweist sie auf einen Twitter-Account, der angeblich ihren Töchtern gehöre – dort sind zwei Mädchen in immer gleichen Posen vor Trümmern zu sehen.

Der Moment zeigt: Nicht nur das syrische Regime fälscht Berichte, auch auf Seiten der Rebellen bleibt oft unklar, was stimmt.

Ich sitze auf meinem Bett, draußen nieselt es auf Hamburg, lautlos. In das geöffnete Chatfenster schreibe ich: "Fahad, ich habe seit zwei Wochen nichts gehört. Ist alles in Ordnung?"

Ich starre auf das Display. Fahad ist offline.


Today

Die AfD soll bei "Maischberger" das Büfett abgeräumt haben, inklusive 3 Flaschen Wein

Der Juso-Chef Kevin Kühnert war am Mittwochabend im ARD-Talkformat "Maischberger" eingeladen. Mit ihm im Studio saßen unter anderem auch Paul Ziemiak von der Jungen Union, die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt und der AfD-Politiker Bernd Baumann.

Mit der Moderatorin Sandra Maischberger stritten die Politiker darüber, ob die Große Koalition vier Jahre halten wird. Spannender war jedoch, was hinter den Studiokulissen passierte.

Kühnert behauptet: Die sonst so medienkritische AfD hat sich mit Genuss durchs Büfett gefuttert.