In Syrien herrscht seit mehr als sechs Jahren ein blutiger Bürgerkrieg. Die Kurzfassung: Assad-Anhänger kämpfen gegen Rebellen kämpfen gegen Islamisten kämpfen gegen Milizionäre kämpfen gegen Kurden kämpfen gegen Assad-Anhänger. 

Oder auch:

Der Konflikt dreht sich um Machtpolitik, Wirtschaftsinteressen und religiöse Ideologien – und wird auf allen Ebenen ausgetragen.

Auf wirklich allen. Denn Islamisten haben nun dem Undercut den Krieg erklärt.

In der Provinz Idlib werden aktuell Flugblätter verbreitet werden, die den Undercut verbieten wollen. Auch auf Facebook und Instagram wird die Botschaft geteilt. 

"Gesetz des Haarschnitts" steht sinngemäß über dem Flyer:

"Befriedigt es dich, dass du am Tag der Auferstehung mit allen Ungläubigen in der Hölle landen wirst?", heißt es im Text. Dann wird ein Hadith zitiert, in dem es Männern verboten wird, ihre Haare nur teilweise zu schneiden – im Islam gebe es demnach nur die Option Glatze oder Wachsen lassen.

Hadithe sind kleine Anekdoten, die das Leben des Propheten Muhammad beschreiben sollen. 

Sie sind für viele Muslime fast so wichtig wie er Koran selbst: Wie der Prophet gelebt und gehandelt haben soll, gilt ihnen als Wegweise für ein tugendhaftes Leben. Manche Hadithe gelten als sehr glaubwürdig, bei anderen ist unklar, ob sie erfunden sind. Vor allem Islamisten verlassen sich oft auf Hadithe, um ihre menschenverachtenden Gesetze zu rechtfertigen.

Das Problem: Bei vielen Syrer sind Undercuts verdammt beliebt. Islamisten eher weniger.

"Sie können uns die Scharia hier nicht aufzwingen", sagt ein Syrer aus Idlib zu bento. Jeder stelle sich so dar, wie er es mag – egal, was die Terroristen sagen würden. "Ich trage, was ich will", sagt auch ein Syrer aus Idlib der Seite Attn. Auch Freunde würden sich rasieren, wenn islamistische Kämpfer kommen, dann würden sie deren Anweisungen ignorieren. 

Die Scharia ist eine ziemlich breite Sammlung von Empfehlungen für ein religiöses Leben. Oft wird sie aber als strenge Gesetzessammlung verstanden – mit vielen Verboten.

Ein von Islamisten verbreiteter Warnhinweis auf Instagram. "Undercut" steht in dem roten Banner.

Die Flyer und Warnhinweise sehen modern aus, am besten so, dass sie sich auf Instagram gut teilen lassen. Das hat Methode: Islamisten wollen ihre abstoßende Weltsicht so als etwas Normales darstellen. 

Forscher nennen diese Strömung "Jihadi Cool", dazu gehört auch, dass Islamisten mit Nutella-Gläsern posen: 

Idlib wurde im März 2015 von einem Verbund aus Rebellen und Islamisten erobert. Sie schlossen sich gegen die Armee von Syriens Präsident Baschar al-Assad zusammen – heute kämpfen beide Seiten über die Hoheit in der Stadt. Und damit auch darum, wie die Bürger in Idlib ihr Leben führen dürfen.

Ein ähnliches Schicksal hatte Aleppo, jahrelang war die Metropole zwischen Radikalen, Rebellen und Assad-Getreuen umkämpft. Seit Dezember 2016 ist sie wieder in Händen der Assad-Regierung (bento). Die Rebellen durften nach Idlib abziehen, Tausende Familien wurden ebenfalls zwangsevakuiert. 

Sie alle sind nun in Idlib eingekesselt. Und streiten über ihre Vorstellung von Freiheiten selbst in Sachen Undercut.

Hier kannst du dich über den Syrienkrieg informieren:

Der Syrienkrieg begann im März 2011 – nach wenigen Wochen friedlichen Protests.
Knapp eine halbe Millionen Menschen sind ums Leben gekommen – jeder zehnte Syrer.
Nachweislich wurden Giftgas und geächtete Splitterbomben eingesetzt.
Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 70,5 Jahre auf 55,4 Jahre gesunken.
Die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr als sechs Millionen davon im eigenen Land.
Drei Millionen Menschen haben Syrien verlassen, die meisten leben in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern.
85 Prozent der Menschen in Syrien lebten 2015 in Armut. Zwei Drittel aller Syrer haben ihre Jobs verloren.
Jeder Fünfte verdient sein Geld nun mit dem Krieg: als Kämpfer, Kidnapper, Plünderer oder Schleuser.
Die Hälfte der Kinder im schulpflichtigen Alter geht nicht mehr zur Schule.
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Gerechtigkeit

Hotpants sollen an Schulen verboten werden? Aber das Problem haben doch die Männer!

Als die ersten Menschen begannen, Felle nicht mehr nur als Sonnenschutz oder Zelt zu benutzen, sondern sich damit zu bekleiden, muss es schon die ersten unausgesprochenen Regeln für Frauen gegeben haben, wie sie sich anzuziehen haben. 

Anders kann ich mir diese jahrhundertelange krampfhafte Fixierung darauf, was Frauen tragen, was sie tragen dürfen, was nicht und warum es eigentlich immer das Falsche ist, nicht erklären: