Bild: Forensic Architecture
Sie wollen so den Syrienkrieg erlebbar machen.

Es ist dunkel und still. Wasser tropft von einem rostigen Leitungsrohr, dumpfe, schwere Schritte kommen aus der Ferne näher. Das muss der Wärter sein, der sich der Zelle nähert. Mit dem Mauscursor kann man sich in der Zelle drehen. 

Im Halbdunkel der Zelle sind mehrere Gestalten auszumachen, Schatten nur. Jemand hustet. Dann ein Quietschen im Kopfhörer, die Zellentür geht auf. Der Wärter holt sich jemanden heraus. Und die Schreie beginnen.

Die Szene gehört zu einer virtuellen Begehung von Saidnaja – Syriens schlimmstem Foltergefängnis.

Außerdem gehört die Szene zur den Erinnerungen von Anas Hamado. Der Syrer saß in Saidnaja. Er ist einer von fünf ehemaligen Häftlingen, die nun über das gesprochen haben, was ihnen in Saidnaja passierte. Ihre Protokolle wurden von der Londoner Forschungsgruppe "Forensic Architecture" und der Hilfsorganisation Amnesty International gesammelt – und in eine virtuelle 3D-Rekonstruktion des Foltergefängnisses verwandelt. 

Das virtuelle Saidnaja ist über eine Homepage erreichbar, außerdem ist es noch bis Anfang April Teil der Ausstellung "Schöne Neue Welten" im Zeppelin-Museum Friedrichshafen. Wie in einem Computerspiel kann man durch die Korridore und Zellen des Militärgefängnisses wandern, in beigestellten Videos berichten Anas und die anderen von ihren Erlebnissen. 

So sieht das Projekt aus:
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Saidnaja liegt etwa 25 Kilometer nördlich von Damaskus. Es ist berüchtigt für seine brutalen Wärter, unzählige Gegner des Regimes von Baschar al-Assad sind seit Beginn des Syrienkrieges hinter den Wänden von Saidnaja verschwunden. Zehntausende sollen in Massenhinrichtungen oder durch Folter getötet worden sein (SPIEGEL ONLINE).

Der syrische Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg in Syrien begann im März 2011 mit friedlichen Protesten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Dieser schlug die Aufstände brutal nieder, Tausende wurden in Foltergefängnisse gesperrt. 

Die "Freie Syrische Armee" (FSA) rief zum bewaffneten Kampf gegen Assad auf. Im Chaos etablierten sich bald islamistische Milizen, darunter der "Islamische Staat" (IS), der große Teile Syriens eroberte. Von der FSA blieb fast nichts übrig.

Daraufhin flog ein internationales Bündnis der USA Luftschläge gegen den IS; Russland, der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz unterstützen Assads Armee. Menschenrechtler schätzen, dass bislang Hunderttausende Menschen ums Leben kamen. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr zu Syrien auf bento.

Damit dieser Schrecken von Saidnaja begreifbarer werden kann, hat "Forensic Architecture" das Gefängnis rekonstruiert. Die Gruppe setzt sich aus Architekten und Künstlern der Goldsmiths-Uni in London zusammen, die sich mit Erinnerungskultur beschäftigen. Auf der Documenta in Kassel haben sie sich mit einem Mord der rechtsextremen Terrorgruppe NSU auseinandergesetzt, in anderen Installationen klären sie über Anschläge, Konzentrationslager und Dronenkriege aus aller Welt auf. 

"Forensic Architecture" sind nicht die einzigen, die neue Wege in der Erinnerungskultur gehen, real wie virtuell. 

Ein Team aus Rom bietet Begehungen des Konzentrationslagers Auschwitz via VR-Brille an, das Anne-Frank-Museum lädt virtuell zum Besuch ihres Verstecks in Amsterdam ein, Escape Rooms bieten die Flucht aus Stasi-Wohnungen an. 

  • Die Idee dahinter: Die Schrecken der Geschichte sollen real bleiben. Auch dann, wenn es keine Augenzeugen mehr gibt, die davon erzählen können. Früher konnten Museen nur mit Schwarz-Weiß-Bildern an vergangene Konflikte und Katastrophen erinnern – heute erlaubt die Technik, vergangene Orte einfach virtuell zu erhalten.
  • Kritiker aber sagen: So wird die Geschichte verändert und verkommt zum Spaß-Erlebnis. Die tatsächlichen "authentischen Orte" lösen sich auf, sagt der Historiker K. Erik Franzen (Frankfurter Rundschau).

Christina Varvia lässt solche Kritik nicht gelten. Die 29-Jährige gehört zum Architektenteam, das Saidnaja rekonstruiert hat. Seit vier Jahren arbeitet sie für "Forensic Architecture".  

Gerade nach 2015 seien sehr viele rechte Strömungen mit Anti-Flüchtlings-Propaganda groß geworden, sagt sie. Das virtuelle Saidnaja soll dem etwas entgegen setzen. 

Viele Nutzer der Homepage seien sehr bedrückt, sagt Christina. Das Feedback sei jedoch vor allem positiv. Auch viele Syrer, welche die Ausstellung oder die Homepage sehen, würde das Projekt sehr bewegen. "Viele finden wichtig, dass die Wahrheit über Saidnaja so ein Gesicht bekommt", sagt Christina.

Wir können niemandem erklären, wie schrecklich Saidnaja wirklich ist. Aber wir können es so nahe wie möglich bringen.

Mehrere Monate lang haben Christina und ihre Kollegen mit den fünf Überlebenden über ihre Erinnerungen gesprochen. "Ein Häftling hat mir die Größe seiner Zelle anhand seines eigenen Körpers beschrieben", sagt Christina. Die Luke in der Zellentür sei zum Beispiel genauso groß wie sein Gesicht gewesen. "Das wusste er, weil er sich hinknien und sein Gesicht durchstrecken musste, wenn sie ihn foltern wollten." 

Aus den Erinnerungen wurde das virtuelle Gefängnis gebastelt. Wie lang die Korridore, die Zellen sind, rekonstruierten die Architekten vor allem an den Hör-Erinnerungen der Häftlinge – daran, wie nah oder fern die Schritte der Wärter klangen. Christina nennt die Technik "Echo Profiling".

Die Aussagen der fünf Häftlinge wurden mit älteren Aufzeichnungen, Umgebungsbildern und Aussagen anderer Ex-Häftlinge abgeglichen. 

Das Team hatte die Idee zum Projekt im Sommer 2015. Damals hätten viele über die Flüchtlinge geredet, aber kaum einer mit ihnen, sagt Christina. "Also wollten wir schauen, wo sie eigentlich herkommen, wovor sie genau fliehen."

Was der Syrienkrieg für das Land bedeutet:
Der Syrienkrieg begann im März 2011 – nach wenigen Wochen friedlichen Protests.
Knapp eine halbe Millionen Menschen sind ums Leben gekommen – jeder zehnte Syrer.
Nachweislich wurden Giftgas und geächtete Splitterbomben eingesetzt.
Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 70,5 Jahre auf 55,4 Jahre gesunken.
Die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr als sechs Millionen davon im eigenen Land.
Drei Millionen Menschen haben Syrien verlassen, die meisten leben in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern.
85 Prozent der Menschen in Syrien lebten 2015 in Armut. Zwei Drittel aller Syrer haben ihre Jobs verloren.
Jeder Fünfte verdient sein Geld nun mit dem Krieg: als Kämpfer, Kidnapper, Plünderer oder Schleuser.
Die Hälfte der Kinder im schulpflichtigen Alter geht nicht mehr zur Schule.
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Mit Anas und den anderen hätten sie behutsam gesprochen. Niemand sollte seine Folter schildern müssen, wenn er nicht will. Stattdessen sollte alles möglichst technisch bleiben. "Wir haben gefragt, wie genau ihre Zelle aussah, welche Textur die Wand hatte, wie groß die Kacheln waren", sagt Christina. 

Emotional wurde es trotzdem. Denn manchmal wurden Dinge erst dadurch wahr, wenn die Häftlinge sie unbewusst falsch erinnerten, sagt Christina: 

"Anas hat uns einmal erzählt, wie er im Korridor vor seiner Zelle von mehreren Wärtern geschlagen wurde. Anas beschrieb den Korridor als runden Raum, so, als ob von allen Seiten Wände näher kommen. Tatsächlich wussten wir durch andere Quellen, dass der Korridor lange und gerade ist. Aber seine Erzählung war trotzdem glaubwürdig – weil sich der Ort für ihn so bedrückend angefühlt hat."

Es sind solche Erzählungen, die Saidnaja begreifbar machen. Gerade für die Menschen in Europa, die sich sonst nicht mit dem Thema Flüchtlinge beschäftigen. Vieles, was die Menschen über die Schrecken des Syrienkrieges lesen oder sehen, würden sie auch wieder vergessen, sagt Christina. "Es betrifft sie ja nicht im Alltag."

Sie hofft, dass ein virtuell begehbarer Folterknast das ändern kann. Sie hofft, dass ein Stück Beklemmung bleibt. 

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