Bild: dpa/privat; Montage: bento

Die USA wollen nicht länger in Syrien kämpfen – und ziehen ihre Truppen ab. Das hat US-Präsident Donald Trump in der Nacht zum Donnerstag bekannt gegeben. Auf Twitter erklärte Trump auch, warum es nicht länger nötig sei, sich im syrischen Bürgerkrieg zu beteiligen: Der "Islamische Staat" sei jetzt besiegt.

Die Dschihadmiliz eroberte nach Beginn des Syrienkrieges 2011 große Teile des Landes und errichtete ein Terrorregime. Viele Syrerinnen und Syrer mussten unter dem IS leiden. Ab Herbst 2014 flogen die USA Luftangriffe gegen die Islamisten. 

Nun soll mit den Luftschlägen Schluss sein, auch ziehen die USA 2000 Soldatinnen und Soldaten im Land ab. (SPIEGEL ONLINE)

Trump sagt: 

„Wir haben gegen den IS gewonnen. Nun ist es Zeit für unsere Soldaten, nach Hause zu kommen.“

Aber stimmt das wirklich, ist der IS so plötzlich am Ende? 

Wir haben fünf junge Syrerinnen und Syrer gefragt, wie sie die Lage in ihrem Land beurteilen – und was sie vom US-Rückzug halten.

1 Abdul, 33

"Ich war genauso schockiert wie glücklich, als ich vom Rückzug hörte. Ich war lange Zeit in Aleppo eingeschlossen – und hätte mir gewünscht, dass die Welt uns hilft. Aber die USA haben es nicht geschafft, die Massaker hier zu beenden. Entsprechend froh bin ich, dass sie nun wieder weg sind.

Gleichzeitig habe ich aber auch Angst. Der Diktator Assad wird die Chance nutzen, wieder Angriffe gegen uns zu fliegen. Wir sind wirklich in großer Gefahr. 

„Was mich wundert, ist Trumps entschiedene Ansage, Daish sei besiegt. Das glaubt hier wirklich niemand!“

Klar, die Terroristen kontrollieren jetzt nicht mehr die Straßen, Kämpfe habe ich schon länger keine mehr gesehen. Aber da sind sie immer noch. Ich persönlich habe trotzdem weniger Angst vor Daish als vor Assads Truppen. Ich bin mir sicher, dass sie die Lücke nutzen, die die US-Armee hinterlässt.

Was ich mir wünsche, wäre ein Abzug nicht nur der USA, sondern auch von Iran, der Türkei und Russland. Sie alle haben Soldaten in unserem Land und spielen ihre Spiele. Lasst uns Syrer doch einfach selbst mit unserem Land fertig werden."

Wie wir mit der IS-Miliz umgehen

Wir verwenden bei bento die Bezeichnung "Islamischer Staat", weil es der gängigste Begriff für die Miliz ist. Mit den Anführungszeichen distanzieren wir uns zugleich vom selbst definierten Anspruch der Miliz, islamisch oder ein funktionierender Staat zu sein. 

Als Kürzel nutzen wir IS, in englischsprachigen Medien findest du oft auch ISIS oder ISIL. Im Arabischen wird auch das Kürzel "Daish" verwendet.

2 Diaa, 24

"Ich zähle mich zur syrischen Opposition, ich wünsche mir den Sturz von Assad. Von den USA habe ich hier nicht profitieren können, sie haben uns Syrer nie unterstützt. Ich glaube, die USA waren nur für ihre eigenen Interessen hier.

Sie haben die Infrastruktur unseres Landes zerstört, angeblich unter dem Deckmantel, gegen ISIS zu kämpfen. Wir wissen aber alle, dass sich ISIS in die Wüste zurückgezogen hat. Und trotzdem bombardieren die USA unsere Brunnen. 

„Die USA waren nie hier, um zu helfen.“

Dass ISIS nun wieder stärker wird, glaube ich aber nicht. Eben weil die USA sich nie um ihn gekümmert und lieber tausende Zivilisten getötet haben. Ob die Soldaten hier sind, hat für das Bestehen von ISIS keinerlei Bedeutung."

3 Fatima, 23

(Sie möchte zum Schutz kein Foto von sich zeigen.)

"Ich kann noch nicht ganz einschätzen, warum sich die US-Truppen plötzlich zurückziehen. Ich glaube aber, dass eher politische Interessen als große Emotionen dahinterstehen. 

„Trump sagt, er habe Daish besiegt, aber das ist eine total blödsinnige Behauptung.“

Statt um die Terroristen geht es doch um Absprachen zwischen den USA, Russland und der Türkei. Am wichtigsten für uns als syrisches Volk wäre, dass endlich Freiheit und Frieden für alle möglich wird – und dass Daish, die PKK und alle anderen tyrannischen Armeen und ausländischen Kräfte endlich verschwinden. 

Wenn nur die USA gehen, wird es aber eher neue Kämpfe geben. So, wie es jetzt ist, fühle ich in mir eine Mischung aus Angst vor dem, was nun kommt – und Trauer, weil wieder viele Unschuldige dank dieser Entscheidung sterben werden."

Für deinen Hintergrund – so kam der IS an die Macht:

1/12

4 Fayyad, 27 

"Die Amerikaner haben uns nie wirklich helfen wollen, Assad zu besiegen. Sie waren nur daran interessiert, sich in den Kurdengebieten auszubreiten. Was mich betrifft, ist die Antwort also einfach: Es ist mir total egal, ob sie hier präsent sind oder nicht.

Dass Daish besiegt ist, stimmt tatsächlich. Aber es gibt doch längst Nachfolger, Jabhat an-Nusra zum Beispiel – die Miliz kontrolliert heute die Gebiete, die früher Daish hatte. Die Frage ist nur, warum die USA die nicht auch bombardiert haben?"

5 Rajaai, 28

(Bild: privat)

"Ich glaube, nur weil die Armee des IS besiegt ist, heißt das nicht, dass der IS besiegt ist. Der IS ist vor allem eine Ideologie, und viel gefährlicher als ihre Kämpfer ist ihr Geheimdienst. Der IS hat überall in Syrien Agenten, die für ihre Sache werben.

2010 wurde eine IS-Armee schon einmal völlig besiegt. Trotzdem waren sie in der Lage, eine neue aufzubauen. Wenn sich die USA nun zurückziehen, wird das also auf die Zukunft des IS null Auswirkungen haben. 

„Die USA und auch andere Kräfte haben an einer dämlichen Strategie gearbeitet, nur die Armee des IS zu besiegen. Gleichzeitig hungern hier in Syrien die Menschen.“

Für den IS-Geheimdienst macht es das einfacher, in Zukunft immer wieder neue Rekruten zu finden. Schon jetzt sehe ich ja, wie aktiv sie noch sind. Immer wieder gibt es Auftragsmorde, die von den Terroristen begangen wurden. Sie sind einfach zu gut vernetzt und schaffen es, neue Wut unter den Menschen zu schüren.

Klar, das macht mir wirklich Angst. Aber andererseits: Ich lebe schon seit Jahren in Angst."

Die Syrer sind nicht die einzigen, die sich über Trumps Entscheidung wundern:

  • Die britische Regierung sagt, der IS sei nach wie vor eine Bedrohung, auch wenn er viel Gebiet verloren habe. "Wir dürfen nicht aus dem Blick verlieren, welche Gefahr er darstellt", schreibt das britische Außenministerium in einer Erklärung.
  • Interpol warnt vor einem neuen Erstarken terroristischer Gruppen – der Interpol-Generalsekretär Jürgen Stock spricht sogar von einem "Isis 2.0". (Die Welt)
  • Und auch eine neue Studie des "Center for Strategic and International Studies" geht davon aus, dass es noch nicht vorbei ist. Heute gebe es mehr Islamisten als je zuvor:

Was trotzdem an Trumps Aussage stimmt:

Die letzte große Hochburg des IS, die syrische Wüstenstadt Rakka, wurde im Herbst 2017 zurückerobert. In blutigen Häuserschlachten drängten kurdische Kämpfer mit US-Hilfe die Dschihadisten zurück (bento). De facto hat der IS also kein "Kalifat" mehr, kein Hoheitsgebiet.

Seither ist es um den IS sehr still geworden. Viele nahmhafte Anführer sind bestätigt tot oder gelten als verschollen, wie der IS-Chef Abu Bakr Al-Baghdadi. Koordinierte Anschläge verzeichnet die Miliz nicht mehr, es sind vor allem Einzeltäter, die in ihrem Namen töten.

  • Das zeigt aber auch: Der Geist des IS lebt weiter. So lange junge Menschen in Syrien keine andere Perspektive bekommen und kein Ende des Krieges in Sicht ist, wird es immer wieder welche geben, die sich dem IS oder anderen Terrorgruppen anschließen. Ein Rückzug der US-Truppen sollte also nicht einen Rückzug aus der Verantwortung mit sich bringen.

Wie wir recherchiert haben

Unser Nachrichtenchef Marc Röhlig hat kurz vor Beginn des Syrienkrieges ein knappes Jahr in Damaskus gelebt. Seither erhält er viele Kontakte aufrecht, über WhatsApp und Facebook-Gruppen sucht er zudem nach neuen Gesprächspartnern. 

Nicht immer wollen alle ihr Gesicht zeigen oder ihren Klarnamen veröffentlicht wissen – der Redaktion sind die Personen aber bekannt. Um die Echtheit von Aussagen zu überprüfen, lassen wir uns auch Standorte schicken oder gleichen geschilderte Erlebnisse mit Nachrichten aus der Region ab. 

 Darüber, wie schwer es ist, nach Syrien Kontakt zu halten, schreibt Marc auch hier.


Streaming

Wie der neue "Aladdin" verhindern will, (wieder) nur Nahost-Klischees zu bedienen
Was der Regisseur und die Schauspieler über den Dreh sagen.

In Disneys Zeichentrickfilm "Aladdin" aus dem Jahr 1992 reihte sich ein Klischee über den Nahen Osten an das andere – so wird es Disney seit Jahren vorgeworfen. Um das bei der neuen Realverfilmung, die 2019 erscheinen soll, zu verhindern, hat das Produktionsteam daher einige Vorkehrungen getroffen.

Was wird dem "alten Aladdin" vorgeworfen?

Der Zeichentrickfilm aus dem Jahr 1992 soll rassistisch sein und ein Klischee nach dem anderen bedienen. Der Islamwissenschaftler Ulrich Marzolph von der Uni Göttingen schreibt in einer seiner Arbeiten

"Der Disney-Film ist die technisch perfekte visuelle Realisierung einer voreingenommenen und wenig um Objektivierung anhand tatsächlicher Verhältnisse bemühten Sichtweise, für die der amerikanische Literaturwissenschaftler Edward W. Said 1978 den Terminus Orientalismus geprägt hat." 

Puh. Ein hartes Urteil.

Er schreibt weiter, dass im Film einige "implizit wertende Eingriffe" vorgenommen werden, die "nur als impertinente amerikanische Anmaßungen" verstanden werden können. (Marzolph, S. 455)

Konkret nennt er folgende Beispiele:

  • Die orientalischen Machthaber werden dargestellt als hilflos tölpelhaft (der Sultan) oder berechnend, böswillig und extrem machtgierig (Dschafar).
  • Jasmin ist zwar eine aktive Heldin (wie in "1001 Nacht" vorgesehen), wird dann aber unnötig sexuell und knapp bekleidet dargestellt.
  • Der Hauptmann der Palastwache, der an sich schon sehr grob, laut und nicht sonderlich intelligent dargestellt wird, heißt Rasul. Rasul ist zwar ein geläufiger Name, aber das arabische Wort "rasul" bedeutet "Gesandter (Gottes)" und ist die gebräuchliche Bezeichnung für Muhammad, den Stifter der Religion des Islam
  • Das Anfangslied des Filmes enthält eine "unmißverständlich rassistische Tendenz" (so heftig, dass der Text für die Video-Veröffentlichung des Films geändert wurde), mit Zitaten wie, dass das Land, aus dem Aladdin kommt (also irgendwo in der Nähe des Jordans) "barbarisch" sei oder beschrieben wird mit den Worten: "wo sie dir das Ohr abschneiden, wenn sie dein Gesicht nicht mögen". 

Zur (Mini-)Verteidigung des Disney-Stoffes führt aber auch Marzolph an, dass die Vorlage "Aladin und die Wunderlampe" ursprünglich von einem Franzosen geschrieben wurde. Der Orientalist Antoine Galland lieferte Anfang des 18. Jahrhunderts mit "Les mille et une nuits" die erste Übersetzung von "1001 Nacht" – und fügte die Aladin-Geschichte kurzerhand hinzu. Dabei bediente er sich verschiedener mündlicher Überlieferungen aus der arabischen Welt und seiner französischen Landleute.

Die Übersetzung von "1001 Nacht" von Galland ist insgesamt umstritten, weil er viel den seiner Zeit üblichen Sichtweisen und Trends anpasste. (Marzolph, S. 450f.)