Bild: Sam Taylor/Médecins Sans Frontières
Der Krieg in Syrien steht vor seiner wohl schlimmsten Woche

Vergangene Woche einigte sich die internationale Gemeinschaft am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz darauf, binnen einer Woche einen Waffenstillstand für Syrien zu erreichen. Wäre das tatsächlich der Fall, würde dieser Waffenstillstand diesen Freitag beginnen.

Wie am Konflikt beteiligte Nationen die Zeit nutzen:
  • Saudi-Arabien hat am Wochenende eigene Kampfflieger in der Südtürkei stationiert. Die Aufstockung sei mit den USA koordiniert, berichtete der saudische Außenminister am Sonntag. Zuvor hatte das Land bereits verkündet, auch Bodentruppen nach Syrien schicken zu können.
  • Die Türkei will zunächst keine Bodentruppen entsenden. Am Wochenende wurden jedoch laut Medienberichten Soldaten an der Grenze zu Syrien zusammengezogen und Artillerie auf kurdische Stellungen jenseits der Grenze abgefeuert.
  • Iranische, afghanische und libanesische Milizen haben sich derweil aufseiten Syriens weiter zu Aleppo vorgekämpft. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana berichtet von Rückeroberungen im Norden.

All diese Bewegungen machen klar, was in der Diplomatie bei verhandelten Frieden leider oft gang und gäbe ist: Vor der Ruhe kommt der Sturm.

Was in Syrien geschieht, ist längst kein Bürgerkrieg mehr

Es gibt keine klare Definition, was genau Bürgerkrieg ist. Allerdings sind sich viele Wissenschaftler einig, dass sich bei einem Bürgerkrieg mehrere Parteien innerhalb eines Landes feindlich gegenüberstehen müssen. Diese Seiten können dabei von anderen Ländern unterstützt werden.

Syrien ist mehr als ein Bürgerkrieg: In den vergangenen fünf Jahren zerfaserten die Grenzen Syriens; es gab bereits Kampfhandlungen im libanesischen, israelischen und türkischen Grenzgebiet, die Grenze zum Irak ist de facto keine mehr. Hier hat der IS in einem Propagandavideo erst symbolisch die Grenze eingerissen, mittlerweile kontrolliert er weite Abschnitte im Wüstengebiet zwischen Syrien und Irak.

Neben den Kampfhandlungen werden in Syrien mehrere großen Probleme des 21. Jahrhunderts verhandelt:

  • Der unbedingte Machtanspruch Russlands und die zaghafte Außenpolitik der USA: So sucht Moskau nach dem Ende des Kalten Krieges eine neue Rolle, US-Präsident Barack Obama hat hingegen die Abkehr vom Nahen Osten beschlossen.
  • Die "Zahnlosigkeit" der Uno und die Handlungsunfähigkeit der EU: Die Vereinten Nationen können kaum mehr als mahnen, Europa indes kann seiner Idee der Gemeinschaft bisher keine gemeinsame Außenpolitik beistellen.
  • Die Ansprüche der Kurden in der Region: Mit der Gestaltung des Nahen Ostens durch die Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien wurde das Kurdengebiet – wie auch viele andere Stammesgebiete – willkürlich in Nationen zertrennt. Nun hoffen die Kurden auf die historische Chance, ihre Gebiete im Irak, in Syrien und der Südtürkei zu einen.
  • Die Streitereien zwischen Iran und Saudi-Arabien und die damit geschürten konfessionellen Spannungen im Islam: Die Glaubensrichtungen Sunna und Schia sind im Islam seit Jahrhunderten getrennt. Nun brechen sie entlang geopolitischer Machtansprüche am Persischen Golf wieder auf.
  • Der islamistische Terror des IS und anderer Gruppen: Der Islamismus mag nur eine Ideologie unter vielen sein, mit dem Erstarken und Werben des IS bekommt er so viel Aufmerksamkeit wie lange nicht.
  • Nicht zuletzt stellt der Flüchtlingsstrom die Frage, wie lange der Westen noch Wohlstand vor Moral stellen kann: All jene, die auf unsere Hilfe hoffen, sind nur Auftakt einer globalen Frage: Wie kann man sich dem hehren Ziel einer globalen sozialen Gerechtigkeit nähern?
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Warum ist Aleppo so umkämpft?

Die Stadt im Norden war einst größte Metropole Syriens und der Wirtschaftsmotor des Landes. Wer Aleppo kontrolliert, kontrolliert die Geschicke des Krieges: Seien es die Handelsrouten und Versorgungswege der Rebellen in Nordsyrien, die Zugänge zur Mittelmeerküste in Nordsyrien oder zu den Süßwasserreservoirs im Nordosten des Landes. Auch stoßen in Aleppo die Hoheitsgebiete aller mittlerweile entscheidenden Kriegsparteien zusammen: die von Assads Regime, die der Rebellen, die der Kurden und die der IS-Miliz.

Was tut die internationale Gemeinschaft?

Ideen für eine Befriedung Syriens gibt es seit es den Konflikt gibt. Seit 2012 trifft sich die Weltgemeinschaft unter Federführung der Uno zudem zu Friedensgesprächen.

Hier sind die bisherigen Ergebnisse im Überblick:

Tatsächlich hätte die Welt früh reagieren können, ohne sich direkt militärisch in Syrien einzumischen:

  1. Eine Flugverbotszone hätte die Abwürfe der zerstörerischen Fassbomben von Assads Militär verhindert. Bereits 2011 hatte die syrische Opposition sich genau das gewünscht.
  2. Sanktionen hätten den Diktator Assad eingeschränkt. Stattdessen dominiert er nun den Westen Syriens militärisch, wird von Teilen des syrischen Volkes gestützt und ließ das andere – mutmaßlich auch mit Giftgas – brutal ermorden. Friedensverhandlungen werden ohne den neu erstarkten Assad kaum möglich sein.
  3. Ein Sicherheitskorridor in Nordsyrien hätte Flüchtlingen Schutz geboten und die Schmuggelrouten des IS unterbunden. Auch das hatte die syrische Opposition bereits 2011 gefordert: ein Landstrich, der von internationalen Kräften gegen Angriffe geschützt wird.
All das hat die Welt versäumt und muss sie nun als Last in diesem großen, gemeinsamen Krieg tragen.

Nicht zuletzt: Eine bessere Unterstützung der syrischen Nachbarländer mit all ihren Millionen Flüchtlingen hätte humanitäre Katastrophen klein gehalten – und würde geflüchteten Syrern den Heimweg erleichtern. Um zurückzukehren, um in ihrem Land beim Aufbau zu helfen. Irgendwann.