Bild: IRPGF

Mitten in den Trümmern des vom Bürgerkrieg zerrissenen Syrien steht eine Gruppe von vermummten Kämpfern und hält zwei Flaggen hoch. Die eine ist pink, darauf die Silhouette eines Sturmgewehrs. Die andere ist die Regenbogenflagge, das Symbol der LGBT-Bewegung.

Das Bild soll in Rakka aufgenommen worden sein – der einstigen Hochburg des "Islamischen Staates" in Syrien. 

Jetzt steht da Syriens erste Schwul-lesbische Kampfbrigade: TQILA.

Die Abkürzung TQILA steht für "The Queer Insurrection and Liberation Army", also in etwa Befreiungsarmee des queeren Aufstands, und ist laut der Gruppe kein Zufall.

Das Bild wird seit Montagabend auf Twitter geteilt. Die Gruppe soll zu den Internationalen Revolutionären Volksguerilla-Kräften (IRPGF) gehören, die ebenfalls in Syrien kämpfen. Doch nicht alle sind von der Brigade überzeugt.

Die IRPGF ist ein Kollektiv ausländischer, linker Kämpfer, die in Nordsyrien dabei helfen wollen, einen eigenen kurdischen Staat aufzubauen. 

  • Syrien befindet sich seit mehr als sechs Jahren in einem blutigen Bürgerkrieg. Mittlerweile ist das Land weitestgehend zerstört.
  • Im Norden hatte die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) einst große Teile erobert, mittlerweile sind die Dschihadisten im Rückzug begriffen (bento).
  • Seit Monaten ist Rakka, die einstige Hauptstadt des IS, stark umkämpft. Vor allem die Syrisch-Demokratischen Kräfte (SDF) haben dort den IS zurückgedrängt.
  • Beim SDF kämpfen Kurden und Araber gemeinsam, das Bündnis wird von den USA mit Waffen unterstützt.
Der Syrienkrieg begann im März 2011 – nach wenigen Wochen friedlichen Protests.
Knapp eine halbe Millionen Menschen sind ums Leben gekommen – jeder zehnte Syrer.
Nachweislich wurden Giftgas und geächtete Splitterbomben eingesetzt.
Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 70,5 Jahre auf 55,4 Jahre gesunken.
Die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr als sechs Millionen davon im eigenen Land.
Drei Millionen Menschen haben Syrien verlassen, die meisten leben in Flüchtlingslagern in den Nachbarländern.
85 Prozent der Menschen in Syrien lebten 2015 in Armut. Zwei Drittel aller Syrer haben ihre Jobs verloren.
Jeder Fünfte verdient sein Geld nun mit dem Krieg: als Kämpfer, Kidnapper, Plünderer oder Schleuser.
Die Hälfte der Kinder im schulpflichtigen Alter geht nicht mehr zur Schule.
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Die IRPGF spielte im Bürgerkrieg bislang keine große Rolle, hat sich aber angeblich kurdischen Einheiten angeschlossen. Die Einheit wurde erst Ende März diesen Jahres gegründet – und sie besteht vor allem aus radikalen Linken aus Europa, die im Syrienkrieg mitmischen wollen. (Hier findest du ihr Gründungsvideo)

(Bild: IRPGF)

Die Anarchisten träumen von einem befreiten Landstrich, in dem es keine klassische Staatsgewalt mehr gibt. Die Probleme der Syrer, die seit Jahren unter schrecklichen Bedingungen einen Krieg mit vielen ausländischen Kräften aushalten, sind für die IRPGF-Kämpfer aus Deutschland, Frankreich und anderen Ländern aber eher zweitrangig. Den Einfluss der Anarchisten vor Ort halten viele Experten für gering.

Die Gruppe hat ein Statement veröffentlicht, in dem sie als Hauptziel von TQILA angibt, den Unterschied zwischen den Geschlechtern "zu zerstören" und eine "sexuelle Revolution" in Syrien anzustreben.

Motivation für die Gründung der Brigade seien die grausamen Taten des IS gegen Schwule in Syrien und im Irak gewesen.

So geht es Schwulen unter dem IS

Der IS verbreitet eine Ideologie, in der Homosexualität als "unnatürliche Krankheit" angesehen wird und verfolgt Schwule. Ein Video zeigt, wie mehrere Männer von einem Hochhaus im Irak gestoßen wurden. In anderen Fällen wurden Steinigungen von Schwulen gezeigt.

Im Koran selbst gibt es jedoch keine klare rechtliche Quelle, die Homosexualität verbietet. Die Islamisten begründen ihre Taten auf eigenen Auslegungen, liberale Muslime sehen hingegen keinen Gegensatz zwischen Homosexualität und Islam.

Wie viele Kämpfer tatsächlich in der schwul-lesbischen Brigade aktiv sind – und wo genau sie kämpfen – bleibt jedoch unklar. Auf Nachfrage wollten sich die Verantwortlichen nicht näher äußern.

Unklar bleibt auch, wie ernst es TQILA tatsächlich meint. "Es gibt keine solche Einheit, die mit uns zusammenarbeitet", sagt ein kurdischer Kämpfer aus Nordsyrien zu bento. Er möchte aus Sicherheitsgründen anonym bleiben, ist aber vor Ort am Kampf gegen den IS beteiligt.

  • Seit Ende 2016 würden bereits Kurden in den Vororten von Rakka kämpfen – queere Brigaden aber nicht. "Das ist nicht mehr als Propaganda irgendwelcher Ausländer, die nur behaupten, Kurden zu sein", sagt der Kontakt. "Von den Traditionen unserer Kämpfer hier ist das weit entfernt." Das angebliche Foto aus Rakka hält er für gestellt.
  • Eine andere kurdische Aktivistin berichtet bento hingegen, die Gruppe sei real und setzte sich aus queeren Kurden zusammen. Auch die Seite "Newsweek" schreibt über TQILA und zitiert die angebliche Kommandatin Heval Rojhilat. "Wir sind bereits in Rakka und kämpfen dort", sagt sie.
Wahrscheinlich ist die Untergruppe TQILA nur ein PR-Stunt der militanten IRPGF-Gruppe. Ob aber ein anarchistisches Syrien den queeren Menschen im Land tatsächlich hilft, bleibt fraglich.


Trip

Was ich als Medizinstudent in Südafrika gelernt habe