Bild: EPA; privat / Montage: bento

Wie lebt man in einem Land, in dem seit mehr als fünf Jahren Krieg herrscht? In in einem Land, in dem nach Schätzungen mehr als 400.000 Menschen ums Leben gekommen sind (bento I), aus dem die halbe Bevölkerung geflohen ist? Wie lebt man in einem Land namens Syrien?

Der Blick von außen zeigt oft nur die Ziele der Kriegsparteien auf: Die Armee des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad kämpft gegen Rebellen, die sich gegen ihn erhoben haben. Russland und schiitische Milizen unterstützen Assad, die USA und ein internationales Bündnis unterstützten die Rebellen. Kurdische Einheiten kämpfen in wechselnden Allianzen auf beiden Seiten, islamistische Gruppen wie der "Islamischer Staat" kämpfen gegen alle.

Diese Karte zeigt die Lage im Land Ende September:

Quellen: bento-Recherchen, Thomas von Linge und liveuamap.com
Wer im Konflikt oft ohne Stimme bleibt, sind die syrischen Zivilisten.

bento hat junge Syrer in verschiedenen Teilen des Landes kontaktiert und zu ihrer Situation befragt: Wie funktioniert Alltag im Krieg? Was bedeutet für dich Angst? Was bedeutet Hoffnung? Die Antworten sind höchst unterschiedlich: In der Hauptstadt Damaskus feiern Jugendliche mit Wodka durch die Nacht, im völlig zerstörten Aleppo fürchten die Menschen tägliche Luftangriffe.

Der Krieg hat Syrien zu einem Land der vielen Wirklichkeiten gemacht.

Das berichten junge Syrer über ihren Alltag:
(Bild: privat)
Biryar, 19 Jahre, Abiturient aus Ma'abada in Nordsyrien
Ich wohne in einem kleinen kurdischen Dorf in Rojava, so nennen wir Kurden unsere Heimat hier. Daesh (so wird der IS im Arabischen genannt, Anm. d. Red.) hat uns immer wieder angegriffen, aber wir konnten ihn zurückschlagen. Trotzdem konnte ich nicht zu meinen Abiturprüfungen wegen der Kämpfe.

Ich habe mich jetzt entschieden, Englisch zu lernen und als Fotograf zu arbeiten. So kann ich der kurdischen Sache helfen. Seit Beginn der Revolution haben wir Kurden für unsere Heimat gekämpft und sie gegen Daesh verteidigt. Wenn ein Dorf befreit wird und die Menschen jubeln, ist das einfach großartig. Ich selbst habe aber noch nicht als Soldat gekämpft.

In meiner Freizeit bin ich oft mit Freunden Fußball spielen. Seit dem Krieg gibt es ja keine Liga mehr und die Stadien in Nordsyrien sind geschlossen. Wir kicken auf diesem riesigen Platz unsere eigenen Spiele.

So ist die Lage in Nordsyrien

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hatte sich ausgebreitet und viele Städte unterworfen – in den vergangenen Monaten hat ein Verbund aus Kurden und arabischen Stämmen die Islamisten vor allem im Nordosten vertrieben. Dennoch bleibt die Region instabil: Der IS schickt immer wieder Selbstmordattentäter in die befreiten Orte.

Malak möchte nicht erkannt werden. Das Bild ist von ihrem Instagram-Account.(Bild: privat)
Malak, 30 Jahre, BWL-Studentin aus Damaskus
Es gibt natürlich kaum noch Touristen hier. Früher kamen Tausende, jetzt sind die Straßen leer. Auch für uns Syrer gibt es jetzt Ecken, wo wir nicht mehr hinkönnen – wir fürchten Bombenanschläge der Terroristen.

Trotzdem: Das Feiern lassen wir uns nicht verbieten. Ich gehe immer noch in Cafés und Kneipen, vor allem in Bab Tuma, dem christlichen Viertel der Altstadt. Da ist noch alles normal, wenn auch mit weniger Partys als früher. Dafür fahren die Damaszener jetzt öfter an die Küste, nach Lattakia oder Tartus zum Beispiel, dort gibt es viele Ferienresorts. Und dann tanzen wir die Nacht durch.

Leider ist aber vieles teurer geworden. Ein WG-Zimmer hat mal 500 Pfund (knapp acht Euro im Jahr 2010) gekostet, heute ist es das Zehnfache. Ein Kinoticket kostet heute 2000 Pfund, ein Gramm Gras um die 3000 Pfund. Das war früher auch wesentlich billiger. Aber ich kiffe sowieso nicht mehr.

So ist die Lage in Damaskus

Die syrische Hauptstadt befindet sich fast komplett unter Kontrolle der syrischen Armee, nur in den östlichen Vororten wird gekämpft. Die Einwohner haben einen beinahe normalen Alltag. Alle anderen Kriegsparteien werden in den Staatsmedien pauschal als "Terroristen" bezeichnet, der schlimme Zustand des Landes wird weitestgehend verschwiegen.

Skifahren mit Batman und Tanzen am Strand – So feiern junge Syrer auf Instagram:
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Rajaai wohnt in einer belagerten Stadt und wollte kein aktuelles Foto schicken – er schämt sich für sein abgemagertes Aussehen. Dieses Foto hier ist ein Jahr alt.(Bild: privat)
Rajaai, 26 Jahre, Student ohne Abschluss aus Madaja
Unsere Stadt wird vom Regime belagert, es kommen daher keine Lebensmittel mehr hinein. Ich esse jeden Tag Reis oder Bulgur, im vergangenen Jahr habe ich etwa 25 Kilo verloren. Sonntagnacht konnten Hilfslieferungen zu uns gelangen, da waren auch Bohnen dabei. Aber Brot oder Fleisch hatte ich schon seit einem Jahr nicht mehr. Manchmal sitze ich einfach nur da und träume von einem Rindersteak.

Ich habe noch zwei Freunde hier, einen Cousin und einen alten Unifreund. Die anderen sind nicht mehr. Es gibt aber auch kaum was zu tun. Früher war ich oft im Fitnessstudio – aber wie willst du denn Gewichte heben, wenn du selbst kaum noch was wiegst?

Wenn du in einer belagerten Stadt lebst, sieht du immer nur die gleichen depressiven Gesichter. Es gibt nichts zu erzählen, alle reden nur vom Hunger. Das macht dich fertig. Du willst dann allem entfliehen. Vergangene Woche wollten einige die Belagerung durchbrechen. Sie hatten einen Tunnel gegraben, etwa 20 Männer. Aber die Hisbollah hat ihn entdeckt und bombardiert.

Ich lese jetzt sehr viel, es ist meine Art, dieser Hölle irgendwie zu entkommen. Ich lade mir Bücher auf mein Handy und lese, bis der Akku alle ist. Alle paar Tage gibt es im Gemeindezentrum neuen Strom, dann kann ich wieder aufladen. Wir teilen uns dort mit Diesel betriebene Generatoren. Den Diesel bekommen wir, indem wir Plastik verbrennen.

So ist die Lage in Madaya

Der Ort liegt zwischen Damaskus und dem Nachbarland Libanon. Die syrische Armee und die mit ihr verbündete Hisbollah-Miliz hungern die Stadt seit einem Jahr systematisch aus: Seine Bewohner können nicht fliehen, Lebensmittel und Medizin gelangen nicht in die Stadt. Bis zu 40.000 Menschen droht ein langsamer Hungertod. Hier mehr bei bento.

Igel essen und Plastik einschmelzen – So stellen Syrer die Lage in Madaja dar:
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Jindar, 18 Jahre, Studentin aus Aleppo
Ich komme aus Aleppo, das kennt ja mittlerweile jeder aus den Nachrichten. Fast täglich fallen hier die Bomben. Es ist ein ständiges Disaster. Wenn das Regime seine Bomben abwirft, fallen die Wohnhäuser einfach in sich zusammen.

Aber das ist trotzdem die Normalität, in der ich lebe. Wenn Strom da ist, sitze ich zuhause und schaue mir Filme auf dem Laptop an. Wenn nicht, dann nicht. Mein Vater kümmert sich um die Lebensmittel. Er geht raus zum Brot kaufen – das kann gefährlich sein, wenn Scharfschützen die Gegend bewachen.

Aber ich habe jetzt mit Studieren angefangen. Nördlich von Aleppo wurde eine neue kurdische Universität gegründet. Sie ist für alle, die nicht mehr in Aleppo studieren können. Angst, auf dem Weg zur Uni von Bomben getroffen zu werden, habe ich keine: Wir dürfen niemals wegrennen, wir müssen in unseren Städten bleiben und Widerstand leisten.

So ist die Lage in Aleppo

Die ehemals größte Stadt in Syrien ist seit Jahren am härtesten umkämpft. Das Assad-Regime, Rebellen, Kurden und Islamisten beherrschen je Stadtteile – die Zivilisten in der Stadt leiden in allen Vierteln. Die größte Gefahr geht von der syrischen Armee aus: Mit Unterstützung Russlands wirft sie immer wieder zersplitternde Fassbomben über Aleppo ab.

Auch Muzna möchte aus politischen Gründen unerkannt bleiben. Das ist eines der Plakate, die sie als Grafikdesignerin gestaltet.
Muzna, 28 Jahre, Grafikdesignern aus Damaskus
In Damaskus ist eigentlich alles normal. Die Arbeit ist anstrengend, aber das ist ja auch irgendwie normal. Ich entwerfe Plakate für Bars und Restaurants, meistens wenn sie Partys mit syrischen Popstars promoten wollen. Dort jobbe ich dann auch oft als Event-Fotografin.

Deswegen bin ich natürlich auf vielen Partys dabei. Ha, mein Partyleben – da ist immer was los. Es gibt in Damaskus jede Menge Kneipen, viele sind aber in den vergangenen Jahren sehr teuer geworden. Ein Wodka-Mix kostet etwa 1500 Syrische Pfund (rund 6 Euro). Neben Partys gehen die Leute hier noch gerne in Shopping Malls oder zum Bowling.

Ich musste aus Sicherheitsgründen allerdings in eine neues Viertel umziehen, nach Mashrua Dummar. Das liegt im Westen der Stadt, gleich hinter dem Präsidentenpalast. Ich würde auch nicht im Land herumfahren. Einige meiner Freunde machen das, zum Beispiel wenn sie für Partys an den Strand wollen. Sie sagen, die Stimmung wäre super und es sei auch sicher.

Keine Ahnung, ob das stimmt. Wir reden aber auch nicht zu viel über Politik: Das würde nur Ärger geben, wenn das jemand mitbekommt.

Im Frühjahr gab es schon einmal intensive Friedensbemühungen (bento II). Seitdem verschieben sich Fronten im Syrienkrieg.

Nur eine Waffenruhe gibt es nicht:

Weitere Texte zu Syrien:

Lass uns Freunde werden!


Gerechtigkeit

In Dresden hat es zwei Anschläge gegeben – auch auf eine Moschee
Die Polizei geht von einem fremdenfeindlichen Motiv aus.

In Dresden hat es am Montagabend zwei Sprengstoffanschläge gegeben. Kurz vor 22 Uhr ging bei der Polizei der Notruf ein, dass es eine Explosion vor der deutsch-türkischen Fatih-Cemii-Moschee gegeben habe. Laut Polizei war der Imam zum Zeitpunkt des Anschlags mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in dem Gebäude. Die Familie blieb demnach unverletzt. Durch den Druck wurde die Gebäudetür nach innen gedrückt, an der Fassade waren deutliche Rußspuren zu sehen.

Keine zwanzig Minuten später meldeten Anrufer eine weitere Explosion vor dem Internationalen Congress Center (ICC). Die Bar eines benachbarten Hotels musste geräumt werden. Die Polizei forderte die Gäste auf, vorerst nicht ans Fenster zu gehen. Das ICC steht keine hundert Meter vom sächsischen Landtag entfernt direkt an der Elbe.