Bild: Screenshot: YouTube/Eva zu Beck
Was an ihren Reiseberichten gut ist – und was immer noch problematisch.

Xavier sitzt auf der Rückbank eines Autos und spricht in die Kamera: "Der Grenzübergang war überraschend einfach." Hinter ihm stapeln sich Plastiktüten im offenen Kofferraum des Wagens, die Sonne scheint ihm vom Seitenfenster ins Gesicht, weitere Stimmen sind auf Arabisch aus dem Fahrzeug zu hören.

Xavier ist 19 Jahre alt und führt einen Reiseblog auf YouTube. Die Szene zeigt seine ersten Minuten im Bürgerkriegsland Syrien. Mit einem Sammeltaxi ist er aus dem benachbarten Libanon die kurze Strecke in Syriens Hauptstadt Damaskus gefahren, hinein in einen mittlerweile knapp neun Jahre andauernden Konflikt. Wenig später wird er von Damaskus als "eine der magischsten Städte" schwärmen, die er je besucht hat.

Immer mehr Influencer und Blogger entdecken Syrien. Sie zeigen gefüllte Märkte und ausschweifende Partys – während im Hintergrund noch immer Bombeneinschläge zu hören sind.

Ist es ethisch vertretbar, ein Bürgerkriegsland zu besuchen? Stärkt so eine Reise die Zivilbevölkerung – oder nur das Regime?

Der syrische Präsident Baschar al-Assad ist ein Schlächter, ließ Giftgasanschläge gegen das eigene Volk fliegen und Tausende brutal foltern. Wer das Land bereist, stärkt Assads Regime und sieht nur einen Teil der Wahrheit: Jenen, den Assad über den Konflikt erzählen will.

Andererseits gibt es Regionen in Syrien, die vom Krieg fast unberührt blieben. Die entweder nie umkämpft waren oder schon seit einiger Zeit wieder aufgebaut werden. Dort leben Menschen, die nach neun Jahren Tod und Zerstörung versuchen, zur Normalität zurückzukehren. Wer das Land bereist, hat die Chance, auch ihre Wahrheiten zu hören.

Der YouTuber Xavier sagt, das seien genau die Menschen, die er kennenlernen und in seinen Videos zeigen will. Problematisch ist es trotzdem: In den vergangenen Monaten luden mehrere internationale Influencer Fotos und Videos auf Instagram und YouTube hoch. Die meisten Videos unterscheiden sich mit ihrer quirligen Hintergrundmusik und ihren Selfie-Perspektiven kaum von anderen Influencer-Berichten aus Thailand oder Griechenland. 

YouTuber Xavier im berühmten Souk al-Hamidiye von Damaskus: "Emotional total durcheinanderwirbelt."

(Bild: Screenshot YouTube/Travelling the Unknown)

"Travelling the Unknown", das Unbekannte bereisen, ist der Name von Xaviers Blog. Und der ist Programm. Seit knapp einem Jahr befüllt der junge Brite Blog und YouTube-Seite mit seinen Reiseerlebnissen – es sind Videos aus Pakistan, Iran, Saudi-Arabien, dem Irak und insgesamt drei Videos von mittlerweile zwei Syrien-Besuchen. Sie zeigen ihn beim Feiern mit Einheimischen und beim klassischen Touribummel durch Altstädte, nur eben von Orten, die andere nur aus den Nachrichten kennen. 

"Syrien ist so ein kontrastreiches Land und hat mich emotional total durcheinandergewirbelt", sagt Xavier zu bento. Obwohl er sich vorbereitet hatte, wusste er, dass es längst nicht nur umkämpfte Orte gibt. Aber sein erster Eindruck war anders als erwartet:

„Ich hatte mir ein vom Krieg erdrücktes Land vorgestellt, dann wurde ich vom lebendigen Nachtleben überrumpelt.“

Xavier hat einen britischen und einen polnischen Pass, sechs Jahre lebte er i Oman und lernte Arabisch. Die Sprache hilft ihm auf seinen Reisen durch den Nahen Osten. 

Gerade ist Xavier zum dritten Mal in Syrien: Er hat eine Bloggerreise nach Syrien organisiert – in die von Diktator Baschar al-Assad kontrollierten Teile. 

Im Herbst hatte Xavier den Trip auf seinem Blog beworben. Acht Interessiere aus den USA und Europa seien schließlich seiner Einladung gefolgt, nur einem Blogger aus Indien sei die Einreise verwehrt worden. Gemeinsam mit einem Reiseveranstalter aus Damaskus organisierte er Visa und Unterkünfte. In einer Woche soll es einmal quer durch das Land gehen, von Damaskus nach Homs, in die Wüstenstadt Palmyra und den Küstenort Latakia – die Orte Syriens, die unter Kontrolle des Regimes stehen. 

Abseits des Regimes geht es nicht. Ins Land kommt nur, wer eine Sicherheitsfreigabe besteht und ein Visum erhält. Für viele geflüchtete Syrer heute unmöglich – vor allem für westliche Besucher jedoch kaum ein Problem. 

"Ich äußere mich nicht politisch und ich bereise nicht gezielt zerstörte Viertel", sagt Xavier, "das wäre erniedrigend gegenüber den Menschen, die dort leben." Aber er halte es für wichtig, trotzdem die Teile Syriens zu sehen, die intakt oder wieder aufgebaut sind: "Es ist wichtig für die Wirtschaft und es gibt den Menschen Hoffnung."

„Ich kann nichts Verwerfliches erkennen, die Orte zu bereisen, an denen ich willkommen bin.“
Xavier

Entsprechend wolle er den Krieg zwar nicht verschweigen, aber auch nicht in den Mittelpunkt rücken. In seinen Videos wird das sichtbar. Xavier bemüht sich, weder das Assad-Regime noch Rebellengruppen oder Islamisten zu bewerten, statt Influencer-typischer, überschwänglicher Szenen gibt es in seinen Videos eher Opa-hafte, ruhige Kameraschwenks. 

Als der Syrienkrieg begann, war Xavier elf Jahre alt. Er sagt, er beschäftige sich erst richtig mit dem Krieg, seit er das erste Mal nach Damaskus kam. "Was mir die Menschen erzählten, war so schockierend, dass ich es kaum selbst in Worte fassen kann", sagt er. "Es gibt die, die mir stolz erzählen, wie oft sie angeschossen wurden. Und es gibt die, die lieber schweigen." 

Als er in einem Video auf einem Aussichtspunkt nur wenige Kilometer vom immer noch umkämpften Idlib steht, sind in der Ferne Detonationen zu hören. Idlib ist die letzte noch von Rebellen und überwiegend Islamisten gehaltene Anti-Assad-Provinz. Russische und syrische Kampfflieger bombardieren dort trotz Waffenruhe auch Krankenhäuser und Schulen. Mehr als 235.000 Zivilisten sind in der Provinz eingeschlossen (Vereinte Nationen). Man merkt im Video, wie schwer es Xavier fällt, die Widersprüche zusammenzubekommen: fröhliche Syrer um ihn herum, der Hall des Todes nur wenige Kilometer weiter. "Die Leute sagten mir später, dass sei hier seit acht Jahren so", sagt Xavier, "entsprechend müsse man sich daran gewöhnen oder zugrunde gehen."

Der syrische Bürgerkrieg

Der Bürgerkrieg in Syrien begann im März 2011 mit friedlichen Protesten gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Dieser schlug die Aufstände brutal nieder, Tausende wurden in Foltergefängnisse gesperrt. Rebellen riefen zum Kampf gegen Assad auf. Im Chaos etablierten sich bald islamistische Milizen, darunter der "Islamische Staat" (IS), der für einige Jahre große Teile Syriens eroberte. 

Ab Ende 2014 flog ein internationales Bündnis der USA Luftangriffe gegen den IS; Russland, der Iran und die libanesische Hisbollah-Miliz unterstützen Assads Armee. Fünf Jahre später ist der IS nahezu besiegt, gemäßigte Rebellen gibt es keine mehr. Assad hat sein Land wieder unter Kontrolle.

Mehr als eine halbe Million Menschen starben, knapp die Hälfte der Bevölkerung ist auf der Flucht. Mehr zu Syrien auf bento.

Andere Blogger sind weniger reflektiert: Am meisten Aufmerksamkeit bekamen die Videos der polnischen Influencerin Eva zu Beck. Ihr YouTube-Kanal hat mehr als 400.000 Abonnenten, sie hat neben Syrien auch den Jemen und den Irak bereist. Ihre Videotitel lauten im typischen Influencer-Singsang "Wie man sich als Tourist in Damaskus fühlt", "Mein verrückter Roadtrip als Frau durch Irak" oder "Ich hätte nie gedacht, wie Jemen wirklich ist".

Influencerin Eva in Syrien: "Das ist verheerend, also emotional."

(Bild: Screenshot YouTube/Eva zu Beck)

"TheLifeofJord" filmt Einschusslöcher in Bosra und danach sich selbst in heroischen Posen im alten Amphitheater der Stadt, der Vlogger Drew Binsky rast durch Damaskus und will rausfinden, wie viel Nippes man sich für zehn Dollar kaufen kann. Sie kommen nach Syrien für den Nervenkitzel. Die Suche nach möglichst gefährlichen und abseitigen Orten wird "Dark Tourism" genannt. Reisende suchen bewusst Gegenden auf, in denen Menschen Leid widerfuhr, Tschernobyl oder Fukushima sind solche Orte, aber eben auch Bürgerkriegsländer wie Somalia oder Syrien (bento).

Kritiker sagen jedoch: Was die Syrien-Influencer machen, ist mehr als "Dark Tourism" – es ist Propaganda im Sinne Assads.

Noch 2010, vor Beginn des Krieges, kamen 8,5 Millionen Touristen ins Land (Al-Bawaba). Danach brachen die Zahlen ein. Wie viele Besucherinnen und Besucher nun wiederkommen, ist unklar. Das syrische Tourismusministerium hat für 2019 drei Berichte veröffentlicht, keiner enthält Zahlen. Stattdessen wirbt es in Videos mit Sandstränden und Eco-Tourismus, als habe es den Krieg nie gegeben.

Entsprechend bieten erste Reiseagenturen – vornehmlich aus Russland und China – wieder Touren nach Syrien an. Auch lokale Unternehmen aus Damaskus selbst helfen bei der Einreise. In Reiseforen wie dem Lonely Planet "Thorntree" tauschen Touristen erste Erfahrungen aus und geben sich Tipps, wie man ins Land kommt. 

Die Reisegruppe, die der YouTuber Xavier gerade durch Syrien führt, muss sich darüber keine Gedanken mehr machen. Eine Agentur aus Damaskus hat alles organisiert. Fahrer und Guides würden entsprechend "um sie herum sein", sagt Xavier, "aber es ist kein Nordkorea-Style, wir haben auch unsere Freiräume." 

Er hofft, dass seine Mitreisenden Syrien so erleben können wie er, sagt Xavier, mit all seinen Kontrasten. Dass sie mehr über das Land erfahren, über die Leute. Und den Krieg. 


Gerechtigkeit

Runter von der Straße: So will "Fridays for Future" sich neu erfinden
Wir haben den Nordkongress der Bewegung besucht, mit Kursen von "RWE-Sturz" bis "Lobby-Arbeit"

Für die Millionenstadt Hamburg sind es wenige Demonstrierende an diesem Freitag: Nur rund 300 junge Menschen ziehen mit "Fridays for Future" durch die Straßen des südlich gelegenen Stadtteils Harburg. Kein Wunder, könnte man meinen, es sind ja Ferien. Doch die Aktivistinnen und Aktivisten sind aus ganz Deutschland angereist. An diesem Wochenende trifft sich "Fridays for Future" zum zweiten Mal zu einem Kongress.

Luisa Neubauer, 23, war nur kurz zum Beginn der Veranstaltung am Donnerstagabend da. Nach ihrer Rede im Audimax der Technischen Universität verschwindet die bekannteste deutsche Klimaaktivistin und überlasst das Feld den noch Jüngeren. Rund 300 haben sich für das Wochenende angemeldet, mehr als die Hälfte von ihnen sind unter 18.

Nach mehr als einem Jahr voll Schulstreiks will sich "Fridays for Future" mit ihnen neu erfinden – zumindest ein bisschen.