Verstörende Bilder aus einer belagerten Stadt

Der Mann auf dem Foto ist wahrscheinlich tot. Die Haut liegt wie Leder über seinen Brustkorb, jede Rippe ist deutlich zu erkennen. Das Gesicht ist eingefallen, die Augen liegen tief in den Höhlen. Jemand hält den Kopf des Mannes aufrecht, für die Kamera.

Unter dem Foto steht auf Arabisch "Dokumente zur Belagerung von Madaja", Aktivisten haben es über Twitter und Facebook verbreitet. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte zeigte es am Montag auf seiner Seite, sie dokumentiert die Verbrechen im syrischen Bürgerkrieg (Syrische Beobachtungsstelle, Achtung: verstörende Bilder).

Madaja ist eine Kleinstadt im Westen Syriens, unweit der Hauptstadt Damaskus. Seit einem halben Jahr wird sie von Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und von der mit Assad verbündeten Hisbollah-Miliz belagert. Seine Bewohner können nicht fliehen, Lebensmittel und Medizin gelangen nicht in die Stadt. Bis zu 40.000 Menschen droht ein langsamer Hungerstod, um die 20 sollen bereits gestorben sein. ("The Independent")

Madaya ist nur ein Beispiel. Mehr als 250.000 Menschen wurden bereits getötet, 4,3 Millionen Menschen sind auf der Flucht.

In dem knapp sechs Jahren dauernden Konflikt stehen sich die Armee von Assad und verschiedene Rebellengruppen, die für ein Syrien ohne Assad kämpfen, feindlich gegenüber. Aus dem benachbarten Libanon unterstützt die schiitische Hisbollah den Assad-Clan, sunnitische Extremisten wie der "Islamische Staat" nutzen das Chaos für Eroberungen. Eine US-geführte Koalition und Russland fliegen Luftangriffe im Land. Eine diplomatische Lösung ist bislang nicht in Sicht.

Unter den Hashtags #madaya und #madaya_is_starving (auf Arabisch wird auch #مضايا benutzt) sammeln Aktivisten aus Syrien auf Twitter Dokumente aus der belagerten Stadt. Nicht immer lässt sich die Authentizität zweifelsfrei beweisen, allerdings berichteten unter anderem Al-Jazeera, die Seite Al-Dustur und auch die Beobachtungsstelle über die Zustände in Madaja.

Ein Betroffener schreibt, er esse "gekochte Laubblätter". Andere fotografieren schlicht ihr "Essen":

Ein anderer zeigt das Bild eines ausgemergelten Jungen und fragt: "Ihr Muslime, wie könnt ihr in Sicherheit und im Warmen schlafen im Angesicht von Hunger, Kälte und Belagerung eurer Brüder!"

Auf Facebook haben Aktivisten bereits Mitte Dezember eine Liste veröffentlicht, die die angeblichen Lebensmittelpreise auf dem Schwarzmarkt in Madaja zeigen soll. Eine Packung Reis koste demnach 27.000 Syrische Pfund - rund 113 Euro. Eine Packung Mehl bekommt man für umgerechnet 125 Euro. Ein anderer Beitrag zeigt eine zur Schlachtung bereite Katze - in der Hoffnung, dass wenigstens Tierschutzorganisationen auf das Schicksal der Menschen in Madaja aufmerksam werden.

#مضايا #انقذوا_المحاصرين#استجيبوااصطياد القطط و تناولها كغذاء يومي , اين هي منظمات حقوق الحيوان ؟!Catching cats and...

Posted by ‎مضايا madaya‎ on Samstag, 12. Dezember 2015

Warum wird Madaja belagert?

Die Stadt geriet zwischen die Fronten der Milizen. Eine Rebellengruppe soll sich im nahe gelegenen Zabadani verschanzt haben. Als das Assad-Regime die Stadt bombardierte, flohen viele weiter nach Madaja. Die UN warte bereits im Juli vor der Zerstörung und den Gefahren für Zivilisten. (UN)

Zugleich belagern auch Rebellen, die der islamistischen Rebellengruppe Dschadisch al-Fatah ("Armee des Sieges") angehören, die beiden syrischen Orte Al-Fu’a und Kifraja. Die Orte sollen seit mehr als zwei Jahren in Händen der Extremisten sein, berichtet die syrische Nachrichtenagentur Sana. Experten gehen daher davon aus, dass das Assad-Regime Madaja als Druckmittel benutzt, um seine eigenen Städte zu befreien.

Quellen:

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