Wie Mohammad zum Zeugen von Kriegsverbrechen wird.

"Sie attackieren uns mit allem, was sie haben", sagt Mohammad in einem seiner Videos auf Arabisch, "mit Bomben, mit Raketen, mit Flugzeugen". Mit eindringlichem Blick schaut er in die Kamera. 

Er sitzt mitten in Ost-Ghuta, sagt er, einem der derzeit blutigsten Schlachtfelder im Syrienkrieg. Und mit "sie" meint er das Regime von Präsident Baschar al-Assad. Täglich fliegt die Armee derzeit Angriffe auf die von Rebellen gehaltene Ghuta, eine Region südöstlich von Damaskus. Nach Angaben von Aktivisten sollen in den vergangenen zwei Tagen 250 Menschen getötet und mehr als 1200 verletzt worden sein. (bento)

Und mittendrin ist Mohammad.

Auf Twitter postet der 15-jährige Mohammad Najem seit einigen Wochen regelmäßig Fotos und Videos aus seinem Alltag. Die Bilder zeigen ihn also nicht vor Badezimmerspiegeln oder in Cafés – sondern vor den Trümmern Syriens oder auf Hausdächern, während im Hintergrund Rauchsäulen aufsteigen. Auch Bilder von schwerst verletzten Kindern verbreitet Mohammed weiter – für einige können sie sehr verstörend wirken. 

Mohammad will mit seinen Selfies für Aufmerksamkeit sorgen – die Videos dokumentieren alltägliches Grauen. 

Immer verbindet er mit ihnen auch einen Appell: "Schaut hin, seht, was hier passiert. Unser Hunger, die Kälte, das fehlende Obdach sind euch längst ein gewohnter Anblick geworden." Und:

Wir sterben durch euer Schweigen.

Die Bilder, die Mohammad twittert, lassen sich nicht unabhängig verifizieren. Im Syrienkrieg sind viele gefälschte Aufnahmen im Umlauf, syrische Medien versuchen mit Propagandamaterial, Gegenwahrheiten über den Konflikt zu verbreiten. Allerdings stimmen die Zeitpunkte seiner Aufnahmen oft mit anderen Berichten über Luftangriffe in Ost-Ghuta überein, das macht ihn glaubwürdig

Dennoch wird auch Mohammad aus Ghuta nicht unabhängig Bilder posten. Seine Videoaufsager auf Englisch wirken abgelesen, viele Fotos, die er teilt, stammen von den Medienzentren der Rebellengruppen, Ärzte-Organisationen oder den Weißhelmen, die Menschen aus Trümmern retten. 

Ghuta war einst eine Oase am Rand von Damaskus, die Hauptstädter fuhren am Wochenende hier hin, um sich zu erholen. Heute ist Ghuta eines der letzten Rebellengebiete in Syrien

Assad-Gegner und islamistische Milizen haben sich hierhin zurückgezogen. Das Regime bombardiert das Gebiet daher regelmäßig, unter den Angriffen leiden Tausende Zivilisten. Bis zu 400.000 Menschen sollen in der Ghuta eingeschlossen sein, Lebensmittel und Medizin gelangen kaum hinein – denn ringsum kontrollieren Assads Soldaten das Gebiet.

Die neusten Luftangriffe des Regimes sollen die schlimmsten seit 2013 sein – in mehr als vier Jahren hat es nicht mehr so viele Tote in so kurzer Zeit gegeben, berichtet die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte

Die Syrische Beobachtungsstelle

Die Organisation steht der Opposition nahe, berichtet aber über Gräueltaten aller Seiten. 

Die Lage in Syrien erfasst die Beobachtungsstelle durch ein Netzwerk von Informanten vor Ort, die Zentrale sitzt aber in London.

Mohammed ist eines der vielen Kinder, die in Syrien unfreiwillig Teil der Propaganda werden – egal, von welcher Seite.

  • Da ist der Junge Omran Daqneesh. Das Foto, das ihn blutverschmiert nach einem Angriff zeigt, wurde erst von Assad-Gegnern verbreitet. Später tauchten neue Bilder von Assad-Anhängern auf, die ihn bei bester Gesundheit zeigten:

  • Da sind die Schwestern Noor und Alaa, die auf Twitter ebenfalls Videos und Fotos aus der Ghuta posten.
  • Und da ist Bana al-Abed, das Mädchen aus Aleppo. Sie dokumentierte auf Twitter ihren Alltag unter Bomben mitten aus Aleppo – so wie jetzt auch Mohammad. Mittlerweile ist sie in der Türkei, Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan inszeniert sich als ihr Retter:

Was aber in allen Fällen stimmt: An vielen Orten Syriens wachsen Kinder mitten zwischen Raketenangriffen, Scharfschützen und endloser Gewalt auf. 

Mohammads Twitter-Account ist so ein Zeugnis einer Generation des Krieges. Er schreibt von einem Freund, der bei einem Luftangriff getötet wurde, er postet Bilder von einem Billardtisch zwischen den Trümmern, dann Bilder von einem Baby, dessen Fuß bei einem Granatschlag weggefetzt wurde.  

Die Augenzeugenberichte von Mohammed sind drastisch. Das macht sie eindringlich. Und wichtig. 

Mehr über die Lage in Syrien erfährst du hier:


Gerechtigkeit

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