"Wir leben gerade alle hier, also müssen wir zusammen sehen, wie es am besten laufen kann."

Mehr als 1000 Blumen verteilten wir in 15 Minuten. Frauen an Männer, Männer an Frauen, Frauen an Frauen, Männer an Männer – an jeden, der am Samstag über den Bahnhofsvorplatz in Köln ging. Mit der Demonstration “Syrer gegen Sexismus” (bento) wollte ich, Sakher Al-Mohamad, am Bild des “frauenverachtenden Flüchtlings” im Kopf vieler Deutschen rütteln.

Die Idee entstand aus einem Bauchgefühl heraus. “Flüchtlinge, der arabische Mann, sexuelle Übergriffe”, das las ich vor allem über die Geschehnisse in der Silvesternacht. Ich, als eingewanderter Syrer, wollte zusammen mit all meinen Mitdemonstranten zeigen, dass wir nicht in diesen Topf geschmissen werden wollen.

In der Nacht vom 31.12.2015 auf den 01.01.2016 kam es am Kölner Hauptbahnhof zu gewalttätigen Ausschreitungen gegenüber Frauen. Nach einem Bericht des Innenministeriums NRW wurden bisher mehr als 500 Anzeigen erstattet, an den Taten sollen circa 1000 Männer beteiligt gewesen sein. Die Polizei nahm inzwischen 19 Tatverdächtige fest, keiner von ihnen ist deutscher Staatsbürger.

Ein paar Plakate hochhalten, “Syrer gegen Sexismus” rufen – das reicht natürlich nicht. Auf unserer Webseite veröffentlichen wir in der nächsten Zeit Informationen zu den Events, die ich momentan mit Freunden plane. Es wird weitergehen, denn Bilder und Schilder setzen erst mal ein Zeichen, Vorurteile verschwinden davon jedoch nicht.

(Bild: Sakher Al Mohamad / Syrer Gegen Sexismus Team)

Das merkte ich schon in Syrien zu Beginn der arabischen Revolution 2011. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich ehrenamtlich als “Dialogtrainer” für die gemeinnützige Organisation “Action Aid” in Aleppo und Damaskus.

Mein Ziel war es, junge Leute zum Reden zu bringen. Miteinander statt aneinander vorbei. Mit verschiedensten pädagogischen Methoden trainierte ich dabei wortwörtlich Dialoge: Mit Rollenspielen inszenierte ich TV-Talkshows, in denen die Teilnehmer zunächst ihre eigene Meinung, dann die entgegengesetzte Position vertreten mussten. Es faszinierte mich, wie Befürworter und Gegner des damaligen Präsidenten Assad begannen, Argumente zu durchdenken.

Im März 2011 kam der Arabische Frühling über Tunesien und Ägypten auch nach Syrien. Auf die friedlichen Proteste gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad reagierte die Regierung gewaltsam: Jugendliche wurden gefoltert, Proteste niedergeschossen. Bis zum Sommer verwandelte sich der Aufstand in einen Bürgerkrieg.

Action Aid ist eine gemeinnützige Organisation, die von 1972 vom Engländer Cecil Jackson Cole gegründet wurde und sich für die Umsetzung der Menschenrechte weltweit einsetzt. Im Zuge des Arabischen Frühlings wurden in der Region Dialogprogramme für junge Erwachsene eingerichtet, die bis heute andauern.

Ich engagiere mich nicht als Flüchtling in Deutschland, sondern als junger Mann.

Als Dialogtrainer engagierte ich mich parallel zu meinem Studium an der Universität von Damaskus. Ich war dort von 2008 bis 2013 für Politikwissenschaften eingeschrieben. Während ich 2012 fast fertig studiert hatte, wurde es immer brenzliger in Syrien. In Homs, meiner Heimatstadt nördlich von Damaskus, mangelte es an Lehrern. Ich hatte keine pädagogische Ausbildung und wurde von niemandem bezahlt. Trotzdem unterrichtete ich Jugendliche von der 9. bis zur 12. Klasse in Sozialwissenschaften.

Die Situation im Land verschlechterte sich immer mehr. Nach meinem Abschluss im Juni 2013 verließ ich Syrien und versprach meiner Familie, sie nachzuholen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht auf den Bürgerkrieg und die Flucht eingehen. Ich engagiere mich nicht als Flüchtling in Deutschland, sondern als junger Mann. Ich will hier leben und arbeiten. Durch meine Aktionen will ich Probleme und verschiedene Sichtweisen aufzeigen – so wie ich es schon in Syrien getan habe. Ich möchte die Leute dazu bringen, miteinander zu reden. Dabei spielt die Nationalität keine Rolle: Wir leben gerade alle hier, also müssen wir zusammen sehen, wie es am besten laufen kann.

So stellte ich mir eine Teilhabe in Deutschland von Anfang an vor. Nach meiner Ankunft in Dortmund, 2014, musste ich erst mal warten. Mein Leben hatte sich festgefahren: Ich konnte aus dem überfüllten Flüchtlingscamp nicht weg. Dabei wollte ich doch eine Arbeit und eine Wohnung finden, meine Familie nachholen und in Deutschland heimisch werden.

Gegen das Nichtstun musste ich etwas tun. Gemeinsam mit einem Freund gründete ich ein Protestcamp in Dortmund: Wir wollten eine Aufenthaltsgenehmigung, um endlich anzukommen in Deutschland. Gemeinsam meldeten wir am Rathaus die Demo an, ich übernahm die Verantwortung für alle Aktivitäten in sozialen Netzwerken.

Ab Mitte Juni 2015 campte eine Gruppe von Geflüchteten ungefähr 60 Tage lang erst vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (#protestbamfdo) und dann auf der Katharinentreppe in Dortmund. Da die Bundesregierung das Dublin-Abkommen zu diesem Zeitpunkt noch durchsetzte, fürchteten viele Geflüchtete, dass sie wieder nach Italien zurück müssen, weil sie dort als erstes mit ihrem Fingerabdruck registriert wurden.

Als ich im August für drei Jahre meine Aufenthaltsgenehmigung bekam, beschloss ich nach Köln zu ziehen. Der Cousin meines Vaters lebt dort. Was Silvester in Köln am Hauptbahnhof passierte, war ein Schock für mich: Für mich als Syrer, der in dieser Gesellschaft lebt.

Denn wir sind hier in Deutschland, wir sind Teil der deutschen Gesellschaft. Und wie überall gibt es hier nette Menschen und weniger nette Menschen. Die Täter in der Neujahrsnacht repräsentierten nur sich selbst. Syrer gegen Sexismus – auf der Demonstration und auf Facebook konnten wir dieses Statement rüberbringen.

Nun überlege ich, zusammen mit Freunden die nächsten kleinen Schritte, wie mit verschiedenen Aktionen aus dem “Wir Syrer” und “Die Deutschen” ein “Wir, zusammen in Deutschland” werden kann.

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