Bild: Privat

Wenn Shin Hwa-Yong an den Mord vom 17. Mai denkt, steigt in ihr immer noch die Wut auf. Wut darüber, dass an diesem Tag in Seouls berühmten Ausgehviertel Gangnam eine 23-jährige Studentin brutal getötet wurde. Der mutmaßliche Täter attackierte sie in der Unisex-Toilette einer Bar. Mehr als eine Stunde hatte er dort laut Polizei auf sein Opfer gelauert.

Als die junge Frau schließlich die Toilette betrat, stach er mit einem Messer auf sie ein. Bei der Festnahme sagte der 34-jährige Verdächtige, er habe die ihm unbekannte Frau nur getötet, weil sie eine Frau sei. Und er sich schon immer von Frauen missachtet gefühlt habe.

Viele junge Frauen waren nach der Tat so wütend wie Shin Hwa-Yong. In den sozialen Netzwerken wurde der Übergriff als Hate Crime bezeichnet. Trauernde klebten an die Glasfassade des U-Bahnausgangs gegenüber dem Tatort Tausende kleine Zettel.

"Sie war eine 23-jährige Frau wie ich. Der Unterschied zwischen uns war einzig, dass ich mich zu diesem Zeitpunkt an einem anderen Ort aufhielt", stand darauf. Oder: "Ich habe heute nur zufällig überlebt."

Südkorea gehört neben Japan und Lettland zu den sehr wenigen Ländern der Welt, in denen mehr Frauen als Männer durch Gewaltverbrechen ums Leben kommen. Der Tod der Studentin in Gangnam hat nun eine nie da gewesene öffentliche Debatte über die Frauenverachtung in der Gesellschaft ausgelöst.

Die U-Bahn-Station Gangnam(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images)

Auch Wochen nach der Tat gibt es Aktionen und Kundgebungen gegen die Diskriminierungen, Gewalt und Demütigungen, die Frauen im Land erleiden. Vorangetrieben wird diese Debatte von jungen Frauen zwischen 20 und 30 Jahren.

Die Gruppe "Femidangdang"(Bild: Privat)

Shin Hwa-Yong ist eine von ihnen. Sie ist 24 Jahre alt und studiert in Seoul Grafikdesign. Sie erzählt:

Uns wurde immer eingetrichtert, dass wir Opfer von Gewalt werden können. Wenn wir in menschenleeren Gegenden unterwegs sind, wenn wir in Taxen einsteigen, wenn wir uns 'unzüchtig' anziehen. Alle Frauen haben wahrscheinlich das Gefühl der Verzweiflung gespürt, als sie von diesem Mord erfuhren. Was sollen wir denn noch machen, um uns zu schützen?

Das Aufbegehren der Frauen zeigt deutlich einen Konflikt, der seit Jahrzehnten in Südkorea schwelt.

Auf der einen Seite steht der westlich-orientierte, moderne Staat, dem innerhalb weniger Jahrzehnte der wirtschaftliche Aufschwung gelang. Auf der anderen Seite die Gesellschaft, die viele Jahrhunderte die Geschlechterideologie des chinesischen Philosophen Konfuzius lebte:

Eine Frau muss sich ihrem Vater unterordnen, bis sie heiratet, nach der Heirat ihrem Ehemann und dann schließlich ihrem Sohn, wenn der Ehemann stirbt.

Diese Geringschätzung der Frauen äußerte sich unter anderem durch folgende Dinge:

  • Noch bis im Jahr 2007 war es Frauen nur möglich, sich über das Familienregister des Vaters, Bruders oder Ehemannes registrieren zu lassen. Heirat, Adoption oder Vaterschaftsanerkennung wurden nur offiziell anerkannt, wenn es im Familienregister eingetragen wurde. Erst 2008 wurde das System abgeschafft – nachdem sich Frauenrechtlerinnen immer wieder dafür stark machten.
  • Zur Zeit der Geburtenkontrolle in den Siebzigern und Achtzigern unter den Diktatoren Park Chung-Hee und Chun Doo-Hwan war die Abtreibungsrate weiblicher Föten überproportional hoch.

Das spüren Shin Hwa-Yong und ihre Mitstreiterinnen auch heute noch, auch wenn sich mittlerweile einiges getan hat. Heute studieren beispielsweise etwa 80 Prozent der 20-jährigen südkoreanischen Frauen. Trotzdem, sagt Shin Hwa-Yong:

Obwohl die Gesellschaft ununterbrochen vom neuen Zeitalter der 'Frauen auf dem Vormarsch' spricht, erleben wir Frauen, die zwischen Mitte der Achtziger bis Anfang der Neunziger geboren sind, in unserem Alltag unverändert Geschlechterungleichheit.

Wie es um die Gleichberechtigung für die südkoreanischen Frauen konkret steht, zeigt ganz deutlich der aktuelle Global Gender Gap Report, der die Gleichstellung der Geschlechter in der Arbeitswelt, Bildung und Politik analysiert.

Laut Report verdienen Südkoreas Frauen rund 40 Prozent weniger als die Männer und die Altersarmut bei Frauen ist rund 45 Prozent höher als bei den Männern. Südkorea belegt einen traurigen Platz 115 von 145 Plätzen.

Durch den Mord in Gangnam gibt es nun offenbar endlich ein Ventil für diese Erfahrungen. Mit Wucht entlädt sich, was anscheinend viel zu lange nicht ausgesprochen wurde.

Besonders junge Frauen zwischen 20 und 30 Jahren finden plötzlich Mut, sich in der Öffentlichkeit zu Themen wie sexueller Missbrauch und sexuelle Nötigung durch Familienmitglieder, Nachbarn, Lehrern, Arbeitskollegen, die sie als Kinder, Schülerinnen, Studentinnen und Angestellte erfahren haben, zu äußern.

(Bild: Privat)
Wir haben heute Nacht überlebt. Und wir, die Überlebenden, werden eine bessere Gesellschaft aufbauen
Shin Hwa-Yong

Auch Shin Hwa-Yong setzt sich seit dem Tod der Studentin dafür ein, dass das Thema in der Öffentlichkeit bleibt. Sie ist Mitbegründerin der Gruppe "Femidangdang". Sie organisiert regelmäßig Aktionen, um auf die Unterdrückung der Frau und das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern im Land hinzuweisen. Sie sagt:

Es ist die Hoffnung, die mich bei all den Aktionen und Bemühungen antreibt - dass es eines Tages einer anderen Frauengeneration möglich sein wird, ein gleichberechtigtes Leben in dieser Gesellschaft zu führen.
Bis dahin ist es allerdings noch ein langer Weg.

Der Frauenmord in Gangnam wurde jetzt offiziell als Tat eines psychisch Kranken bezeichnet. Es sollen nun mehr separate Toiletten eingerichtet und noch mehr Überwachungskameras aufgestellt werden. Für Südkoreas junge Frauen bedeuten diese Maßnahmen nur eine weitere Zäsur.

"Wir haben heute Nacht überlebt. Und wir, die Überlebenden, werden eine bessere Gesellschaft aufbauen", heißt es auf einem der Zettel. Es ist eine Kampfansage. Und ein Versprechen.

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The revolution will not be facebookinized

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