Bild: dpa/Henning Kaiser
In Stuttgart wird er getestet.

Er ist solarbetrieben, umweltfreundlich und könnte das Problem von überquellenden Mülleimern in den Innenstädten lösen: der Solar-Presshai. So heißt ein neuartiger digitaler Mülleimer.

Der Presshai wurde im Rahmen des Projekts "Saubere Stadt" in den letzten anderthalb Jahren in Stuttgart getestet. Er fasst etwa 700 Liter Müll. Direkt nach dem Einwerfen wird der Abfall gepresst – so schafft der Mülleimer sein hohes Fassungsvermögen. 

Überlaufen kann er nicht, die Klappe wird automatisch gesperrt, sobald er voll ist. Dann werden die zuständigen Behörden automatisch online informiert – und kommen zur Leerung. 

Doch so modern und umweltfreundlich der High-Tech-Mülleimer daherkommt, so unsozial ist er auch. Denn der Presshai schadet Flaschensammlern. 
Auch Rentner sammeln oft Flaschen, um ihre dürftige Rente aufzubessern.(Bild: dpa/Lukas Schulze)

Pfandflaschen werden – entgegen gängiger Annahmen – längst nicht nur von Wohnungslosen aus den Mülleimern gefischt, um ihr monatliches Einkommen aufzubessern. Auch immer mehr Rentner und andere Menschen mit niedrigen Einkommen gehen auf Sammel-Tour durch die Innenstädte. Flaschensammeln ist sicherlich kein optimaler Nebenverdienst, aber für viele, denen ihr monatliches Gehalt nicht ausreicht, die einzige Alternative. Es zeigt, wie prekär manche Menschen in Deutschland leben müssen.

Der Solar-Presshai macht das Herankommen an die Flaschen aber geradezu unmöglich. Die normalen Mülleimer könne er mit einem Dreikantschlüssel leicht öffnen, erzählt ein älterer Mann der Stuttgarter Zeitung, der sich seine knappe Rente durch das Pfandsammeln aufbessert. Beim Presshai ist das nicht der Fall. Er sagt:

Wenn sich die Dinger durchsetzen, können wir gleich einpacken.

Der Presshai wurde neben Stuttgart auch in Potsdam und Köln getestet. Das Ergebnis: zu teuer. Das Müll-Wunder kostet nämlich um die 8000 Euro pro Stück. "Eine technische Spielerei, die sich die Stadt Köln sparen sollte", war das Ergebnis des Vereins Bund der Steuerzahler. Der Solar-Presshai schaffte es in das jährliche Schwarzbuch des Vereins, das jedes Jahr die größten Fälle von Steuerverschwendung sammelt. (Handelsblatt)

Der Presshai ist nur das neuste und digitalste Modell einer ganzen Generation von Pressmülleimern. So werden die Behälter genannt, die unzugänglich für Flaschensammler sind. Es gibt sie mittlerweile in mehreren deutschen Städten, unter anderem in Hamburg und München

Und das ist ein Problem. 

Denn Pfandsammeln ist für viele Menschen nicht nur wegen des Geldes wichtig: Eine soziologische Studie hat gezeigt, dass vielen das Sammeln von Flaschen eine Struktur in ihrem Leben gibt, eine Aufgabe, für die es sich lohnt, morgens aufzustehen. Es bedeutet ein bisschen mehr soziale Teilhabe, sich an gut besuchten Teilen der Stadt aufhalten, Menschen begegnen. (SPIEGEL ONLINE)

Der Freiburger Soziologe Sebastian J. Moser, der die Studie durchgeführt hat, schätzt, dass ein Flaschensammler, der täglich seine Tour macht, damit etwa 100 bis 150 Euro im Monat verdient. 

Im Gespräch mit bento erklärte Annette Hasselwander, Sprecherin der Abfallwirtschaft Stuttgart, dass die Presshaie lediglich als Ergänzung zu frei zugänglichen Müllbehältern eingesetzt werden sollen, von denen es in Stuttgart immerhin über 5000 gibt. 

Aber: Die Pressmülleimer werden an stark frequentierten Plätzen in den Innenstädten platziert, wo viele Menschen sind und entsprechend viel Müll entsteht. 

  • In Stuttgart etwa am Marienplatz, wo sich an warmen Tagen viele Menschen zum Cornern treffen.
  • In Hamburg stehen die Mülleimer an der gut besuchten Einkaufsmeile Mönckebergstraße. 
  • Und in München findet man sie im Englischen Garten. 
Die Mülleimer sind also genau dort, wo Flaschensammler auf die meisten Erträge hoffen und unter Menschen sein können. 
Die Ausbeute eines Flaschensammlers nach dem Volksfest auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart.(Bild: imago/Arnulf Hettrich)

Nicht nur die Pfandsammler sind besorgt, auch Sozialarbeiter sehen die neue Art der Müllentsorgung kritisch. So auch Nadine Reibert, die im Umkreis Stuttgart in einem Tagestreff arbeitet, wo sie es täglich mit Menschen an der Armutsgrenze zu tun hat, also mit Hartz IV Empfängern, Rentnern mit geringem Einkommen oder Wohnungslosen. Unter ihren Klienten gibt es viele, die Pfand sammeln.

Sie  hält den Solar-Presshai für eine gute Sache, weil er sauber ist. Aber sie hat auch den Eindruck, die Verantwortlichen hätten überhaupt nicht an die Flaschensammler gedacht:

Der arme Teil der Bevölkerung wird in unserer Gesellschaft leider oft nicht berücksichtigt.
Nadine Reibert, Sozialarbeiterin im Raum Stuttgart

Ein anderer Verdacht: "Oder sie haben an diese Menschen gedacht, verdrängen diese aber durch das neue Müllsystem bewusst weiter aus dem Stadtbild und machen ihnen das Leben damit noch schwerer", sagt Reibert.

Als Sozialarbeiterin weiß sie, dass Städte immer wieder zu Maßnahmen greifen, um Wohnungslose und Arme aus den Zentren zu vertreiben. Zum Beispiel, wenn sie Bänke und Bushäuschen entfernen, damit dort niemand schlafen kann. 

"Die Leute sind durch diese Maßnahmen nicht weg, nicht besser dran, sondern haben nur mehr Probleme. Die wollen wir nur in unserer sauberen, gut situierten Welt nicht sehen."

In Hamburg – wo der Pressmülleimer "BigBelly" heißt – beschwerten sich die Menschen ebenfalls über den fehlenden Zugang für die Flaschensammler. Die Stadt reagierte darauf, indem sie ein Pfandregal an die Mülleimer anbrachte. 

Das sieht dann so aus:
Solarmülleimer mit Pressfunktion und Pfandregal in der Mönckebergstraße in Hamburg. (Bild: imago/Pemax)

Auch Stuttgart hat über solche Pfandhilfen nachgedacht: Die Abfallwirtschafts-Sprecherin Annette Hasselwander erklärt, dass der Einsatz von Pfandringen im Jahr 2015 in Stuttgart bereits getestet wurde, die Ergebnisse aber nicht dafür sprechen, sie auch für die Presshaie einzusetzen. 

Welche Auswirkungen die Presshaie auf die Pfandsammler haben werden, bleibt also offen. 

Was aber jede und jeder immer tun kann, unabhängig vom Müllsystem in der jeweiligen Stadt: Die Flaschen neben den Mülleimer stellen. So müssen die Pfandsammler nicht im Mülleimer wühlen – ganz egal, wie der aussieht.

Pfand gehört daneben. (Bild: imago/epd)

Gerechtigkeit

Berater schreiben Notiz für Trump: Putin "NICHT GRATULIEREN"
Zack, zu spät.

Am Sonntag wurde Wladimir Putin erneut als russischer Präsident wiedergewählt. Auch wenn Beobachter der Ansicht sind, dass es bei der Wahl mehrere Fälle von Betrug gab – als Staatschef eines anderen Landes ist es üblich, zum Wahlerfolg zu gratulieren. 

Da das Verhältnis zwischen den USA und Russland derzeit angespannt ist – Trumps Wahlkampfteam soll Hilfe aus Moskau bekommen haben – haben Berater dem US-Präsidenten empfohlen, sich besser nicht bei Putin zu melden.