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Ok, ich gebe zu, ich bin mit gemischten Gefühlen nach Erfurt gezogen. 

Von Freunden und Bekannten hörte ich vor meinem Umzug nur komische Ost-Deutschland-Vorurteile: Sie fragten mich, ob mein Abitur nicht für einen Studienplatz im Westen gereicht hätte. Und ob man im Supermarkt in Erfurt überhaupt Bananen kaufen könnte. Und ob da nicht nur Nazis rumlaufen.

Ich wollte aber internationale Beziehungen im Bachelor studieren – und das gab es eben nur in Dresden oder in Erfurt. Also zog ich nach Erfurt. Und stellte schnell fest, dass die Vorurteile mehr mit westlicher Arroganz als mit mit der Realität zu tun haben: Mein Abi war sehr gut, es gibt überall Bananen, und den Nazis begegne ich hier eher selten. 

Diese fünf Dinge feiere ich am Osten: 

1

Bus und Bahn 

Viele Menschen denken immer noch, die neuen Bundesländer hätten eine schlechte Infrastruktur. Das ist totaler Quatsch. Zum positiven Erbe der DDR gehört ein ziemlich gut ausgebauter Nahverkehr. Selbst in Kleinstädten wie Gotha gibt es eine Stadtbahn. 

Gut ausgebauter Nahverkehr zeichnet den Osten aus. (Bild: Pixabay)

Taktungen von zehn Minuten und weniger sind hier die Regel, und auch nachts fahren in Erfurt noch jeden Tag Bahnen, die einen nach der Party entspannt Hause bringen. Zugegeben unter der Woche ab ein Uhr nur noch wenige, aber immerhin. 

In Kiel gibt's noch nicht mal eine Bahn. 

Dazu kommt, dass alle großen Städte nah beieinander liegen. Nach Jena und Weimar schaffe ich es mit der Regionalbahn in weniger als einer halben Stunde. Da braucht man in Berlin oft länger, um bis zum Club oder zur Uni zu fahren.

Du willst lieber ganz raus aus Deutschland? Dann mach den Test: 

2

Mieten

Der Wohnungsmarkt in Deutschland ist in vielen westlichen Städten eine Katastrophe. München, Frankfurt, Hamburg – völlig überteuert. Gerade für Studierende ist die Wohnungssuche oft ein Albtraum. Auch im Osten ist es nicht immer ganz einfach. Aber es ist in jedem Fall billiger als in den Studentenstädten in Westdeutschland. Wenn mir Freunde erzählen, dass sie für ein kleines Zimmer außerhalb von Frankfurt 400 Euro bezahlen, dann traue ich mich fast nicht zu sagen, was meine Miete kostet. 

Ich lebe in der Krämpfervorstadt in Erfurt, einem Studenten-Viertel, in einem 30-Quadratmeter-Zimmer, erreiche den Hauptbahnhof zu Fuß in fünf Minuten – und zahle dafür 265 Euro im Monat. Es geht sogar noch günstiger: Eine Freundin zahlt monatlich für 17 Quadratmeter in einer 4er-WG in der Johannesvorstadt gerade einmal 183 Euro. Mit solchen Preisen kann Westdeutschland nicht mithalten. 

3

Kultur

Wer behauptet, in Ostdeutschland könne man nicht gut feiern, der war vermutlich noch nie dort. Studentenstädte wie Jena und Leipzig bieten eine bunte Mischung an Partys: Von alternativem Elektro über HipHop bis zu Charts ist eigentlich alles dabei – meistens ohne strenge Einlasskontrollen und zu erschwinglichen Preisen. 

Im Deutschen Nationaltheater in Weimar gibt es jeden Tag hochkarätige Inszenierungen von Klassikern wie Hamlet von ShakespeareGoethes Faust oder Mozarts Zauberflöte

So sieht das Theaterhaus in Weimar aus:
Für Studierende kostet die Eintrittskarte auf allen Plätzen nur 9,50 Euro. 

Besonders toll sind die vielen alternativen, jungen Projekte. In Erfurt mag ich es, donnerstags im Hipsterclub "Kalif Storch" Tischtennis zu spielen oder am Lagerfeuer Bier zu trinken. Der Club entwickelte sich erst im letzten Jahr aus einer Initiative des jungen Kollektivs "Lotus Lumina" mit der Intention, etwas Neues in Erfurts Party-Szene zu schaffen. Das Wochenende lasse ich gerne in einem Liegestuhl im "WirGarten", einem hübschen Urban-Gardening-Projekt, ausklingen.

So schön kann man dort entspannen: 

Zu Beginn vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber auf jeden Fall auch wichtiger Bestandteil des kulturellen Lebens: Pfeffi. Der knallgrüne Pfefferminzlikör aus Nordhausen in Thüringen schmeckt zwar wie Mundwasser, sorgt aber dafür, dass man auch nach dem fünften Bier noch frischen Atem hat.

4

Bildung

Die ostdeutschen Unis glänzen vor allem mit einem: ihrer internationalen Ausrichtung. Die Uni Erfurt und die TU Dresden sind die einzigen Unis in Deutschland, die einen Bachelor in "Internationale Beziehungen" anbieten. An der Uni Leipzig gibt es einen Master in "European Studies" und in Kooperation mit verschiedenen europäischen Unis bietet sie auch den den Studiengang "Sustainable Development" an.

Viele Leute denken, es gäbe keinen guten Unis in Ostdeutschland, nur weil es nur eine Elite-Uni gibt, die TU Dresden. Na und? Dafür glänzen die Unis hier mit andere Vorzügen. 

Ein Vorteil ist zum Beispiel auch, dass die Zulassungsbeschränkungen oft niedrig sind. 

So kann man in Magdeburg ohne Numerus Clausus International Management studieren und in Jena ist Medizintechnik zulassungsfrei. 

5

Ausflugsziele

Ob Wandern im Thüringer Wald oder durch die Drachenschlucht auf die Wartburg: In Sachen Freizeitgestaltung bietet der Osten viele Möglichkeiten. Im Sommer sind zahlreiche Seen, wie der Stausee Hohenfelde im Weimarer Land, die perfekten Ausflugsziele. Im Winter lädt der Rennsteig, Deutschlands meistbegangener Weitwanderweg, rund um Oberhof zum Langlaufen ein. 

So sieht es in der Drachenschlucht aus: 

Sollte die Anreise dann doch mal ein bisschen länger dauern, gibt es idyllische Zeltplätze, zum Beispiel am Hohenwartestausee, wo man für weniger als zehn Euro campen kann. In Jugendherbergen, wie zum Beispiel in Gräfenroda, zahlt man auch nur knapp 20 Euro für eine Übernachtung mit Frühstück. 

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