Bild: Getty Images / Chris McGrath
Ein Stimmungsbild aus Istanbul

Unten am Bosporus, am Verkehrsknotenpunkt Kabatas, an dem täglich Tausende Istanbuler in den Bus, die Straßenbahn oder die Fähre steigen, herrscht wieder das gewohnte Chaos. Verstopfte Straßen, auf denen Autos Stoßstange um Stoßstange um jeden Zentimeter Asphalt kämpfen. Das Bild täuscht.

Denn da sind auch noch die Kreuzer des Militärs und der Küstenwache, die auf dem Bosporus fahren. Zeitungen an den Kiosken zeigen Bilder von verhafteten Generälen und Richtern. Fernseher in den Cafés wiederholen die Bilder von Freitagnacht: Menschen stellen sich den Soldaten entgegen und ziehen Uniformierte aus Panzern. Viele Türken betrachten diese Menschen als Helden; darunter sind frenetische Verehrer Erdoğans, aber auch Nationalisten, die das System Erdogans dem Chaos nach einem Putsch vorziehen.

Im Slider: Was in der Nacht passiert ist
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Per SMS fordert die AKP-Regierung ihre Anhänger auf, täglich auf den Straßen zu demonstrieren, Zehntausende folgen diesem Aufruf. Öffentliche Verkehrsmittel sind derzeit kostenlos, damit möglichst viele Menschen zu den großen Plätzen gelangen können. So wie am Dienstagabend in Üsküdar, einem konservativen Stadtteil auf der asiatischen Seite Istanbuls. Familienväter, junge Mütter, meist mit Kopftüchern, Großväter mit ihren Enkelkindern und Jugendliche tragen die Fahnen ihres Landes durch die Straßen. Um ihre Köpfe haben sie Bandanas gebunden, auf denen "Türkei" und "Recep Tayyip Erdoğan" steht.

Die Stimmung ist ausgelassen. Die Menge strömt auf einen Platz zu, auf dem die Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) eine Bühne aufgebaut hat. Ein Redner peitscht der Menge ein.

Immer wieder schreien sie den Namen Ihres Präsidenten und "Bismillah, Allahu Akbar!". "Im Namen Allahs, Gott ist groß!"
(Bild: Imago )

Aus den vielen Autos, die in Korsos die Menge begleiten, dröhnt neben dem Wahlkampflied Erdoğan's regelmäßig die Hymne des Osmanischen Reiches. Manche Menschen strecken den Zeigefinger nach oben, Islamisten verwenden dieses Handzeichen häufig, es bedeutet aber auch generell "Es gibt keinen Gott außer Allah". Andere zeigen mit vier ausgestreckten Fingern und eingeklapptem Daumen die Rabia, das Handzeichen der islamistischen Muslimbruderschaft aus Ägypten, oder den Wolfsgruß, das Handzeichen der ultranationalistischen Grauen Wölfe.

Diese Szenen wiederholen sich überall in der Stadt. Auf dem Taksimplatz, sogar im linksalternativen Studentenviertel Beşiktaş rufen Erdoğan-Anhänger ihre Parolen. Im Kneipenviertel des liberalen Kadıköy rollen bis 3 Uhr nachts Bikergangs durch die Straßen. Die Anhänger Erdogans scheinen in der absoluten Mehrheit, während sie Tag und Nacht die Straßen bevölkern.

Aber viele Studenten diskutieren heftig diskutiert, vor allem über eine Frage: Hat die AKP-Regierung den Putsch nur inszeniert, um an noch mehr Macht zu kommen?

Zu viel scheint faul an den Geschehnissen von Freitagnacht, sagen viele junge Leute.

Kommt schon, Leute! Wenn ich schon sterbe, dann definitiv nicht nüchtern.
28-jähriger Türke

Eine WG-Party in Cihangir, ein 28-jähriger Student erzählt von der Putschnacht: "Die Leute sind panisch in die Supermärkte gerannt und haben alles leergekauft. Sich Vorräte angelegt. Ich habe mir nur vier Bier und vier Schachteln Zigaretten geholt. Die haben mich angeguckt wie ein Gespenst. Kommt schon, Leute! Wenn ich schon sterbe, dann definitiv nicht nüchtern."

Mittlerweile können viele Studenten über den Schock der Nacht lachen. Aber die aktuellen Ereignisse machen ihnen auch Angst.

Auf Facebook, Twitter und in den WG-Wohnzimmern kritisieren die jungen Istanbuler den Verfall der Demokratie im Land. "Die Erdogan-Anhänger gehen für Demokratie auf die Straße, aber was für ein Demokratieverständnis haben die denn bitte?" Am Samstagmorgen nach dem Putschversuch trendete bei Twitter der Hashtag #darbedegiltiyatro – "Kein Putsch.Theater" in der Türkei.

Das früher so bunte Istanbul wirkt grau, die Stimmung ist bedrückt. Immer neue Meldungen von Festnahmen, Entlassungen und Ausreiseverboten und schließlich die Erklärung des Ausnahmezustands durch den Präsidenten spalten das Land.

"Ich hab mich entschieden, das Land zu verlassen, ich will hier nicht mehr leben", sagt ein 30-Jähriger Türke. Sein Vater lebt in den USA. Dorthin will er nun gehen.

"Ich halte es nicht mehr aus, dabei zuzusehen, wie sich dieses Land verändert. Das ist nicht mehr meine Türkei."

Mehr zum Putschversuch und seinen Folgen


Today

"Bevor ich Trump wählen würde, würde ich jeden Tag zum Zahnarzt gehen"
#BeforeIVoteForTrump – Trump-Gegner machen sich bei Twitter lustig

Jetzt ist es offiziell: Donald Trump wird bei den US-Präsidentschaftswahlen für die Republikaner antreten, am Donnerstagabend nahm er die Nominierung an (bento). In seiner Abschlussrede auf dem Parteitag in Cleveland machte Trump noch einmal klar, welche politischen Ziele auf seiner Agenda stehen. So will er zum Beispiel eine "große Grenzmauer" bauen, um illegale Einwanderer davon abzuhalten, in die Vereinigten Staaten zu kommen.

Donald Trump könnte nächster US-Präsident werden, seine beängstigenden Forderungen könnten irgendwann Realität werden. Doch dagegen wehren sich nicht nur einige seiner Parteikollegen, sondern auch viele Bürger. Die äußern ihre Kritik jetzt – mal wieder – bei Twitter, und zwar indem sie sich – mal wieder – über Donald Trump lustig machen.