"Wir werten Menschen ab, wenn sie sich gegen Kinder entscheiden."

Sie hat ein Kind bekommen, ist glücklich mit ihrer kleine Familie – und entscheidet sich, keine weiteren Kinder zu wollen. Sie will nicht länger verhüten, sondern einen endgültigen Eingriff. Aber die Ärzte sagen: Nein

So erzählt es die Twitter-Nutzerin @Birnenmuffin_3 gerade. 

In einem emotionalen Thread beschreibt sie, wie sie seit Jahren für eine Sterilisation kämpft – und wie Gynäkologen sie immer wieder ignorieren.

Ihre Geschichte beginnt sie mit einer Ankündigung.

Knapp 250 Mal wurde ihr Thread bisher geteilt, mehr als 550 Menschen haben ihn geliket. In den Kommentaren sprechen ihr viele Nutzerinnen Mut zu. 

Bei mehreren Ärzten war die Twitter-Nutzerin vorstellig, sagt sie. Immer habe sie die gleiche Antwort bekommen: "Sie sind doch noch so jung. Lassen sie das lieber!" Dabei waren sie und ihr Partner sich einig:

Wir haben mit ihr über ihre Geschichte gesprochen – und darüber, wie sie weiter kämpfen will. Muffin möchte anonym bleiben und unter diesem Namen angesprochen werden. Sie lebt mit ihrem Partner in Leipzig und ist 28 Jahre alt.

Sie sagt, schon mit 20 wusste sie, dass sie sich irgendwann sterilisieren lassen will. Mitte 2017 sei ihr Kind geboren worden, seither versuche sie, sich sterilisieren zu lassen. Bei insgesamt drei Gynäkologen sei sie bisher gewesen, zwei hätten sich klar gegen eine Sterilisation ausgesprochen.

Sterilisation und Vasektomie

Bei der Sterilisation der Frau werden die Eileiter durchtrennt – eine Befruchtung durch Spermien ist nicht mehr möglich. Einen ähnlichen Vorgang gibt es für den Mann. Dort werden bei der Vasektomie die Samenleiter im Hodensack durchtrennt. Beide Operationen können, mit unterschiedlicher Schwierigkeit, auch wieder rückgängig gemacht werden. 

In den Gesprächen angeblich immer wieder Thema: ihr Alter, ihr Mann, die Familienplanung. 

Hingegen nie ein Thema: was sie will.

Wie sich Muffin nach ihrem ersten Termin gefühlt hat? "Unverstanden, wütend, enttäuscht."

Viele Ärzte würden den Eingriff nur an ihrem Alter festmachen – sie solle mindestens 30 sein. Oder an einer medizinischen Notwendigkeit: 

Würde ich unter ständigen Entzündungen leiden oder Krebs haben, gäbe es weniger Diskussionen.

Tatsächlich ist es so, dass viele Kliniken den Eingriff erst bei Frauen und Männern über 30 vornehmen, manchmal sogar erst ab 35 – oder eben, wenn es medizinisch nötig wird. Ärztinnen und Ärzte sichern sich so gegen eventuelle spätere Klagen ab. Ihr Argument: Oft können junge Menschen noch nicht einschätzen, was sie wirklich wollen.

Auch Muffin kann das zum Teil verstehen. Sie wisse, dass viele Ärzte sie schützen wollen: "Es ist ein großer Eingriff, der große Risiken birgt und als endgültig gilt. In manchen Fällen bereuen es die PatientInnen, was vermieden werden soll."

Die Krankenkassen haben die Sterilisation bis 2003 noch finanziert, seitdem der Eingriff selbst bezahlt werden. Bei Frauen kann eine Sterilisation zwischen 1000 und 1500 Euro kosten. (Frauenärzte im Netz)

Muffin sei trotzdem – oder gerade deswegen – klar gewesen, worauf sie sich habe einlassen wollen. Irgendwann sei sie daher gewappnet in die Gespräche gegangen: "Ich wurde entschlossener und mutiger und begann, zu hinterfragen", sagt Muffin. Sie habe sich nicht länger abspeisen lassen wollen. 

Ein "Okay" gab es dennoch nicht. Stattdessen eine erste ungewollte Schwangerschaft:

Insgesamt habe Muffin bereits drei Abtreibungen gehabt. Oder, wie sie es im Gespräch mit bento formuliert: Sie habe "drei Embryonen gehen lassen". Nicht immer sei jemand bei der schwierigen Entscheidung für sie da gewesen. "Nur bei zweien bekam ich Halt und ein offenes Ohr, beim dritten musste ich mich um den Erzeuger kümmern."

Viele würden Abtreibungen als Tabu betrachten. Sie selbst habe Ablehnung erfahren, andere suggerierten ihr, sie sei unverantwortlich. 

"Ich kann verstehen, dass Ärzte nur ihre Pflicht tun", sagt Muffin. Trotzdem wolle sie weiter nerven. Auch nach dem Schwangerschaftsabbruch sei sie wieder zu Gynäkologen gegangen – und habe wieder gehört, sie sei noch zu jung für eine Sterilisation. Und ihr Mann wolle ja vielleicht auch noch weitere Kinder.

An anderer Stelle sei ihr empfohlen worden, ein Klinikum in der Nähe zu besuchen, schreibt sie. Dort sei der Eingriff angeblich auch früher möglich. 

Muffin macht dieser Blick auf sie herab wütend. 

Sie habe das Gefühl, sie dürfe keine eigenen Entscheidungen treffen – und die Gesellschaft bestimme über die Einzelne:

Wir werten Menschen ab, wenn sie sich gegen Kinder entscheiden. Wir sehen sie nicht als vollwertig an ohne eigenen, ausgetragenen Nachwuchs.

Ihren Thread schließt sie verbittert. Aber auch mit einem wichtigen Statement: "Mein Körper, meine Regeln!"

Zu bento sagt Muffin, dass sie weiter kämpfen wolle:

Es bringt ja nichts, wenn ich bis zu meinem 30. Geburtstag warte und mir dann eröffnet wird, ich müsse mindestens 35 sein.

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