Bild: Goodgames Studios
Der Spielehersteller Goodgame zeigt, dass mit dem Erfolg von Start-ups nicht zwangsläufig ihre soziale Verantwortung wächst.

Eine interne Info-Veranstaltung bei Goodgame Studios (GGS) im August: Maximilian Schneider, der "Chief Strategy Officer" von Deutschlands größtem Computerspielehersteller, stellt sich den Fragen seiner Angestellten. Die Stimmung ist schlecht. Als die Sprache auf den Betriebsrat kommt, den einige Goodgamer durchsetzen wollen, antwortet Chefstratege Schneider mit einer Tirade gegen das "veraltete Instrument" der Mitbestimmung, das in der modernen Goodgame-Welt keinen Platz habe.

Dann malt Schneider noch einen Teufel an die Wand, für den Fall, dass sie sich organisieren: "Wir müssen ein Auge auf Wirtschaftlichkeit haben", sagt er, "damit jeder von euch nächstes Jahr noch ein Gehalt bekommt."

Die internen Aufnahmen klingen ganz anders als die Version, die Goodgame seit Monaten verbreitet: Man pflege seit jeher einen "engen und vertrauensvollen Umgang" zu seinen Angestellten, heißt es da. Ist (…) darüber hinaus die Gründung eines Betriebsrats gewünscht, stehen wir dem selbstverständlich nicht im Wege."

Die Aufnahmen werfen auch ein neues Licht auf die Entlassung von 28 Mitarbeitern Ende November, von denen sich zumindest einige bei der Gewerkschaft Ver.di über die Gründung eines Betriebsrats informierten. GGS streitet einen Zusammenhang mit dem geplanten Betriebsrat ab. Die Kündigungen hätten betriebliche Gründe und seien "sehr sorgsam" vorbereitet gewesen.

  • So sorgsam, dass ein Schwerbehinderter gefeuert wurde, ohne das Integrationsamt vorher zu informieren – gegen gesetzliche Vorschriften. (bento)
  • So sorgsam, dass nicht einmal die direkten Vorgesetzten der Entlassenen informiert waren. Einige Gefeuerte haben auch zwei Monate später noch kein Arbeitszeugnis erhalten, um sich wieder zu bewerben. (bento)
  • So sorgsam, dass aktuelle Mitarbeiter von Problemen in ihren Abteilungen berichten, weil ihren Ex-Kollegen nicht mal Zeit für eine Übergabe gelassen worden sei.

Goodgame Studios bestätigt die Aufnahmen. Schneider habe damit betonen wollen, dass die eigenen "passgenauen" Instrumente, die das Management bereits anbiete, besser geeignet seien, die Bedürfnisse der Mitarbeiter zu erfüllen.

Die offensichtlichen Falschbehauptungen und subtilen Drohungen gegen Mitarbeiter stammen aus einem Unternehmen mit knapp 1300 Angestellten, das sich als das Gegenmodell zum starren deutschen Konzern stilisiert – mit Feelgood-Managern, kostenlosem Müsli und angeblich flachen Hierarchien. Dessen Gründer und Chef Kai Wawrzinek davon schwärmt, wie wichtig es ihm sei, andere Meinungen in seiner Firma zuzulassen.

Gerade Ex-Start-ups bieten großes Potenzial für Ausbeutung

Eher taugt der Hersteller des weltweit erfolgreichen Strategiespiels "Empire", um eine Gefahr in der deutschen Start-up-Szene zu illustrieren: Gerade rasch gewachsene Digitalunternehmen bieten ein großes Potenzial für Ausbeutung.

Junge, unerfahrene Angestellte treffen dort oft auf Unternehmer mit globalen Ambitionen und amerikanischen Vorstellungen von Arbeitnehmerrechten. Hat das Start-up Erfolg, werden die einst flachen Hierarchien immer steiler. Nur Gehälter und Urlaubsanspruch wachsen nicht mit.

Jeder weiß, dass er ersetzbar ist
Mitarbeiter von Rocket Internet

Goodgame ist nicht das einzige Digitalunternehmen, das die Träume vieler Mitarbeiter vom hippen Anti-Konzern enttäuscht. Auch in Oliver Samwers Start-up-Schmiede Rocket Internet schimpft man gerne auf die trägen Konzerne der Old Economy, die man aufmischen will.

Die Realität bei Rocket würde die meisten deutschen Arbeitnehmer wohl eher abschrecken: "Rocket tickt wie eine Eisenbahngesellschaft im Amerika des 19. Jahrhunderts", sagte ein langjähriger Rocket-Mann zum SPIEGEL. "Jeder weiß, dass er ersetzbar ist", sagt ein anderer. Die Mitarbeiter kämen immer zum Schluss.

Rocket-Chef Oliver Samwer: "Wie eine Eisenbahngesellschaft im 19. Jahrhundert" (Bild: dpa)

Bei Goodgame berichten aktuelle und ehemalige Angestellte von schlechten und teils extrem unterschiedlichen Gehältern für die gleiche Arbeit und einer Hire-and-Fire-Kultur. Von ihrem zwanzigköpfigen Team, in dem eine Ehemalige bis vor zwei Jahren arbeitete, sei heute noch ein Mitarbeiter dabei.

Daher rühre auch die Angst vor einem Betriebsrat: "Die haben Angst, dass jemand mehr Transparenz bei den Gehältern fordert und ihnen bei ihrem Hire-and-Fire reinredet", sagt einer, der noch bei GGS arbeitet. Außerdem wüssten Goodgames zahlreiche ausländische Mitarbeiter über ihre Rechte oft nicht Bescheid.

Die meisten Unternehmen ab 500 Mitarbeitern haben Betriebsräte

Mehr als 80 Prozent der deutschen Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern haben einen Betriebsrat. Eines davon ist Goodgames Konkurrent Bigpoint, mit 550 Mitarbeitern nicht einmal halb so groß wie GGS.

Nach Massenentlassungen vor drei Jahren wählten die Verbliebenen dort eine Mitarbeitervertretung. Heute, so hört man von Bigpoint-Angestellten, läuft die Zusammenarbeit zwischen Management und Betriebsräten ziemlich reibungslos.

Die haben Angst, dass jemand mehr Transparenz bei den Gehältern fordert
Mitarbeiter von Goodgame

Am Dienstag findet eine Betriebsversammlung statt, bei der Goodgamer die Wahl eines Betriebsrats einleiten können. Um einen Wahlvorstand zu bestimmen, muss mehr als die Hälfte der anwesenden Mitarbeiter dafür stimmen.

Die GGS-Manager haben andere Pläne: Laut Mitarbeitern durfte eine sogenannte "Retention Working Group" ihr Modell einer alternativen Mitarbeitervertretung vor allen Goodgamern vorstellen und Stimmung gegen einen Betriebsrat machen. Alle Beschäftigten seien dafür vergangenen Mittwoch mehrere Stunden lang freigestellt worden.

Binnen drei Monaten will die neue Gruppe (Eigenwerbung: "From Goodgamers, for Goodgamers") einen Vertrag vorbereiten, den das GGS-Management dann akzeptieren kann. Oder eben nicht. Ihre wichtigste Botschaft setzte die Anti-Betriebsratsgruppe an den Schluss ihrer Präsentation: Jeder Beschäftigte solle zu der Betriebsversammlung erscheinen – und keine Stimme abgeben.

Der Text ist zuerst bei SPIEGEL ONLINE erschienen.

Mehr Goodgame-Drama: