Unser Autor ist verwirrt: Hat er bei der Einbürgerung nicht den richtigen Spruch aufgesagt? Oder ist sein Pass weniger wert?

Seit ein paar Tagen wird mal wieder die Frage diskutiert, wann ein Deutscher eigentlich ein Deutscher ist. Der Anlass: Wegen der Krawalle vom 21. Juni in Stuttgart habe die Polizei auch bei Tatverdächtigen mit deutschem Pass Stammbaumforschung angekündigt, hieß es. 

Die Stadt hat mittlerweile zwar verkündet, das Wort "Stammbaumforschung" sei in der Rede des Polizeipräsidenten nicht gefallen. (Pressemitteilung / (Süddeutsche Zeitung

Aber mal ehrlich: Seit den Krawallen war eine der zentralen Fragen die nach der Herkunft der Randalierer. Ganz egal, ob man es "Stammbaumforschung" nennt oder nicht: Wenn die Polizei nach der fremden Herkunft der Eltern sucht, um bei Tatverdächtigen einen Migrationshintergrund zu identifizieren, dann geht es nicht darum, "Lebensumstände" zu erklären, sondern darum, das Feindbild von Fremden im eigenen Land zu konstruieren. Es ist die Grundlage von Racial Profiling. 

Die Botschaft ist klar: Deutscher Pass hin oder her, am Ende gilt der Stammbaum. 

Menschen, die  – wie ich – die Staatsbürgerschaft durch Einbürgerung erworben haben, sind hingegen keine richtigen Deutschen. Deshalb kommt es vor, dass mein Personalausweis nicht als Nachweis meiner Staatsbürgerschaft ausreicht, wenn ich einen neuen beantrage. Dann muss ich zusätzlich meine Einbürgerungsurkunde im Original vorlegen, übrigens auch bei einer Eheschließung.

Bin ich jetzt Deutscher oder nicht?

Vor Behörden sind eben nicht alle Deutschen gleich – oder, wie mir die Sachbearbeiterin erklärte, die mich einbürgerte, ich sei eben ein "naturalisierter Deutscher". Ich hatte vor mehr als zehn Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Es war ein mühsamer Prozess.

Einer meiner persönlichen Höhepunkte darin: Ich musste noch das "Merkblatt zur Verfassungstreue und Absage an alle Formen des Extremismus" unterschreiben. Damit würde ich mich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes bekennen und bestätigen, dass ich keine extremistischen Bestrebungen verfolge oder unterstütze. Ich griff nach dem Stift und kritzelte meinen Ausländernamen unter die Loyalitätsbekundung.

Doch kurz bevor sich mein Haar blond und meine Augen blau färbten, griff die Beamtin über das Papier. Die Unterschrift reichte ihr nicht. Ich müsste das feierliche Bekenntnis laut aussprechen, damit es gültig ist. Ich hatte lang genug Harry-Potter-Filme geschaut, um zu verstehen, dass da etwas dran sein könnte. Der Zauberspruch lautete: "Ich erkläre feierlich, dass ich das Grundgesetz und die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland achten und alles unterlassen werde, was ihr schaden könnte."

Und bam, ich verwandelte mich in einen Deutschen – hatte aber noch Fragen. Was, wenn ich hätte nicht sprechen können? Und müssen weiße Deutsche im Laufe ihres Lebens auch eine Loyalitätserklärung unterschreiben und ihre Zugehörigkeit magisch herbeirufen? Ich wollte wissen, ob es vergleichbare Initiationsriten gab, denn schließlich hatte ich große Zweifel daran, ob meine weißen Mitschüler, Lehrer und Nachbarn wirklich nach der heiligen Schrift des Grundgesetzes denken und leben. 

Die Beamtin ignorierte meine ernst gemeinten Nachfragen und gratulierte mir stattdessen zur Einbürgerung mit den Worten: "Herzlichen Glückwunsch, Sie sind jetzt naturalisierter Deutscher." Ich fühlte schon, wie die Ranken türkischer Wassermelonen von meinem Körper abfielen und den Wurzeln einer Kartoffel Platz machten.

Der deutsche Pass hat trotzdem wenig daran geändert, dass die Öffentlichkeit mich noch immer nicht als Teil der Gesellschaft wahrnimmt. Bei verdachtsunabhängigen Personenkontrollen werde ich von weißen Polizisten immer wieder herausgefischt und mal auf arabisch, mal auf türkisch nach meinem Pass gefragt. 

Die unerträgliche Diskrepanz zwischen Opfer- und Täternarrativen

Ich habe "unseren Freund und Helfer" selten in dieser Rolle kennengelernt. So ging es auch kürzlich meiner Schwester. Im Mai wurde sie auf offener Straße von einem weißen Mann angegriffen. Er drückte sie gegen die Wand und sagte, es sei Zeit, dass die AfD endlich das Land übernähme. "Ihr müsst weg," sagte er. Noch am selben Tag ging meine Schwester zur nächsten Polizeistation und schilderte der weißen Beamtin, was passiert war. Sie fragte völlig unbeeindruckt: "Und was soll ich da jetzt machen?" Meine Schwester erklärte, dass das doch ein rassistischer Übergriff war. Die Polizistin bestritt das und meinte: "So ausländisch sehen Sie gar nicht aus."

Statt den Vorfall ernst zu nehmen und meiner Schwester zu helfen, wurde die rassistische Tat geleugnet. Die Beamtin tat so, als könne nichts unternommen werden, als wäre es vollkommen absurd, dass meine Schwester überhaupt aufs Revier kommt. Das ist kein Einzelfall. Statistiken zu rechten Übergriffen sähen vermutlich sehr anders aus, wenn die Polizei öfter mit der nötigen Ernsthaftigkeit und Sensibilität an das Thema heranginge.  

Viele Betroffene haben das Vertrauen in die Behörden verloren. Wir haben NSU nicht vergessen.

Der Fall rund um die geplanten "Stammbaumforschungen" in Stuttgart spricht in diesem Zusammenhang Bände, ob das Wort gefallen ist oder nicht. 

Hier wird einmal mehr der Versuch unternommen, Kriminalität mit Migrationsbiografie in Verbindung zu bringen. Wenn "Biodeutsche" einer Straftat beschuldigt werden, dann hört man nichts von Kultur, Religion oder Hautfarbe als für Aufklärung und Prävention relevante Anhaltspunkte.

"Biodeutsche" und Deutsche mit dem ewigen Migrationshintergrund sind nicht gleich vor Staat und Behörden, von dem was Geflüchtete und Migranten hier tagtäglich an Ausschluss und Diskriminierung erleben, ganz zu schweigen. Die einen genießen das Privileg der Individualität und Unsichtbarkeit, während die anderen für den Rest ihres Lebens mit dem Stigma der Fremdheit zu kämpfen haben.

Woher ich wirklich komme

Seehofer täte gut daran, die geplante Rassismusstudie in der Polizei doch in Auftrag zu geben. Bis dahin kann die Stammbaumforschung der Stuttgarter Polizei erleichtert werden. 

Auf Instagram gibt es einen Filter, der nennt sich "ethnicity estimate". Nach ganz bestimmt superobjektiven und überaus wissenschaftlichen Maßstäben wird hier die Zugehörigkeit prozentgenau ermittelt. Das geht schneller als deutschlandweit Landratsämter nach fremden Ahnen zu durchforsten. 

Laut Insta-Filter bin ich zu fünfzig Prozent aschkenasischer Jude, vierzig Prozent Puerto-Ricaner und zehn Prozent Japaner. Zur Information, falls jemand wissen will, woher ich "wirklich" komme. 


Gerechtigkeit

Kritisches Weißsein: "Ich hatte immer das Gefühl, dass ich es extrem leicht hatte"
Wie sprechen weiße Deutsche über ihre Identität?

Seit ein paar Wochen tobt eine Rassismusdebatte in Deutschland – endlich. Als Schwarzer Journalist war die Zeit um die neu entfachte #BlackLivesMatter-Bewegung nach dem Tod von George Floyd richtig turbulent. Ich erhielt sehr viele Anfragen zum Thema Rassismus – auch von weißen Kolleginnen und Kollegen, die sich fragten, was sie zu dem Thema beitragen könnten, ohne als Weiße bevormundend oder übergriffig über das Leben Schwarzer in Deutschland zu spekulieren.