Bild: bento/Carolina Torres
Unterwegs mit Chris bei einer Führung durch die Hamburger Hafencity.

"Ihr könnt mich alles fragen. Die einzige Frage, die ich nicht beantworte, ist wann ich das letzte Mal Sex hatte."

Mit diesem Satz beginnt Chris einen Stadtrundgang in der Hamburger Hafencity. Vor ihm sitzen knapp 20 Besucher in dicken Jacken. Chris ist 48, klein und trägt einen Schnauzer. Sieben Jahre lang hat er auf der Straße gelebt.  

Und heute soll er den Besuchern zeigen, wie das war. Sie haben eine Obdachlosen-Führung gebucht, zu Orten, an denen Chris früher als Obdachloser gelebt hat und an denen andere bis heute leben, und zu den Einrichtungen, die ihnen helfen, zu überleben. Die Tour heißt "Hamburger Nebenschauplätze". 

In Hamburg gibt es knapp 2000 Menschen, die auf der Straße leben (hamburg.de), in ganz Deutschland waren es 2018 etwa 41.000 (BAG Wohnungslosenhilfe). 

Führungen von Obdachlosen gibt es in jeder größeren deutschen Stadt. 

Warum eigentlich? Ist das Armutstourismus im eigenen Land? Sind Obdachlose so weit aus unserer Gesellschaft ausgeschlossen, dass wir, um Einblicke in ihr Leben zu erhalten, "geführt" werden müssen? Oder können Touren nachhaltig Brücken schlagen und Menschen zusammenbringen?

Chris wird die zahlenden Gäste an Orte führen, die in der Regel nur Obdachlose kennen: das "Drob Inn", ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs, wo die Heroinsüchtigen kontrolliert ihre Drogen nehmen können, oder das "Herz As" ein paar Häuser weiter, wo die Obdachlosen für 50 Cent eine warme Mahlzeit bekommen und duschen können. 

(Bild: bento/Carolina Torres)

Dass er keine Fragen zu seinem Sexleben beantwortet, sagt Chris nicht, um zu kokettieren. Er sagt es, weil er tatsächlich bei einer seiner Führungen mal gefragt wurde, ob Obdachlose auch Sex haben. "Als wären wir keine Menschen, die dieselben Bedürfnisse haben wie alle anderen auch."

Am meisten interessiert sich die Gruppe für Chris' eigene Geschichte. Zu Anfang der Tour sitzen alle zusammen in den Räumlichkeiten von "Hinz und Kunzt", einer Obdachlosen-Hilfe, die hauptsächlich das gleichnamige Hamburger Obdachlosen-Magazin produziert. Einmal im Monat gibt es dort außerdem warme Mahlzeiten.

Chris erzählt die Geschichte seines Lebens so: Er sei im Heim aufgewachsen, "unter Nonnen", streng katholisch. Seine Abschlussprüfung als Dachdecker habe er aus Prüfungsangst nie angetreten, er habe das wenige Ersparte, das er hatte, genommen und mit 17 Jahren das Heim verlassen. Bald sei das Geld weg gewesen, er sei bei Freunden untergekommen.

„Dann habe ich meine paar Sachen genommen und sieben Jahre auf der Straße gelebt. Ich war so dumm, mir sieben Jahre lang keine Hilfe zu holen.“
Chris, Stadtführer bei "Hamburger Nebenschauplätze"

Zweieinhalb Jahre arbeitete er noch, während er schon auf der Straße lebte. Bis er mehrere Flaschen Wodka am Tag trank. Zum Jobcenter ging er nicht, stattdessen bettelte er. Er rasierte sich das Haupthaar ab und ließ nur einen Zopf am Hinterkopf stehen. Passanten bat er um Geld, seines hätte nicht für den Friseurbesuch gereicht, scherzte er. "Das nennt man Sympathieschnorren."

Knapp fünf weitere Jahre ging das so. Dann sah er die Straßenmagazinverkäufer von "Hinz und Kunzt". Am 4. Oktober 1995 beschloss er, selbst Verkäufer zu werden und ging zum ersten Mal in die Einrichtung. Diesen Tag feiert er heute als seinen Geburtstag.

"Hast du dich in dieser Zeit überhaupt als Teil der Gesellschaft gefühlt?" fragt eine junge Frau. "Nein", antwortet er abrupt. "Du fühlst dich als letztes Arschloch. Als Versager."

Obdachlose werden in der Gesellschaft häufig stigmatisiert. Teilweise werden sie von anderen als Personen wahrgenommen, die gescheitert seien oder versagt hätten, weiß Saskia Gränitz. Sie forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Thema Wohnungsnot. "Viele denken, Obdachlose müssten sich nur etwas mehr anstrengen, dann würden sie schon eine Wohnung finden."

„Anstatt Obdachlosigkeit als das Strukturproblem zu sehen, das es ist – also es dem Mangel an bezahlbarem Wohnraum zuzuschreiben – wird das Problem individualisiert.“

Diesem Denken liege auch ein sozialpsychologischer Mechanismus zugrunde, sagt Saskia. "Man nennt das Projektion. Man lagert dabei unerwünschte Anteile am eigenen Selbst aus und schreibt sie anderen zu." 

Wir seien in der modernen Gesellschaft einer hohen Leistungsanforderung ausgesetzt, jeder müsse funktionieren. Den Gedanken, dass man selbst vielleicht keine Lust habe, 40 Stunden die Woche zu arbeiten oder Überstunden zu machen, müsse man unterdrücken. "Solche Gefühle lagert man lieber aus und schreibt sie anderen zu, die man dann als unproduktiv bezeichnen kann." Wie Obdachlose, die am Straßenrand sitzen und die Hand aufhalten. So entstehen innerlich zwei Gruppen, ein "wir" und "die anderen". 

Chris kämpft mit seinen Touren also auch gegen einen Mechanismus, der jedem Menschen innewohnt. Auch ihm selbst. Wenn jemand fragt: "Wie geht es euch damit?" antwortet er: "Das ist nicht wie bei euch." 

Und trotzdem ist die Tour ein Versuch, eine Brücke zwischen "uns" und "euch" zu bauen, mit Vorurteilen aufzuräumen und aufzuklären. "Obdachlose wollen arbeiten, die meisten können es nur nicht. Viele leiden an Depressionen," sagt Chris.

„Wie willst du denn arbeiten, wenn es dir so schlecht geht, dass du dir nicht mal mehr selbst die Haare kämmen kannst?“
Chris

Unter den Verkäuferinnen und Verkäufern von Hinz und Kunzt gebe es ehemalige Richter, Ärztinnen, Polizisten, Erzieher – die meisten hätten eine Ausbildung, hatten mal einen Job. 

Auf dem Weg durch die Stadt zeigt Chris den Besucherinnen eine andere Perspektive auf Hamburg: Er zeigt Schließfächer, in denen Obdachlose Wertsachen einschließen – denn ja, sie haben welche. Er weiß, dass manche Obdachlose Essensgutscheine für Wasserflaschen eintauschen, diese ausleeren und dann das Pfand zurückgeben. Dann haben sie Bargeld, über das sie frei verfügen können, etwa um Alkohol zu kaufen. Und Chris spricht über das Problem eines Privatlebens auf der Straße:

"Natürlich haben auch Obdachlose Lust auf Sex", sagt er, der seine Gruppe inzwischen vor das "Herz As" geführt hat, eine Anlaufstelle, in der Obdachlose duschen, essen und ruhen können. "In den meisten Einrichtungen gibt es Schlafräume, in denen Sex verboten ist. Wenn du auf der Straße beim Sex erwischt wirst, kostet dich das aber 200 Euro. Was machst du also?" fragt er und blickt in die ratlosen Gesichter seiner Teilnehmerinnen.

"Für 200 Euro könnte man sich auch ein Hotelzimmer nehmen", sagt Chris nüchtern. Man kann also riskieren, erwischt zu werden, oder man überlegt sich, ob man bereit ist, ein Hotelzimmer zu bezahlen. 

(Bild: bento/Carolina Torres)

Unter den Teilnehmerinnen ist Nele. Die 26-Jährige ist mit ihrer Familie aus Tostedt angereist, eine knappe Stunde von Hamburg entfernt, um die "Nebenschauplätze" der Stadt kennenzulernen. Warum? "Es ist emotional schon sehr unbequem, sich mit den Menschen auf der Straße auseinanderzusetzen," sagt sie. "Man verdrängt das im Alltag gerne." Sie wolle Hamburg trotzdem einmal aus einer anderen Sicht kennenlernen. Darum sei sie heute hier.

Tore Süßenguth hält den Bildungseffekt solcher Obdachlosen-Touren allerdings für fraglich. Er hat im Rahmen seines Studiums der Geografie und Soziologie zum Thema Armutstourismus geforscht. 

"Leider gibt es keine Langzeitstudien dazu, ob solche Stadtführungen eine langfristige Verhaltensänderung herbeiführen." Er hält es für wahrscheinlicher, dass solche Touren eine Art Erholungseffekt bei den Teilnehmern bewirken. "Wir erholen uns heute fast auschließlich dadurch, dass wir uns von unserem Alltag abgrenzen. Man könnte Armutstourismus auch als Trip aus dem Alltag in eine fremde Welt hinein beschreiben", sagt er. Damit einher gehe eine sogenannte "Differenzerfahrung". 

„Man wird sich seiner eigenen Identität bewusster, indem man sich von anderen abgrenzen kann. Man denkt sich: es geht mir nicht so schlecht wie denen, also geht es mir gut.“
Tore Süßenguth

Hinzu komme bei Armutstourismus, also im weitesten Sinne auch bei Obdachlosen-Touren, der Wunsch nach Authentizität in einer globalisierten Welt. Man erhofft sich, selbst im Touristenhotspot noch eine authentische Erfahrung einzusammeln, sagt Tore. 

Chris beendet seine Tour bei der Hamburger Bücherhalle, wo Obdachlose im Winter – so sie denn "nicht stinken oder schlafen" – zu den Öffnungszeiten einen warmen Rückzugsort haben. Dann übergibt er seinen Tourmitgliedern die "Hinz und Kunzt"-Produkte, die sie gekauft haben: Ein Jahreskalender für 2020 mit Bildern, die die Obdachlosen von der Stadt gemacht haben. Oder ein Heft mit Kochrezepten, zu dem auch Chris eines beigesteuert hat.

(Bild: bento/Carolina Torres)

Klar, hier geht es auch darum, Geld zu verdienen. Chris' Job existiert allein wegen der Neugier der Besucher auf das Leben der Obdachlosen. Und vielleicht ist genau das der größte messbare Wert der Stadtführungen von Obdachlosen – sie schaffen einen Job, ein geordneteres Leben. Und wenn auch nur für die kurze Zeit von zwei Stunden, die die Touren dauern, wird aus dem "ihr" und "euch" ein bisschen mehr ein "wir".

Zum Schluss erzählt Chris noch, was er persönlich am meisten an den Touren schätzt: "Ich kann hier den ganzen Tag mit euch über meine Probleme reden. Ich habe gelernt, dass das ganz wichtig ist. Reden und sich Hilfe suchen. Das ist für mich die beste Therapie."


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