Bild: Jörg Farys
Spahn will die Spurensicherung neu regeln. Wir haben eine Expertin gefragt, was sich sonst noch ändern muss.

Opfern einer Vergewaltigung fehlt es in Deutschland an staatlicher Unterstützung. Frauen, die nach einer Gewalttat eine Arztpraxis oder eine Klinik aufsuchen, müssen dort oft die Kosten der Spurensicherung selbst tragen. Wollen sie Spermaspuren des Täters sichern und sich auf mögliche K.O.-Tropfen hin untersuchen lassen, müssen sie bezahlen. Das kann mehrere Hundert Euro kosten, sagt eine Expertin der Medizinischen Soforthilfe Frankfurt.

Die Vergewaltigung: ein Privatproblem.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will das nun ändern. Die gesetzlichen Krankenkassen sollten künftig die Spurensicherung erstatten. Ärzte und Krankenhäuser sollen diese Leistungen mit den Kassen abrechnen, ohne dass die untersuchte Person von der Krankenkasse identifiziert werden kann. Die Regelung solle auch dann gelten, wenn die Betroffenen vorher nicht bei der Polizei Anzeige erstattet haben – weil sie zum Beispiel zu viel Angst hatten. "Wir helfen nun, damit frühzeitig eindeutige Beweise durch Ärzte anonym gesichert werden können, um mögliche Täter später auch zu überführen", sagte Spahn. (Tagesspiegel)

Warum eine Spurensicherung nach einer Vergewaltigung wichtig ist

Viele Frauen trauen sich nicht, unmittelbar nach einer Vergewaltigung zur Polizei zu gehen. Für eine mögliche spätere Anzeige kann es jedoch enorm wichtig sein, Spuren für eine eventuelle Strafverfolgung zu dokumentieren, zum Beispiel Blut oder Sperma aus einem Slim. In Kliniken und Praxen werden die Proben gesammelt, sie können helfen, den Täter zu überführen. Außerdem – der viel wichtigere erste Schritt – wird das Opfer auf Verletzungen hin untersucht. 

Die "Medizinische Soforthilfe Frankfurt" empfiehlt, möglichst rasch nach dem Übergriff eine Spurensicherung vornehmen zu lassen – und wenn möglich vor der Untersuchung weder die Kleidung zu wechseln noch zu duschen. Sichergestellte Proben werden für eine festgelegte Frist aufbewahrt und im Fall einer Anzeigenerstattung an die Polizei übergeben. Wie lange Proben gelagert werden, ist je Bundesland unterschiedlich.

Wie sehr hilft Jens Spahns Vorschlag zur Spurensicherung wirklich? Und gibt es noch andere Dinge, die der Staat tun kann, um Frauen nach Vergewaltigungen beizustehen?

Das fragen wir Katja Grieger, 45. Sie ist Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe in Deutschland. Sie weiß, welche Sorgen Frauen nach einer Gewalttat umtreiben – und wo es strukturelle Probleme in der Betreuung und Strafverfolgung von Tätern gibt.

(Bild: Jörg Farys)

bento: Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung wurden, müssen die vertrauliche Spurensicherung in Arztpraxen oder Kliniken bislang oft selbst bezahlen. Wer denkt sich sowas aus?

Katja Grieger: Es ist nicht so, dass sich mal jemand hingesetzt und gesagt hat, wir müssen jetzt mal den vergewaltigten Frauen eins auswischen. Das Problem ist, dass einfach die Perspektive der Betroffenen viele Jahre lang nicht berücksichtigt wurde. Hier geht es um ein konkretes Problem im Gesundheitswesen: Alle Leistungen werden über Krankenkassen abgerechnet, dazu braucht es einen Namen. Frauen, die nach einer Vergewaltigung Anonymität und Vertraulichkeit bedürfen, hatten da das Nachsehen. 

bento: Der Vorstoß von Jens Spahn, die Kostenübernahme für die Spurensicherung in die Hand der Krankenkassen zu legen, treibt ja etwas voran, was Beraterinnen schon seit Jahren fordern. 

Katja: Auf jeden Fall! Ich war ehrlich überrascht, dass es jetzt plötzlich voran geht.

bento: Ich hätte jetzt ein "Aber" erwartet.

Katja: Das gibt es auch, denn mit der Kostenübernahme ist es noch nicht getan. Wenn ich nach einer Vergewaltigung Hilfe suche, dann will ich ja nicht nur, dass meine Spuren auch vertraulich gesichert werden können und ich dafür nicht zahlen muss. Ich will dann auch ärztliche Betreuung, falls ich eine Verletzung davongetragen habe. Möglicherweise brauche ich einen HIV-Test, die Pille danach, ein beratendes Gespräch. 

„Bei aller Freude über Spahns Vorstoß: Es fehlt eine Lösung, die die gesamte medizinische Akutversorgung abdeckt.“

bento: Bislang müssen Frauen sich selbst erkundigen: Welche Schritte gibt es nach einer Vergewaltigung zu beachten? Wo kann ich mich melden? Warum gibt es nicht die eine Stelle, die sagt: Wir kümmern uns um dich?

Katja Grieger: Es gibt solche Stellen schon. Aber nicht bundesweit, sondern nur hier und da als Modellprojekt, in Frankfurt am Main zum Beispiel. Aber das hilft einer Frau in Mannheim oder Cottbus natürlich nicht weiter. 

Wo finden Frauen direkt nach Übergriffen Informationen?

Das bundesweite Telefon für Opfer von Gewalt bietet eine gute Anlaufstelle. Unter der kostenlosen Nummer 08000 116 016 wird Opfern auf 18 Sprachen geholfen. Die Beraterinnen können Opfer auch an regionale Hilfsangebote  weitervermitteln.    

Betroffene können zudem hier eine Beratungsstelle in ihrer Nähe finden: frauen-gegen-gewalt.de

bento: Was würde da helfen?

Katja Grieger: Es fehlt an Beratungsstellen und dort, wo es sie gibt, fehlt es an Kapazitäten. Für ganz Berlin gibt es zum Beispiel nur eine Anlaufstelle. Und deutschlandweit arbeiten im Schnitt zwei Frauen in einer Beratungsstelle. Das heißt, nachts erreicht man in der Regel niemanden, an Wochenenden auch nicht. Damit die Unterstützung von Frauen in Not besser funktioniert, muss es also erstens mehr Geld geben und müssen zweitens Zuständigkeiten geklärt werden.

bento: Zuständigkeiten?

Katja Grieger: 

„Alle, die mit Vergewaltigungsopfern arbeiten, warnen seit Jahrzehnten, dass es strukturelle Probleme gibt, wo Frauen schlicht und einfach allein gelassen werden.“

Aber damit was passiert, muss sich jemand beim Staat zuständig fühlen. Wenn es um geschlechtsspezifische Gewalt geht, könnte man auf die Idee kommen, die Gleichstellungsministerien sind zuständig. Aber vielleicht auch das Gesundheitsministerium, wie ja im aktuellen Fall. Was ist mit Frauen mit Behinderung? Die sind überproportional oft von Gewalt betroffen. Die für Behinderung zuständigen Sozialministerien sagen: Das sollen die Frauenministerien machen, sie sollen Angebote finanzieren. Dort heißt es: Moment mal! Wir sind nicht für Behinderung zuständig!

bento: Wie löst man das Problem?

Katja Grieger: Wahrscheinlich nur durch mehr Aufmerksamkeit – damit sich Bund, Länder und Kommunen einig werden, wer wo Kosten trägt und wo wer für die Versorgung zuständig ist.

bento: Abgesehen von der medizinischen Versorgung: Wo macht es der Staat Betroffenen noch schwer?

Katja Grieger: Strafverfahren ziehen sich quälend lange hin. Wenn sich eine Frau entscheidet, eine Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen, kann es sein, dass es Jahre bis zum Prozess dauert. Bis der Prozess vorbei ist, wird ihr von Expertinnen und Experten geraten, soll sie keine therapeutische Aufarbeitung anstreben – weil sonst ihre Aussage vor Gericht therapeutisch verfremdet sei, so der Vorwurf. 

bento: Die Betroffene ist also nicht nur vor dem Gesetz allein, sondern währenddessen auch seelisch allein. Wenn Frauen bei dir um Rat bitten, was ist deren größte Sorge? Womit also kann der Staat am Ende wirklich weiterhelfen?

Katja Grieger: Frauen, die eine Vergewaltigung erfahren, haben ganz unterschiedliche Sorgen – manche können auch erst nach Jahren über die Erfahrung sprechen. Es braucht daher Anlaufstellen, die bedingungslos an der Seite der Betroffenen stehen, so wie wir. Und zwar in allem, was sie brauchen: Die eine Frau hat ihren Job aufgrund der psychischen Folgen der Gewalttat verloren? Dann kriegt sie Unterstützung bei der beruflichen Neuorientierung! Eine andere braucht Hilfe bei der Bewältigung ihrer Schlafstörungen? Dann kriegt sie die! Jede kriegt das, was für sie in dem Moment das ist, was sie braucht.


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