Bild: imago images / Westend61
Ein Kommentar

In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit. Aber was nützt die, wenn einem bei jedem Fehltritt die Sprachpolizei nachstellt? 63 Prozent der Deutschen denken so, deshalb diskutierten darüber in den vergangenen Wochen alle großen Medien:

Die Autorin Eva Marie Stegmann, die auch manchmal für bento schreibt, erklärte jetzt in der ZEIT: Sie gehört zu den 63 Prozent. Der Diskurs über die Frage "Was man heute noch sagen darf" sei ihr zu abgehoben. Wir sollten nachsichtig sein, wenn jemand ein falsches Wort benutzt – vielleicht habe er nicht studiert, komme vom Land, wisse es eben nicht besser.

Aufgemacht wurde der Artikel mit der Frage "Wie war noch mal das korrekte Wort?" und mit dem Bild von einem angedellten Schaumkuss: 

Im Text beschreibt Eva Marie Stegmann, wie sie zum ersten Mal in eine größere Stadt gezogen sei und im Bus gedacht habe: "Sind das viele Ausländer!" Die Debatte um Sprache ist ihrer Meinung nach ein Kampf der Milieus: "Intellektuelle gegen Arbeiter, Großstädte gegen Kleinstädte und Dörfer." "Eliten" schlügen mit ihren "rhetorischen Waffen auf Unbewaffnete" ein – die dann "ihr Kreuz bei der AfD" machen würden.

Ich verstehe die Autorin – und glaube, sie liegt falsch. Auf faire Sprache zu bestehen ist richtig. Fehltritte sind keine Frage des Milieus. Wenn sie uns passieren, sollten wir uns entschuldigen – nicht verteidigen.

Mit 15 fuhr ich auf eine Jugendfreizeit, alle kamen aus Berlin und Hamburg, ich kam aus der ostdeutschen Provinz. Beim Mittagessen sprach ich über einen anderen netten Teilnehmer. Ich kann mir keine Namen merken, aber er war der einzige dort, der offen schwul war. Also beschrieb ich ihn – mit einer homophoben Beleidigung, die zwei schwule Männer in einem Film für einander benutzt hatten. Ich wollte liberal und locker wirken, als wäre Schwulsein ganz normal, da wo ich herkomme.

Sofort herrschte eisige Stille am Tisch. Ich schämte mich. Ich hatte nichts gegen schwule Männer, ich wusste es nicht besser. Das ist egal: Meine Wortwahl war homophob.

Noch heute senkt sich ein Stein in meinen Magen, wenn ich an den Moment denke. Soziale Ablehnung kann sich exakt so anfühlen wie körperlicher Schmerz. Eine Studie im "Medizinjournal für Schmerz" hat das gerade bestätigt: Beide Empfindungen nehmen dieselben Nervenbahnen. (PubMed)

Schamgefühl in solchen Situationen ist richtig.

Soziales Fehlverhalten muss wehtun – denn so lernen wir. So verstehen wir mit drei Jahren, in sozialen Situationen keine Pipi-Kaka-Witze zu machen. So lernen wir mit fünf, nicht zu lügen und mit sieben, den Mathe-Lehrer nicht zu duzen.

Brechen wir diese Codes, duzen den Chef, nennen die Lehrerin "Mama" oder machen unangemessene Witze, fühlen wir uns schlecht. Wenn Erinnerungen mit Emotionen verbunden sind, bleiben sie länger, sagen Forscher (SPIEGEL). Deshalb sitze ich manchmal noch gedanklich am Tisch in der Jugendherberge, schäme mich – und achte in Zukunft lieber auf meine Worte.

Zum Glück saß der schwule Teilnehmer damals nicht mit am Tisch. Wenn es mir heute noch so geht – was hätte dieses eine Wort, gesagt im Unwissen, vielleicht bei ihm ausgelöst? Denn das ist die Macht, die solche Wörter haben. 

Zeit heilt alle N-, Z- und M-Wörter.

Der Kampf um sprachliche Deutungshoheit verläuft nicht zwischen "Elite" und "Arbeitern", er tobt zwischen gestern und heute. Sprache ändert sich, wenn sich Gewohnheiten ändern, sagt der Linguist Anatol Stefanowitsch. (SPIEGEL ONLINE)

In Mark Twains "Huckleberry Finn" kommt über 200 Mal das N-Wort vor. Im "Journal für englische Sprache" beschrieb eine Lehrerin, die das Buch auf dem Lehrplan hatte, wie viel mehr das ihre Schülerinnen verletzte und traf als sie selbst. Ältere Generationen sehen verletzende Begriffe immer lockerer als die jüngeren, schreibt sie.

Auf einer Familienfeier erzählte eine Großtante mir mal von einem Bekannten, der vermutlich am 17.5. geboren sei. Ich verstand nicht. Na, sagte sie, ein 175er eben. Dann senkte sie die Stimme, als spräche sie etwas Verbotenes aus: "schwul". Es hat einen Moment gedauert, bis ich die Homophobie verstand.

"175" bezog sich auf den Strafrechtsparagrafen, der noch bis 1994 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Dass das hinterhergeflüsterte Wort "schwul" nicht anrüchig, sondern politisch korrekt ist, wusste die Tante schlicht nicht. Sie meidet seither den beleidigenden Begriff – zumindest mir gegenüber. Kann sein, dass sie "175er" denkt, bevor sie "schwul" sagt. Aber immerhin wird niemand beleidigt. 

So funktioniert sozialer Fortschritt. Auch für Erwachsene ist angemessene Sprache ein Lernprozess.

Eva Marie Stegmann schreibt, wie froh sie ist, dass es Twitter noch nicht so lange gibt. Dass nicht auf ewig im Internet festgehalten ist, wie sie über "Ausländer" dachte. Online stehen unsere Fehler, Entgleisungen und Wissenslücken jedem zur Verfügung. Wir sind einem Tribunal aus Millionen Userinnen und Usern ausgesetzt. Immer ist jemand mit einem besseren moralischen Kompass unter ihnen, mit einem feineren Sinn für Konnotationen. Das kann Angst machen.

Die schwarze Autorin Loretta Ross schlägt deshalb vor, dass wir unsere Kritik besser verpacken. Statt einer "Call Out"-Kultur des öffentlichen Niedermachens für sprachliche Fehltritte, könnte ein "Call In" nützlich sein: Manche Fehler sollten besser im Zwiegespräch angesprochen werden. Andere müssen öffentlich gemacht werden – aber respektvoll. (New York Times)

Und das ist der andere Teil der Wahrheit: Welcher der Menschen in dem bayerischen Dorf, von denen Eva Marie schreibt, muss mit öffenlicher Demütigung für unbedachte Wortwahl rechnen? Wer wird angefeindet oder vorgeführt – außer denen, die eine Rolle in der Öffentlichkeit gewählt haben, und damit besondere Verantwortung tragen?

Die meisten bekommen, wenn sie statt Schaumkuss "Mohrenkopf" sagen, keinen Shitstorm. Ob sie das Wort nun unwissend oder böswillig gewählt haben. Sie bekommen keinen Besuch von der Sprachpolizei und die intellektuelle Elite klingelt nicht, um Selbstjustiz zu üben. Es merkt einfach niemand: Denn ihre Umgebung weiß es vielleicht auch nicht besser. Unbescholtene Bürger stehen nicht in der Gefahr, plötzlich überall als Rassisten beschimpft zu werden. Mit dieser Angst vor Verurteilung die Wahlentscheidung für die AfD zu erklären, ist fahrlässig. 

Die Unwissenden muss man abholen – da hat die Autorin recht. Wer nicht weiß, was an seiner Wortwahl verletzend war, muss fragen dürfen. Dann aber sollte er sich entschuldigen und die Verantwortung übernehmen. Und wir müssen das gelten lassen.

In genau diesem Moment zeigt sich auch: Hat jemand versehentlich verletzt und bereut – oder beharrt er auf seinem Recht, zu verletzen?

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Gerechtigkeit

Ehemaliger "Extinction Rebellion"-Aktivist: "Das kann den Eindruck einer Sekte erwecken"
Ein Interview über interne Strukturen und mangelnde Diskussionsbereitschaft der Bewegung

Die Umweltbewegung "Extinction Rebellion" (XR) möchte mit gewaltfreiem Ungehorsam auf die Klimakrise hinweisen – doch die Kritik an XR und ihrem Mitbegründer Roger Hallam wächst. In einem Interview mit der "Zeit" hatte Hallam den Holocaust als "fast normales Ereignis" in der Menschheitsgeschichte bezeichnet. Auf Facebook entschuldigte er sich später. (SPIEGEL)

Der deutsche Ableger von "Extinction Rebellion" (XR) distanzierte sich schnell von Hallam. Doch Kritik an der Bewegung hatte es bereits zuvor gegeben: Bei XR handele es sich um eine "esoterische Sekte" schrieb die ökolinke Jutta Ditfurth (SPIEGEL), die Kohlegegner von "Ende Gelände" kritisierten einen Fragebogen von "Extinction Rebellion" wegen mangelndem Datenschutz. Die gesammelten Daten wurden nach Angaben von XR anschließend gelöscht.