Bild: Kay Nietfeld/dpa
Und ob mit dem Sieg von "Saskia und Nowabo" nun die GroKo vor dem Aus steht.

Nach 152 Tagen kann sich die SPD nun wieder um Politik kümmern. Seit Anfang Juli hatten die Sozialdemokraten ein neues Vorsitzendenduo gesucht, erstmals nicht in Hinterzimmern, sondern unter Beteiligung aller Parteimitglieder. 

Nach einer bundesweiten Castingtour mit 23 Regionalkonferenzen und anfangs 17 Kandidatinnen und Kandidaten endete die Mitgliederbefragung am vergangenen Samstag mit einer Stichwahl.

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans bilden den neuen SPD-Spitze – das Team Klara Geywitz und Olaf Scholz unterlag.

Auf Esken und Walter-Borjans entfielen knapp 53 Prozent der Stimmen, das Duo Scholz/Geywitz holte 45 Prozent. Die Wahlbeteiligung in der SPD-Basis lag bei rund 54 Prozent (SPIEGEL). Esken, 58, sitzt seit 2013 für die SPD im Bundestag und gehört zum linken Flügel der Partei. Walter-Borjans, Spitzname "Nowabo", war von 2010 bis 2017 Finanzminister in NRW. 

Beide hatten im Parteiwahlkampf vor allem eine Botschaft: Weg von der GroKo! Wohl auch deshalb wurde das Team von den Jusos um Kevin Kühnert massiv unterstützt. Doch waren die Jusos wirklich die Königsmacher? Und reichen zwei neue Vorsitzende, um die SPD fit für junge Wählerinnen und Wähler zu machen? 

Wir haben junge SPD-Mitglieder gefragt, was sie sich von "Nowabo" und Saskia Esken erwarten – und was beide tunlichst vermeiden sollten. 

Fast alle sind sich einig, dass das neue Duo die bessere Wahl ist. Doch in der Frage, wie weit die Spitze der SPD nun nach links rückt – und ob die Partei in der GroKo bleiben soll – gehen die Meinungen auseinander.

Aygün Kilincsoy, 30, Bremen

"Ich habe mich sehr über das Ergebnis gefreut! Zwar auch wegen Saskia Esken und Norbert Walter-Bojans, aber vor allem, weil die Beteiligung der Basis dazu geführt hat, dass ein Ergebnis herauskam, das nicht alle bereits erwartet haben. 

„Das emotionale Auftreten aller im Wahlkampf hat auch gezeigt, dass die SPD keine unwichtige Splitterpartei ist, sondern eine Volkspartei, die gestalten möchte.“

Nun gilt es, den Kritikerinnen und Kritikern zu zeigen, dass wir nicht gespalten sind. Saskia und Norbert dürfen die 45 Prozent, die für Olaf und Klara gestimmt haben, nicht ignorieren. Sie müssen jetzt den schwierigen Spagat schaffen, ihre politische Zielrichtung einzuschlagen und gleichzeitig die gesamte SPD mitzunehmen. Ich bin mir sicher, sie werden das meistern. 

Es gibt jetzt viele Warnungen, die SPD habe sich selbst zwei komplett Unerfahrene gewählt – und damit den Untergang. Die Vorwürfe halte ich für absoluten Quatsch. Hätten sich die SPD-Mitglieder für das Team Klara und Olaf entschieden, hätte es geheißen: SPD-Mitglieder wählen 'Weiter so' und damit den unaufhörliche Untergang der SPD'. Wir, die SPD, dürfen uns von solchen hetzerischen Aussagen nicht verunsichern lassen."

Shari Kowalewski, 25, Lüdenscheid

"Ich habe die Verkündung daheim via Livestream verfolgt. Zuerst wurde das Ergebnis von Klara und Olaf verkündet – und da war mir schon klar, dass Saskia und Nowabo mehr als 50 Prozent geholt haben müssen. 

„Ich glaube schon, dass wir Jusos einen sehr großen Anteil am Sieg von Saskia und Nowabo haben!“

Klar, viele in der SPD haben sich für die beiden eingesetzt, aber wir Jusos haben die größte Kampagne aufgestellt. Es ist schön zu sehen, dass auch wir Jungen in der Partei Einfluss haben. Als es zuletzt darum ging, ob wir als SPD in die GroKo sollen, war uns das ja nicht gelungen.

Ob nun Saskia und Nowabo uns aus der GroKo führen, muss der Parteitag zeigen. Ich selbst bin unbedingt dafür, verstehe aber, dass viele Stimmen in der SPD in Einklang gebracht werden müssen. Ich traue dem neuen Vorstand zu, dass er das schafft. Beide sind keine crazy linken Quereinsteiger, sondern etablierte Politiker mit vielen Jahren Erfahrung.

Ihre wichtigste Aufgabe wird sein, der SPD ein neues Profil zu verschaffen. Sie sollten alle Flügel wahrnehmen, aber nicht zu sehr auf jeden eingehen, sonst wird unsere Partei irgendwann total beliebig. 

„Das Austarieren muss vorbei sein: Die SPD braucht wieder eine starke linke Linie.“

Manche fürchten, die Neuausrichtung könnte nun die Partei zerreißen. Das glaube ich aber nicht. Wir haben in der letzten Zeit so viele Zerreißproben überlebt, das halten wir nun auch aus. Ich erwarte einfach von allen, die das andere Team unterstützt haben, dass sie sich hinter dem neuen Vorsitz vereinen. So hätten wir Jusos es umgekehrt auch gemacht."

Kilian Wegner, 30, Berlin

(Bild: Kilian Wegner)

"Ich habe Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans gewählt, kann mich angesichts des knappen Ausgangs und der relativ geringen Beteiligung aber nicht uneingeschränkt über das Ergebnis freuen: Die Gefahr, dass die Partei sich in den kommenden Wochen über die Neuausrichtung vollständig zerstreitet, ist hoch.

Wenn sich alle zusammenreißen, birgt die Situation aber auch große Chancen. Denn die zahlreichen Basiskonferenzen im Vorfeld des Mitgliederentscheids haben gezeigt, dass bei aller Differenz doch große Einigkeit bei den wichtigen politischen Grundsatzfragen besteht: Alle Kandidatinnen und Kandidaten haben zu Recht einen höheren Mindestlohn, stärkere Tariflöhne und die Schaffung eines solidarischen Sozialversicherungssystems verlangt.

„Wenn sich die SPD jetzt hinter diesen Kernpunkten ohne Wenn und Aber versammelt, ist in den nächsten Monaten alles möglich.“

Ist die Wahl nun das Aus für die GroKo? Nein, die Entscheidung darüber trifft wie vereinbart der Parteitag – das ist mit der Frage über den Vorstand für mich überhaupt nicht verknüpft. Wenn die Union bereit ist, wie in den vergangenen letzten Monaten  – Stichworte Respektrente, Pflegekostendeckel, Mindestausbildungsvergütung – konstruktiv weiterzuarbeiten, bin ich für eine Fortführung der Koalition. Nowabo und Saskia Esken sollten dann aber für den Rest der Regierungszeit ein Maximum an sozialdemokratischen Forderungen umsetzen."

Lilly Blaudszun, 18, Frankfurt (Oder)

"Saskia und Norbert haben die Basis mit ihrem linken Programm und klaren Positionen überzeugt. Sie stehen eng an der Seite der Jusos, die seit Jahren in der SPD für linkere Politik streiten. Der Sieg ist vor allem ein Sieg für progressive Politik.

„Wir kehren uns von der Politik des 'Weiter so' ab und schauen mutig links in die Zukunft.“

Dafür haben wir mit Saskia und Norbert jetzt die richtigen Menschen an der Spitze.

Ich erwarte von dem Duo, dass es die Partei solidarisch führt und im Prozess der inhaltlichen Erneuerung weiterhin Impulse setzt und Debatten zulässt. Wichtig ist, dass alle Mitglieder eingebunden werden – auch die, die sich in den vergangenen Wochen für ein anderes Team ausgesprochen haben. Die Linkswende in der SPD ist Basis für unsere Zukunft, aber sie kann uns nur gemeinsam gelingen."

Hinweis: In einer früheren Version hieß es zunächst, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans "bildeten den neuen Vorstand". Richtigerweise handelt es sich jedoch nur um den Vorsitz der Partei. Wir haben die Formulierung entsprechend geändert.


Fühlen

Was macht es mit Freundschaften, wenn beide sehr unterschiedlich verdienen?
Eine Expertin erklärt, wie man trotzdem befreundet bleibt.

Es ist Freitagabend, Monatsende. Marwin würde gerne essen gehen und danach ins Kino. Seine Freunde sind allerdings pleite. Also zahlt Marvin. Denn er verdient viel mehr als sie.

Auch Franziska geht mit Freunden aus. Sie bestellt nur einen Kaffee, während die anderen essen. In ihrem Freundeskreis ist sie diejenige, die weniger Geld hat.

Wenn sich nach der Schulzeit Lebens- und Ausbildungswege unterscheiden, wird Geld in vielen Freundschaften auf einmal zu einem Thema. Und manchmal zur Belastungsprobe.

Marwin lebt in Kiel und arbeitet als Soldat auf Zeit bei der Marine. Vier Jahre wird er dort noch bleiben, später würde der 22-Jährige gerne als Pädagoge mit Jugendlichen zusammenarbeiten. Bis dahin verdient er viel Geld – zumindest, wenn man sein Einkommen mit dem seiner Freunde vergleicht. "Als Soldat bekomme ich im Monat 1900 Euro netto. Das sind 1000 Euro mehr, als mein Mitbewohner zur Verfügung hat. Das ist schon ein großer Unterschied", sagt Marwin.

Bei Franziska lief es andersherum. Die 26-Jährige aus Nürnberg hat nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten gemacht und hatte danach jeden Monat etwa 1300 Euro zur Verfügung. Dann entschloss sie sich dazu, ihr Abitur nachzuholen, um Zahnmedizin zu studieren. Plötzlich hatte sie kein Einkommen mehr, bekam erst Geld von ihrer Mutter, später 700 Euro Bafög.

"Als Vollzeitkraft hatte ich keine Einschränkungen. Ich konnte mit Freunden feiern, essen oder shoppen gehen, ohne mir Gedanken zu machen." Dann verdienten ihre Freunde plötzlich 1000-2000 Euro mehr im Monat als sie.

Ein deutlicher Unterschied.