Bild: dpa, Juso, privat; Montage: bento
Und was sie ihrer Partei zu sagen haben.

Die SPD braucht eine neue Führung. Am Sonntag hat Andrea Nahles ihren Rückzug angekündigt – sie gibt sowohl den SPD- als auch den Fraktionsvorsitz im Bundestag ab. 

Den Übergang sollen Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel managen – alle drei stellten direkt am Montag klar: Keiner von ihnen werde sich dauerhaft auf den Chefposten bewerben (SPIEGEL ONLINE). 

Die Suche nach einer neuen Spitze fällt bei der SPD nun zusammen mit der Suche nach sich selbst. 

In den Umfragen liegt die einstige Volkspartei schon länger unter 20 Prozent, zu jungen Wählerinnen und Wählern fehlt der Anschluss. Bei der Europawahl stimmten nur sieben Prozent der Erstwähler für die SPD (bento). Vor allem die Parteijugend sagt schon länger: Wenn wir nicht klären können, wofür wir stehen, stehen wir bald für gar nichts mehr.

Wer soll nun die kriselnde SPD führen? Und was wird aus der GroKo? Das haben wir junge Parteimitglieder gefragt.

Tiemo Wölken, 33, sitzt für die SPD im Europaparlament

(Bild: Juso Bundesverband)

"Ich finde es gut, dass sich heute ein Führungstrio für den Übergang gefunden hat und wir uns jetzt die Zeit nehmen können, die Partei neu aufzustellen. Wir dürfen nichts überstürzen. Die Probleme der SPD sitzen zu tief, als dass sie mit ein paar neuen Köpfen an der Spitze behoben wären. Es muss vor allem um Inhalte gehen und danach erst um die Personen, die das glaubwürdig vertreten können. 

Es muss deutlich werden, dass wir das Leben von Menschen verbessern wollen, die im Dienstleistungssektor unter prekären Bedingungen schuften. Außerdem würde ich mich darüber freuen, wenn wir im neuen Vorstandsteam auch Menschen hätten, die soziale Medien nicht als Neuland verstehen, sondern als Kommunikationsform der Zukunft. 

Ich persönlich wünsche mir vor allem im digitalen Bereich eine Neuausrichtung der Partei.
Tiemo Wölken

Wir dürfen uns nicht länger von den großen Digitalkonzernen auf der Nase herumtanzen lassen, sondern brauchen Transparenz und konsequente Besteuerung. 

Außerdem brauchen Auszubildende eine Mindestvergütung, von der sie leben können. Wir brauchen einen Mindestlohn von mindestens zwölf Euro.Und wir müssen die die Vermögenden in diesem Land wieder stärker zur Verantwortung ziehen, weil Verteilungsgerechtigkeit essenziell für das Zusammenhalten einer Gesellschaft ist.

Nahles' Rücktritt hat mich zu diesem Zeitpunkt überrascht. Dieser Schritt verdient großen Respekt. Sie nimmt damit die Verantwortung für die heftigen Wahlniederlagen in Europa und Bremen auf sich. Obwohl ganz klar ist, dass nicht sie alleine schuld daran ist. Parteiintern lief in letzter Zeit eine sehr zugespitzte Debatte, die sich an der Person Nahles aufgehangen hat. Das war unfair, sie hat die große Koalition schließlich nicht alleine beschlossen. 

Die GroKo muss jetzt endlich liefern. Wenn sie kein Klimaschutzgesetz hinbekommt, das die Einhaltung des Pariser Abkommens sicherstellt, braucht es diese Koalition nicht mehr. Bis zur vereinbarten Halbzeitrevision im Herbst müssen Ergebnisse her."

Lilly Blaudszun, 17, stellvertretende Juso-Vorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern

(Bild: Privat)

"Aktuell herrscht in der Partei ein indiskutabler menschlicher Umgang. Andrea Nahles hat nicht alles richtig gemacht, aber die Art, wie mit ihr umgegangen wurde, ist nicht gerecht. 

Von einer neuen Parteiführung wünsche ich mir, dass wir die gesamte Gesellschaft abbilden – weg von alten Protagonisten, die seit Jahren den Kurs der Partei bestimmen und hin zu jenen, die die neue SPD glaubhaft verkörpern können. Außerdem brauchen wir sowohl für das Land, als auch für die SPD einen Aufbruch, weshalb ich auch für die Auflösung der Großen Koalition bin. 

Wir sehen, dass die GroKo keine ausreichenden Antworten auf Fragen wie den Klimaschutz oder die Digitalisierung liefert. Gleichzeitig verblasst die SPD immer weiter. Also müssen wir definitiv mutiger werden. Die SPD verliert sich im Klein-klein, wir bleiben viel zu oft bei Detailfragen stehen, statt nach vorne zu gehen. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr über grundsätzliche Fragen reden – wie beispielsweise die Diskussion um den Kapitalismus. 

Wir dürfen keine Angst davor haben, anzuecken.
Lilly Blaudszun

Persönlich wünsche ich mir vor allem, dass die SPD wieder linker wird und sich wieder zum demokratischen Sozialismus bekennt. Die Diskussion darum darf kein Tabu-Thema sein. Wir brauchen zudem neue und mutigere Positionen in den Bereichen Klimaschutz und Digitalisierung, das haben wir in den letzten Jahren einfach verschlafen."

Nils Heisterhagen, 31, SPD-Mitglied und Autor des Buchs "Die liberale Illusion"

(Bild: Frank May/dpa)

"Das Ende von Andrea Nahles mag menschlich bedauerlich sein, aber es war unumgänglich. 

Das ist im Sport ja auch so: Wenn der Trainer nicht liefert, muss er ausgewechselt werden.
Nils Heisterhagen

Es geht auch nicht nur um sie, sondern nun um die Existenz der SPD. Ich wünsche mir deshalb, dass es eine Erneuerung von unten nach oben gibt. Wir brauchen einen breiten Wettbewerb um Ideen. Ich könnte mir eine Urwahl gut vorstellen. Bei der Gelegenheit könnte man auch gleich entscheiden, wer aus der Partei als nächstes für die Kanzlerschaft kandidiert. 

Die SPD braucht nicht nur eine personelle, sondern auch eine inhaltliche Erneuerung. Ich plädiere schon seit langem für einen linken Realismus. Wir dürfen nicht länger Robert Habeck hinterherlaufen, sondern müssen eigene Ideen entwickeln. Die Grünen bedienen bislang nur ein diffuses Gefühl. Wir könnten die Partei sein, die einen "Green New Deal" konkret macht. Ich will zum Beispiel, dass wir in den Kohlegebieten Universitäten ausbauen und neue Forschungszentren errichten. Die SPD sollte eine Partei sein, die Technik nicht ablehnt, sondern unterstützt. 

Wir sollten allgemein eine neue Industriepolitik entwickeln, die Wirtschaft und Klimaschutz unter einen Hut bringt. Da sehe ich bislang leider fast nichts. Deutschland braucht die SPD. Davon bin ich überzeugt. Wir brauchen auch mehr Kapitalismuskritik. Den Kapitalismus können wir aber nicht überwinden und den Sozialismus will ich nicht, auch wenn ich links bin. Wir sollten nicht BMW kollektivieren wollen, sondern lieber über eine höhere Erbschaftssteuer nachdenken. Und natürlich über Finanzmarktregulierung.

Ich wünsche mir deshalb, dass unsere Parteizentrale zu einer Art Think Tank wird, der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Gewerkschaftsmitglieder und sonstige Experten zusammenbringt.
Nils Heisterhagen

Wir sollten vor allem am Ende selbstbewusst unsere Forderungen stellen. Wenn das in der Groko nicht möglich ist, muss man sie verlassen. Allerdings wird sich die Konjunktur bald eintrüben. Eine SPD mit linker Wirtschaftskompetenz hätte da auch in der Groko eine Chance. Gewiss ist: So dröge wie sie jetzt ist, hat sie keine Chance. Die SPD muss kämpfen. Oder sie wird bedeutungslos."

Elisabeth Kaiser, 31 Jahre, sitzt für die SPD im Bundestag

"Die SPD kann und muss jetzt erst mal durchatmen – und das neue Trio ist dafür genau richtig. Ich finde gut, dass alle drei gesagt haben, dass sie nur den Übergang für eine neue SPD bereiten wollen und nicht selbst den Parteivorsitz anstreben. Denn was wir jetzt nicht brauchen, ist neues Postengeschacher. 

Für den Neuanfang wünsche ich mir eine Doppelspitze, die eine ganz neue Ansprache findet, sowohl an unsere Wählerinnen und Wähler als auch an die Partei selbst. Die SPD muss ein neues Vertrauen in sich entwickeln.

Die Zeit des verkopften Machtgehabes soll bitte endlich vorbei sein.
Elisabeth Kaiser

Was ich damit meine? Die neue SPD sollte die Schröders mit ihrer Basta-Politik oder Gabriels, die noch von der Seitenlinie Sprüche bringen, überwinden. Bisher benutzten wir zu viele abstrakte Worthülsen, wenn es eigentlich um konkrete Politik ging. Floskeln wie "an den Stellschrauben drehen" will ich aber künftig nicht mehr hören.

Gerade bei der Klimapolitik haben wir viele gute Ideen, aber bringen sie kaum nach außen. Auch in der Sozialpolitik und beim Strukturwandel können wir mehr. Vielleicht hilft es uns, wenn wir zur Abwechslung mal nicht mehr zuerst über das neue Personal reden, sondern über unsere wichtigsten Themen – und dann die Köpfe finden, die diese am glaubwürdigsten repräsentieren.

Und eine Frage, die wir uns jetzt auch stellen müssen: Wie offen können wir eine Erneuerung der SPD in der GroKo angehen? Ich glaube, es ist kaum möglich, eine Zukunftsdebatte anzuregen, die auch bei den Wählerinnen und Wählern gehört wird, ohne dabei unseren Koalitionspartner vor den Kopf zu stoßen. Und dann frage ich mich natürlich, ob und wie lange wir die Regierung überhaupt am Leben halten wollen. 

Bisher fordern wir als SPD das eine, handeln dann aber als Regierungspartei im Sinne des anderen.
Elisabeth Kaiser

Oftmals denken wir schon in Kompromissen. Dieser Spagat zerrt enorm an unserer Glaubwürdigkeit. Wenn wir also in den kommenden Monaten innerhalb der Regierung unsere Ideen nicht durchsetzen können, dann sorry, dann müssen wir da raus."


Gerechtigkeit

Die YouTube-Strategie der Neuen Rechten: Das steckt hinter dem Kanal von zwei Identitären
Folge 2: #NachDenRechtenSehen

Keine Partei ist im Netz so erfolgreich wie die AfD. Den Rechtspopulisten gelingt das mit emotionalen Behauptungen und möglichst provokanten Statements, kurz: mit Gefühlen statt Fakten. 

Damit ist die AfD nicht allein. Im Netz können alle zu Medienschaffenden werden. Neurechte Bewegungen fallen oft durch besonders professionell gestaltete und durchdachte Internetauftritte auf. Prominentes Beispiel dafür sind die Identitären und das rechte Spendennetzwerk "Einprozent". Diese Angebote ziehen besonders bei jüngeren Nutzern.

Wer eines der provokant und professionell gestalteten Videos anklickt, dem werden weitere vorgeschlagen. Wer einen Kanal likt, dem werden weitere zum Abo angeboten – rasch kann so jeder im Netz in eine eigene rechte Filterblase rutschen.

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