Alexander ist 18 und aus Bayern. Warum er dennoch in der SPD ist und wie es jetzt weitergehen soll.

Wenn seine Freunde feiern gehen, sitzt Alexander Roth oft noch in Sitzungen. Der 18-jährige Abiturient aus Regensburg ist Juso und SPD-Mitglied. Auf dem SPD-Parteitag in Berlin am Wochenende ist Alexander der jüngste Delegierte. Der älteste Genosse ist 84. Im kommenden Jahr will Alexander für die Kommunalwahl kandidieren und in seiner Heimatstadt ein BWL-Studium beginnen.

Im Interview erklärt Alexander, wie viele Parteivorsitzende er schon erlebt hat, warum die Jusos aus seiner Sicht kein Kevin-Kühnert-Fanclub sind und was seine Freunde über sein Engagement sagen.

Alexander Roth, 18, ist der jüngste Delegierte auf dem SPD-Parteitag. Er ist für die neuen Vorsitzenden, hat aber keine Angst vor der GroKo. "Man kennt doch Angela Merkel", sagt er.

(Bild: bento/Jan Petter)

bento: Du entscheidest an diesem Wochenende als einer von 600 Delegierten über die neue Parteispitze. Weißt du eigentlich noch, wie viele Vorsitzende die SPD verschlissen hat, seitdem du dabei bist?

Alexander: Der erste war Martin Schulz, dann kam Andrea Nahles... (überlegt) Die Übergangsvorsitzenden zähle ich mal nicht mit. Ich bin seit Anfang 2017 dabei – also müssten es jetzt zwei bis sechs sein, je nach Zählung. Auf jeden Fall aber zu viele.

Glaubst du, dass Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans das ändern können?

Die beiden kommen von außen und sind unabhängig von alten Seilschaften. Deshalb glaube ich schon, dass sie nicht in solchen Zwängen stecken wie ihre Vorgänger. Der Mitgliederentscheid hat gezeigt, dass sie eine eigene Mehrheit in der Partei haben. Dagegen kann man sich nicht so leicht stellen, hoffe ich.

Was muss die SPD künftig anders machen?

Wir dürfen nicht mehr nach allem greifen, was vermeintlich etwas Zustimmung bringt oder wie ein guter Kompromiss aussieht. Ich glaube, der bisherigen Parteispitze war oft nicht bewusst, was sie da beschließt. Das Geordnete-Rückkehr-Gesetz ist so ein Beispiel. Unsere Spitze dachte wohl, das sei ein guter Deal. Dabei entwürdigt es Menschen und macht alles noch schlimmer. 

Da wäre es mir lieber, dass wir mal auf einen kleinen Erfolg verzichten und dafür keinen faulen Kompromiss unterstützen müssen. Wir sollten uns öfter an unsere Grundwerte erinnern: Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Wer sie ernstnimmt, weiß eigentlich, was zu tun ist.

Geht das, wenn die SPD weiter in der Großen Koalition bleibt?

Ich verstehe die Aufregung um die GroKo nicht. Man kennt doch Angela Merkel. Sie würde vermutlich fast alles mitmachen, um im Amt zu bleiben.

Das heißt, du willst in der Groko bleiben?

Es wäre blöd, aus dem Nichts die Reißleine zu ziehen. Wir müssen die SPD erneuern, aber wir brauchen beides, Regierung und Partei. Mit Andrea Nahles und Olaf Scholz war die Erneuerung schwierig, weil sie so lange in der Parteiführung waren. Unsere neuen Vorsitzenden sind nicht in der Regierung, sie können sich leichter um die SPD kümmern und neue Forderungen durchsetzen.

Alexander Roth fühlt sich als jüngster Delegierter auf dem Parteitag nicht immer ernstgenommen, sagt aber auch: "Das ist nicht wie bei House of Cards."

(Bild: Wolfgang Kumm/dpa)

Was muss sich verändern?

Die Strukturen in der SPD sind nicht durchlässig. Ich bin der jüngste Delegierte auf dem Parteitag und kenne viele junge Mitglieder, die nicht gewählt wurden, weil in ihrem Landkreis nur alte Leute sind.

Wenn man auf dem Parteitag eine Rede hält, kommen danach oft ältere Genossen und loben: Oh, du wirkst viel älter. Das ist kein Kompliment für mich. Ich finde, solche Sprüche werten junge Menschen schon ab. Das geht leider vielen Jusos vielen so.

Und inhaltlich?

Wir sollten "Fridays for Future" ernstnehmen. Ich wünsche mir ein neues Grundsatzprogramm, das den Klimaschutz wirklich ernstnimmt. Wir brauchen bis 2035 auf jeden Fall Netto-Null. Keine neuen Emmissionen. Ich finde, die SPD könnte dafür sorgen, dass das wirklich klappt. 

Auch in der Diskussion um die Zukunft der Arbeitswelt muss sich was tun. 

„Wir reden oft wie Anfang des 20. Jahrhunderts.“
Alexander über das Programm der SPD

Aber meine Generation macht heute keine Ausbildung mit 16 und arbeitet dann bis 65 durch. Es gibt viele Abzweigungen im Leben. Wenn wir uns ehrenamtlich engagieren, sollte das bei der Rente berücksichtigt werden, finde ich zum Beispiel.

Wie muss man sich den Parteitag vorstellen? Sitzt du einfach drei Tage lang von morgens bis abends auf deinem Platz und hebst ab und zu die Stimmkarte?

Der Tag beginnt morgens mit mehreren Vorbesprechungen. Wir Delegierte aus Bayern, der linke Flügel und schließlich die offizielle Juso-Besprechung. Danach treffe ich mich oft noch mit weiteren Leuten, außerdem schreiben wir viel auf Whatsapp. Bei den Treffen erfährt man, wen andere Genossen gut finden und welche Anträge wichtig sind. Niemand kennt ja alle, deshalb helfen wir uns gegenseitig.

„Das ist nicht wie bei House of Cards. Es gibt keinen Einpeitscher, der uns sagt, wen wir zu wählen haben.“
Alexander über Absprachen auf dem Parteitag

Bei der SPD vielleicht noch eher, aber bei den Jusos nicht. Wir bekamen sogar extra noch eine Nachricht von Kevin Kühnert, dass alle geheim wählen und sich niemand bedrängt fühlen soll. 

Wenn der Parteitag morgens mit Grußworten beginnt, ist meine Aufmerksamkeit noch hoch. Aber am Mittag und Nachmittag gehe ich auch raus, esse mal was und laufe ein bisschen rum. Dabei treffe ich wieder Leute von den Jusos oder von der SPD, mit den ich mich austausche und diskutiere. Viele sind inzwischen Freunde. Ich sitze aber schon 80 Prozent der Zeit in der Halle, würde ich sagen.

Was sagen deine Freunde, die nicht in der SPD sind, dazu? 

Manche finden es spannend, andere machen Witze. Als am Freitag Freunde fragten, ob ich mit Ihnen feiern gehe, musste ich absagen. Da gabs dann schon nen blöden Spruch. In der Schule wurde ich aber auch oft angesprochen, weil Leute wussten, dass sie mit mir über Politik reden können.

Juso-Chef Kevin Kühnert gilt als eines der größten Talente der SPD. Ein Fanclub will die Jugendorganisation dennoch nicht sein: "Kevin kriegt auch mal Kontra."

(Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Die Jusos hatten beim Mitgliedervotum eine zentrale Rolle, seit Freitag ist der Juso-Chef auch stellvertretender Vorsitzender der SPD. Sind die Jusos jetzt ein Kevin-Kühnert-Fanclub?

Gar nicht. Gestern Abend waren wir was trinken mit den bayerischen Delegierten, da kam Kevin auch vorbei. Er ist über die verschiedenen Partys getourt, um sich zu bedanken. Ich bin dann zu ihm gegangen und habe ihm gesagt, dass ich es nicht gut fand, dass es plötzlich fünf statt drei Stellvertreter gibt. Kevin kriegt auch mal Kontra. Wir mögen ihn ja nicht, weil er der Kevin ist, sondern weil er unsere Positionen gut vertritt. Andere Jusos, die eher konservativ sind, sehen ihn aber auch kritisch.

Was machst du, wenn du nicht auf Parteitagen bist?

Ich treffe Freunde oder gehe ins Kino. Aber die Jusos nehmen schon viel Zeit ein.

„Die Jusos nehmen schon viel Zeit ein. Manchmal sind es 20 Stunden pro Woche.“
Alexander über seine Freizeit

Jetzt arbeite ich wegen des Kommunalwahlkampfs auch für die Partei. Da ist es noch mehr.

Du kommst aus Bayern, wo es die Sozialdemokratie traditionell besonders schwierig hat. Was hat dich motiviert, dort für die SPD aktiv zu werden?

Wer in Regensburg aufwuchs und progressiv war, musste damals zur SPD. Daneben gab es nur noch die CSU. Wir hatten lange keine Jusos bei uns und haben das in den vergangenen Jahren wieder aufgebaut. Das war harte Arbeit. Wir klingelten bei vielen Leuten, suchten neue Kontakte und organisierten Veranstaltungen. Jetzt haben wir hier 25 aktive Leute und zwölf von uns kandidieren für den Kreistag. Das zeigt doch, dass man auch mit schlechtem Image was erreichen kann. Sogar in Bayern.


Style

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