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"Ich stand dieses Jahr einige Male kurz vor dem Parteiaustritt."

Als der Schulz-Zug noch rollte, traten Max, 26, und Sude, 18, in die SPD ein. Sie hofften auf eine gerechtere Politik für Benachteiligte in Deutschland. Sie bekamen: eine überforderte Parteispitze, verlorene Landtagswahlen und weniger Zustimmung als die AfD. Max und Sude sind trotzdem Mitglieder geblieben.

Wie fühlt sich das an, wenn die Euphorie verflogen ist, man seine Freizeit plötzlich für die SPD aufopfert, aber aus der Volks- eine Randpartei wird? Max und Sude erleben das gerade. Sude sagt, sie habe schon mehrmals darüber nachgedacht, wieder auszutreten.

Warum trotzdem beide weiterkämpfen, erzählen sie hier:

Max...

Max, 26

(Bild: Privat)

...studiert in Bonn Mathematik und Volkswirtschaft. An der SPD begeistert ihn, dass dort Menschen mit ganz unterschiedlichen Biografien, aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und kulturellen Hintergründen zusammenkommen. Er will Gerechtigkeit und eine linkere Partei, die nicht immer näher an CDU und CSU heranrückt. Mietpreisbremse und Mindestlohn hörten sich für Max hoffnungsvoll an – aber "zur wirklichen Lösung von sozialen Verwerfungen sind sie unwirksam", sagt er. Max will daran arbeiten, es besser zu machen.

"Im NRW- und Bundestagswahlkampf zog ich noch von Haustür zu Haustür, klebte Plakate, sprach mit Leuten. Ich habe zum Beispiel die Bürgerversicherung angepriesen. Immer wieder bekam ich zu hören: Warum macht ihr das nicht schon längst – ihr seid doch schon seit zwölf Jahren an der Macht? Ich konnte dann nur antworten: Ich bin erst seit Kurzem in der Partei und Martin Schulz wird es besser machen. Das habe ich zumindest damals gedacht.

Es war ein Jahr voller Enttäuschungen.

Ich verstehe einfach nicht, warum die Große Koalition weiter bestehen bleibt. Die SPD steuert planlos umher, dabei könnte sie eine so fortschrittliche Partei sein. Jetzt will ich beim Erneuerungsprozess dabei sein. Kürzlich haben wir Jusos uns in Berlin getroffen, um Ideen für eine linkere, gerechtere Wirtschaftspolitik zu sammeln. Gemeinsam für Ideen zu kämpfen, motiviert mich, doch weiterzumachen. Ich fühle mich nicht so allein, weil die anderen genauso energisch einerseits und frustriert andererseits sind.

Auch in der Kommunalpolitik macht es super viel Spaß, sich für wichtige Dinge einzusetzen. In Bonn ging es kürzlich darum, ob Stadtteilbäder schließen müssen und ein neues Zentralbad entstehen soll. Wir haben dagegen gekämpft – und es geschafft. Mit Leuten auf der Straße darüber zu diskutieren und sie zu überzeugen ist ein großartiges Gefühl.

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Ich habe darüber nachgedacht, ob vielleicht doch eine andere Partei eher zu mir passt – aber jetzt zu wechseln, finde ich zu früh. Ich will mich einbringen, was verändern. In Großbritannien hat die Labour Partei es auch geschafft, sich zu erneuern.

Ich glaube, was mich am meisten innerhalb der Partei frustriert, ist, dass man von der Parteizentrale kein Feedback auf seine Ideen bekommt – man schreibt einen Antrag und der verschwindet dann auf Nimmerwiedersehen. Wir sind die Generation Social Media und daran gewöhnt, dass wir immer ganz schnell Feedback bekommen. Die Partei muss transparenter arbeiten. 

Bei mir hat das eine "Jetzt-erst-recht"-Haltung ausgelöst, resignieren und aufgeben bringt nichts. Die Partei muss sich grundlegend verändern."

Die SPD seit der Bundestagswahl

Bundestagswahl im September 2017: Die SPD bekommt 20,5 Prozent der Stimmen – ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Bundestagswahl überhaupt.

Landtagswahl Niedersachsen im Oktober 2017: Die SPD gewinnt die Wahl und reagiert auch dort zusammen mit der CDU.

Sonderparteitag der SPD im Januar 2018: Nur 56,4 Prozent der Delegierten stimmen für die Aufnahme der Koalitionsverhandlungen mit der Union.

Sonderparteitag der SPD im April: Andrea Nahles wird mit nur 66 Prozent der Delegiertenstimmen zur Vorsitzenden gewählt – das zweitschlechteste Ergebnis für den Parteivoritz in der Geschichte.

Wahlumfragen im Sommer 2018: Die AfD und die SPD sind bei vielen Umfragen gleich auf – einige sehen die AfD vorne.

Landtagswahl in Bayern im Oktober: Die SPD erhält 9,7 Prozent der Stimmen – das schlechteste Ergebnis bei einer Landtagswahl überhaupt. 

Sude...

Sude, 18

(Bild: Privat)

...hat sich für die SPD entschieden, weil sie wie die Partei für Chancengleichheit kämpft. Sie ist die erste in ihrer Familie, die studiert. Ihre Familie hat einen Migrationshintergrund. Sie weiß, was für einen Unterschied das noch immer macht: Als sie die Zusage für einen Studienplatz an einer Eliteuniversität in London hatte, sagte ihre Akademiker-Freunde: "Probier es doch einfach aus, sonst kommst du einfach zurück." Doch Sude ging nicht: "Meine Familie und ich sind nicht in der Lage, die Kosten zu tragen. Ob ich ein Stipendium bekommen hätte, konnte ich noch nicht sagen. Ich habe meinen Platz abgetreten." Weil es anderen anders ergehen soll, ist auch sie jetzt in der SPD.

"Ich bin Martin Schulz immer noch dankbar dafür, dass er mir den Anstoß gegeben hat, politisch zu werden. Die Rede von Schulz kürzlich im Bundestag hat mich wieder beeindruckt: wie er sich als Antifaschist an die AfD gerichtet hat. Klar, er hat falsche Entscheidungen getroffen, aber er ist immer noch ein wichtiges Mitglied, das Leute mitreißen kann. Er zeigte mir, dass eine schwere Geschichte – er war zeitweise arbeitslos, alkoholabhängig – nicht bedeutet, dass es immer schwer bleiben muss.

Ich stand dieses Jahr einige Male kurz vorm Parteiaustritt und ich weiß, dass es nicht nur mir so geht. Ich kenne einen 90-jährigen Genossen, der über 60 Jahre in der Partei war und dieses Jahr damit drohte, aufhören zu wollen. Das hinterließ Eindruck. Wiederum war es auch ein Grund für mich, in der Partei zu bleiben.

Wenn ich etwas gestalten will – und das ist vor allem auf kommunaler und Landesebene möglich – dann muss ich in der Partei bleiben, dann bringt es mir nichts von Außen zu kritisieren.

Was mich stört, ist, dass Andrea Nahles offenbar die Umfragewerte missinterpretiert. Man hat doch gesehen: Als Nahles sich klar gegen Maaßen positionierte, fielen die Umfragewerte der AfD und die der SPD stiegen. Nach dem desaströsen Ergebnis der Maaßen-Verhandlung waren wir wieder unten und die AfD die zweitstärkste Partei.

Noch schlimmer als die schlechten Ergebnisse für die SPD finde ich, dass die AfD bei der Bundestagswahl die drittstärkste Kraft geworden ist. Und dass Populismus in Deutschland offenbar faszinierender ist als die ernsthafte Diskussion über wichtige Themen – über Lösungsansätze, die auf mehr hinauslaufen als die Migranten sind Schuld.

Was mich wirklich stört, ist, dass Nahles und große Teile der Parteispitze nicht verstehen wollen, dass wir uns als linke Partei profilieren müssen und dass wir klare Kante gegen Rechts zeigen müssen – gegen Faschismus, gegen soziale Ungerechtigkeit.

Ich bin bei den Jusos aktiv und in Münster stellvertretende SPD-Ortsvereinsvorsitzende. Momentan bin ich dort Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit und betreue zum Beispiel unsere Internetpräsenz. Ich merke schon, dass ich sehr viel weniger Freizeit habe, seit ich in die SPD eingetreten bin, manchmal beschäftige ich mich sechs, sieben Stunden in der Woche nur damit.

Einer von vielen schönen Momenten in diesem Jahr, in denen den Zusammenhalt richtig gepürt habe: Zwei Tage vor dem großen Demo-Konzert sind wir nach Chemnitz gefahren. Die NRW-Jusos hatten das organisiert. Diese Gruppendynamik – das hat mich total begeistert, wir haben so viel geredet. Manche kannten sich erst zwei Stunden.

Zu Wissen, dass man Rückhalt hat, dass man in einer Gruppe Gleichgesinnter ist und dass man auf den Zusammenhalt untereinander vertrauen kann, gibt einem durchaus Mut, vorallem aber auch ein stärkeres Selbstbewusstsein."


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Eine Rolltreppe geriet außer Kontrolle und hat in Rom 20 Menschen verletzt
Einem Verletzten mussten Teile seines Beines amputiert werden. Drei Fragen und Antworten zu dem Unglück

Was ist passiert?

20 Menschen sind am Dienstagabend bei einem Unglück in einer U-Bahn-Station in Rom verletzt worden. Eine Rolltreppe geriet außer Kontrolle, Menschen stürzten und wurden eingeklemmt, wie auf Videos bei Twitter zu sehen ist. Der Vorfall ereignete sich kurz vor einem Vorrundenspiel in der Champions League AS Rom gegen ZSKA Moskau. 

Die Aufnahmen zeigen, wie die Rolltreppe in der Station Repubblica Fahrt aufnimmt und ungebremst dem Boden entgegenrast. Während einige Menschen versuchen, sich über den Handlauf zu retten, rutschen im unteren Teil der Treppe Fahrgäste aufeinander. Einige von ihnen werden in den Treppenelementen eingeklemmt.