Der Dortmunder Unternehmer Daoud Kremer, 31, bietet Muslimen korankompatible Finanzprodukte an

Als er sich für seine Banklehre entschied, hieß er noch David, damals trank er noch Alkohol und rauchte. Heute heißt er Daoud Kremer, ist 31 Jahre alt, trägt ein graues Hemd, ordentlich gegelte kurze Haare, einen mittellangen schwarzen Bart – und er ist Gründer von "My Islamic Finance", ein islamischer Finanzdienstleister.

Was Daoud Kremer anbietet, haben muslimische Gelehrte als islamkonform zertifiziert. Dabei stützen sich die Entscheider auf den Koran und auf religiöse Überlieferungen – haben aber auch wirtschaftswissenschaftliche Qualifikationen, wie Kremer beteuert. Zinsen gibt es nicht, denn sie gelten als "haram". "Das Zinsverbot ist im Islam ganz wichtig, noch wichtiger als das Alkoholverbot", sagt Kremer. Tabu sind auch Spekulationsgeschäfte sowie Investitionen in Alkohol, Schweinefleisch und die Waffenindustrie.

Dabei hat Kremer nicht immer islamkonform gelebt und gearbeitet: Als David Kremer wächst der Sohn einer Portugiesin und eines Deutschen in Dortmund auf und besucht ein katholisches Gymnasium. Nach dem Abitur sucht er nicht nur einen Ausbildungsplatz, sondern auch einen neuen Sinn in seinem Leben. Er habe sich das Christentum angeschaut und auch den Buddhismus, dabei habe er durchaus spannende Denkweisen gefunden. Aber: "Für mich war das, wie wenn ich ein Auto kaufe: Ich nehme ja nicht das nächst beste, sondern studiere alle Möglichkeiten."

Kremer entscheidet sich zuerst für eine Banklehre, dann für eine Religion: 2005 konvertiert er zum Islam. Aus David wird Daoud.

Mit dem Rauchen und Alkohol trinken hat er schon vorher aufgehört, mit anderen Regeln seiner neuen Religion, dem Zinsverbot zum Beispiel, setzt er sich erst nach und nach auseinander. Er habe immer wissen wollen, warum der Islam etwas verbiete oder verlange. Irgendwann, sagt er, sei es für ihn ganz logisch gewesen, dass Zinsen verboten sind: Die Schere zwischen Arm und Reich zum Beispiel führt er vor allem auf das Zinssystem zurück.

Bis dahin hatte er bei einer amerikanischen Bank gearbeitet, dann kündigte er. Schließlich machte er sich mit "My Islamic Finance" selbständig. Im Vergleich zu den meisten Banken zwar ein sehr kleines Unternehmen, aber immerhin mit mehreren Mitarbeitern und Beratern in verschiedenen Städten. Auf seinem Schreibtisch in seinem hellen Büro stehen Modelle des "Burj Al Arab" und des "Burj Khalifa" – den zwei beeindruckendsten Wolkenkratzern Dubais. Kremer sitzt jetzt vor seinem Macbook und erklärt die Welt des Islamischen Bankings.

In Ländern wie Malaysia zum Beispiel boomen islamische Banken, ganz anders in Deutschland: Hier leben etwa vier Millionen Muslime, aber nur ein kleiner Teil von ihnen befolgt religiöse Vorschriften wie das Zinsverbot. Die meisten messen hier dem Verbot keine größere Bedeutung bei – oder spenden die eingenommenen Zinsen für einen wohltätigen Zweck.

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In Deutschland gibt es zwar mehrere islamische Finanzberater und Makler wie "My Islamic Finance", aber bislang nur eine richtige "Islam-Bank". Die kuwaitisch-türkische "Kuveyt-Türk Bank" hat sich erst 2015 in Deutschland niedergelassen. Auch nicht-islamische Banken wie die "Commerzbank" bieten islamkonforme Investment-Möglichkeiten an, ein großer Markt ist das aber bislang nicht.

Auch das Angebot der islamischen Finanzdienstleister ist in Deutschland bislang nicht so umfassend wie bei herkömmlichen Banken. Daoud Kremer vermittelt vor allem Spar-Angebote, Finanzierungsmodelle für einen Hauskauf und Altersvorsorge-Pakete.

Wer sparen will, kann bei ihm zum Beispiel einen Goldsparvertrag abschließen. Kremer kauft dann vom Geld des Kunden 24-karätiges Gold und hinterlegt es in einem Depot. Wenn der Goldpreis steigt, macht auch der Kunde Gewinn.

Die Altersvorsorge in Kremers Angebot heißt "Takaful", sie ist eine Art islamische Lebensversicherung. Auch hier werden die Beiträge nicht verzinst, sondern zum Beispiel in islamkonforme Aktien investiert. Auch dabei gilt: Steigt der Wert, profitiert der Kunde, fällt der Wert, verliert er.

Kunde Mustafa Azim bei Kremer

Die meisten von Kremers Kunden sind Muslime, aber auch Nicht-Muslime interessieren sich für sein Angebot. Kremer sagt, die Bio-Branche sei auch irgendwann gewachsen, weil die Kunden wissen wollten: Woher kommt mein Huhn? Nach Occupy und dem letzten Börsencrash wollen auch viele Sparer mehr über die Finanzwelt wissen.

Mustafa Azim zum Beispiel. Er ist 30 Jahre alt, Gründer und Geschäftsführer eines E-Commerce-Startups in Dortmund und einer von Kremers Kunden. "Ich war auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten auf einem nicht-konventionellen Weg", sagt Azim. Er sei zufällig an Kremers Schaufenster vorbeigelaufen und habe dann ein bisschen im Internet recherchiert. "Dass ich mich hierfür entschieden habe, hat natürlich auch mit meiner religiösen Überzeugung zu tun."

„Das nennen wir die sogenannte Sharia-Falle.“
Matthias Casper, Professor an der Uni Münster

Dem Juristen und Islamic Banking-Experten Matthias Casper, Professor an der Uni Münster, gefällt bei diesen Banken vor allem der stärkere Bezug zur Realwirtschaft: "Dadurch, dass keine Zinsen genommen werden und es ein Spekulationsverbot im Islam gibt, sind solche Produkte etwas stabiler als konventionelle Produkte, die auf Spekulation setzen." Das habe sich zum Teil in der Finanzkrise gezeigt. Ein totaler Schutz sei das aber nicht: "Wir hatten in Dubai vor ein paar Jahren eine Immobilienkrise, obwohl da auch vieles islamkonform finanziert war."

Einen Nachteil für Kunden sieht der Professor vor allem in den meist niedriger ausfallenden Renditen. Es bestehe außerdem das Risiko, dass Finanzprodukte heute zwar als islamkonform eingestuft werden, sich das aber ändert, weil die Islamgelehrten ihre Meinung revidierten. "Das nennen wir die sogenannte Sharia-Falle", erklärt Casper.

Daoud Kremer glaubt natürlich an sein Geschäftsmodell. Er sieht in Deutschland viele junge Muslime, die sich heimisch fühlen, die sich beruflich etablieren und sich gleichzeitig auf ihre Religion zurückbesinnen. Und er erkennt darin eindeutig großes Wachstumspotential.

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