Bild: Getty Images / Pablo Blazquez Dominguez
Trotzdem könnte sie an der Macht bleiben.

Heute wird in Spanien gewählt, die Ergebnisse werden für 22.30 Uhr erwartet. Die Wahl ist für das Land die spannendste und wichtigste seit Langem. Neue junge Parteien, viel Wut und ein wenig Hoffnung haben den Wahlkampf geprägt. Die Antworten auf die fünf zentralen Fragen:

Wer steht zur Wahl?

Grob gesagt: Die Alten und die Neuen. Seit dem Ende der Militärdiktatur von Francisco Franco vor vierzig Jahren haben sich Sozialisten und Konservative an der Macht abgewechselt, sie brauchten keine Koalitionspartner. In der Wirtschaftskrise sind zwei neue junge Parteien zur Hoffnung vieler Spanier geworden. Die vier Parteien liegen nun fast gleichauf.

Die Neuen:

  • Podemos (Wir können)
(Bild: Getty Images / David Ramos)

Linksalternativ, bisweilen populistisch, angeführt von einem Politikwissenschaftler mit Pferdeschwanz: Pablo Iglesias, 37, denkt so schnell, dass er seine Gegner in Fernsehdebatten meist locker in die Tasche steckt. Podemos wird oft mit Syriza in Griechenland verglichen. Entstanden ist die Partei als Bürgerbewegung nach den großen Protesten gegen die Regierung. Ihr Versprechen: Schluss mit Sparpolitik und Korruption.

  • Ciudadanos (Bürger)
(Bild: Getty Images / Pablo Blazquez Dominguez)

Wirtschaftsfreundlich, liberal, angeführt von einem gut aussehenden, ehemaligen Schwimm-Champion: Die Partei von Albert Rivera, 36, wird oft die FDP Spaniens genannt. Sie sind die rationale Alternative für Konservative, die keine Lust mehr auf die Regierungspartei haben. Das Ziel: Schluss mit der Korruption. Und: Die Unabhängigkeit Kataloniens verhindern.

Die Alten:

  • PSOE (Sozialdemokraten)
(Bild: dpa / Andreu Dalmau)

Vergleichbar mit der SPD in Deutschland. Ihr Versprechen: Weiter so wie bisher, aber ein bisschen sozialer. Und ganz so strikt gespart werden soll auch nicht mehr. Spitzenkandidat Pedro Sánchez, 43, gilt als der Liebling aller spanischen Schwiegermütter.

  • Partido Popular (Konservative)
(Bild: dpa / Juanjo Martin)

Wirtschaftsfreundlich, jahrzehntelang erwiesenermaßen korrupt: Die konservative Partei regiert derzeit noch mit absoluter Mehrheit. Ministerpräsident und Spitzenkandidat Mariano Rajoy gilt ein wenig als Schlafmütze, der sich gerne der öffentlichen Debatte entzieht. Seine Pressekonferenzen mussten Journalisten lange Zeit in einem anderen Raum per Fernseher verfolgen. Beleidigte dann in der letzten Debatte plötzlich den Sozialisten als "elenden Schuft". Sein Versprechen: Weiter so.

Wen favorisiert die Jugend?
(Bild: Getty Images / Denis Doyle)

Eher die neuen Parteien. Am Anfang des Jahres war noch Podemos die Partei mit der höchsten Anziehungskraft für junge Wähler, inzwischen liegt Ciudadanos hier vorne. Auch die Sozialisten haben viele treue, vor allem weibliche Wählerinnen. Am auffälligsten ist aber: Die jüngeren Spanier haben keine Lust mehr auf ihre Regierung. Um die 60-Prozent der 18-34-Jährigen geben an, dass sie niemals die Regierungspartei PP wählen würden. In der Altersgruppe ist das der höchste Wert aller Parteien (El País).

Warum haben junge Spanier genug von ihrer Regierung?

Die Ablehnung der jungen Spanier hat sich die Regierung von Mariano Rajoy in den vergangenen Jahren hart erarbeitet. Fünf wichtige Gründe:

  • Korruption: Sowohl in der PSOE als auch in der PP hat es Korruptionsfälle gegeben. Die konservative Regierungspartei hat aber die größten Probleme: Über zwanzig Jahre hinweg wurden hochrangige Parteimitglieder aus einer schwarzen Kasse bezahlt. Auch Rajoy soll nach Angaben des ehemaligen Schatzmeisters der Partei Geld bekommen haben, der Ministerpräsident bestreitet das.

    Das Geld stammte von illegalen Spenden großer Unternehmen. Die bekamen im Gegenzug staatliche Aufträge. Unter den spendablen Unternehmen waren ausgerechnet viele Bauunternehmen. Sie profitierten lange Zeit vom Immobilienboom. Dann platzte die Blase, das Ergebnis war die spanische Wirtschaftskrise.
  • Jugendarbeitslosigkeit: Die spanische Wirtschaft wächst wieder, aber immer noch sind knapp 48 Prozent der jungen Spanier arbeitslos.
  • Schlecht bezahlte, befristete Verträge: Auch viele, die einen Job gefunden haben, werden seit Ausbruch der Krise oft schlecht bezahlt. Befristete Verträge sind normal – gerade unter jungen Spaniern. Einige arbeiten nur im Sommer in den Tourismushochburgen.
  • Sparpolitik: Auf die Wirtschaftskrise reagierte die spanische Regierung vor allem mit Ausgabenkürzungen. Künstler, Lehrer, Gewerkschaften, Studenten und viele andere gingen immer wieder auf die Straße, um dagegen zu protestieren. Gebracht hat es nichts.
  • Das sogenannte Knebelgesetz: Als Reaktion auf die riesigen Demonstrationen in Madrid schränkte die Regierung die Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit ein. Proteste am Vorabend der Wahl oder Proteste, die eine "wichtige Infrastruktur" gefährden, stehen unter Strafe (Taz).
Die 26-jährige Ester erzählt, was sie an der aktuellen Politik in Spanien aufregt. Und warum sie die Hoffnung trotzdem nicht aufgibt:

Wer gewinnt die Wahl?

Vielleicht tatsächlich die Regierungspartei Partido Popular. In Umfragen liegt sie trotz großer Verluste mit rund 26 Prozent vorne. Es wäre überraschend, wenn sie nicht zumindest wieder stärkste Partei werden würde. Zu einer absoluten Mehrheit wird es aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr reichen. Wer dann mit wem koaliert, ist noch vollkommen offen.

Umfragen zu publizieren, ist so kurz vor der Wahl in Spanien verboten. Um das Verbot zu umgehen, tarnt eine Zeitung aus Andorra seit Tagen ihre Umfrage als Obstpreise Andorras und benutzt dabei die Farben der einzelnen Parteien. Offenbar konnte die PP in den letzten Tagen noch einmal ein paar Stimmen gewinnen und liegt vor Podemos, knapp gefolgt von PSOE. Ciudadanos könnte nur der vierte Platz bleiben.

Eine der letzten legalen Umfragen wurde von El Pais veröffentlicht:

Moment. Die Regierungspartei ist in den größten Korruptionsskandal seit Jahrzehnten verstrickt und könnte trotzdem gewinnen?

Ja. Das hat vor allem zwei Gründe:

  1. Treue alte Wähler: Die PP wählen überdurchschnittlich viele ältere Menschen. Sie sind zu Zeiten des faschistischen Diktators Francos groß geworden, als es nur zwei Lager gab: Die Blauen (Rechte) und die Roten (Linke). 40 Prozent der Wahlberechtigten sind über 55 Jahre alt, 18-34-Jährige machen nur knapp über 20 Prozent der Wählerschaft aus (El País).
  2. Wachstum: Der Plan von Rajoy ist aufgegangen. Die Situation vieler Spanier ist immer noch schlecht. Aber die Wirtschaft wächst wieder – gerade rechtzeitig zur Wahl. Auch wenn von dem Wachstum noch nicht viel bei den Menschen angekommen ist, konnte Rajoy seinen Wahlkampf wie geplant durchziehen. Sein Credo: "Spanien geht es gut".
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