Bild: Getty Images/Pablo Blazquez Dominguez
Das ist die spanische MeToo-Bewegung.

Eine 18-jährige Frau wird von fünf Männern nach einem Stadtfest in einen dunklen Hausflur gedrängt, alle fünf zwingen sie zum Oralsex, zwei zwingen sie zum Vaginalverkehr, einer zum Analsex.

Diese fürchterlichen Szenen spielten sich 2016 im spanischen Pamplona ab. Die Täter nannten sich in ihrer WhatsApp-Gruppe "la manada" – das Wolfsrudel. Sie stahlen der Frau das Handy, ließen sie auf einer Bank nahe des Hauses zurück. Eine Polizistin fand sie schließlich. "Lass mich nicht alleine, bitte", flehte die Frau die Polizistin an.

Der Fall sorgte in Spanien für großes Aufsehen. Am Donnerstag haben nun die Richter ihr Urteil gefällt: Die Männer sind keine Vergewaltiger. Es habe sich lediglich um sexuellen Missbrauch gehandelt. Neun Jahre Haft für jeden Täter. 

Dann kam die Welle der Wut. Zehntausende Spanierinnen protestierten direkt nach dem Richterspruch, gingen spontan auf die Straßen. "Es war keine Belästigung, es war Vergewaltigung" stand auf ihren Protestplakaten. Der Tenor: Müssen wir erst sterben, damit man uns glaubt?

Auf Twitter verbreitet sich inzwischen #CuéntaLo – "Erzähl es". Unter dem Hashtag berichten hauptsächlich Frauen seit dem Wochenende, wie Männer sie sexuell belästigt, zusammengeschlagen, vergewaltigt haben. In den Medien spielt kaum ein anderes Thema mehr eine Rolle. Spanien erlebt gerade seinen MeToo-Moment. 

Diese Erfahrungen teilen Spanierinnen unter dem Hashtag #Cuéntalo:

Ein Professor hat mich zwei Jahre lang immer wieder vergewaltigt, er hat mich betrogen und belogen. Er wurde zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
Nach drei Jahren wurde er wegen guter Führung entlassen. Ich dagegen bin seit 14 Jahren in psychiatrischer Behandlung. #cuéntalo
Ich war 13 Jahre alt, mitten im Sommer, mein Onkel sagt zu den anderen Männern, während wir Frauen den Tisch abgeräumt haben: "Schau an, schöne Titten sind ihr über den Winter gewachsen."
Ab da war er nicht mehr mein Onkel, er wurde zu einem Wolf, einem Räuber. Unser Umgang war nie wieder derselbe. #cuéntalo
Ich war 17 Jahre alt, nach einer Abschlussfeier verfolgte uns ein Mann auf der Straße. Wir waren vier Frauen. Wir rannten zur Polizei, der Mann folgte uns und wartete vor der Wache.
Als wir ihn anzeigen wollten, sagte der Polizist zu uns: "Das Problem ist, dass ihr euch so schön gemacht habt." #cuéntalo
Ich bin 18 Jahre alt. Mit 14 wurde ich von einem Jungen vergewaltigt. Er war 21, der DJ einer Disco für Minderjährige. Bis heute habe ich ständig Angst.
Mit 16 Jahren wurde ich von einem Jungen sexuell belästigt. Mit 18 Jahren hat ein Junge aus meiner Klasse versucht, mich zu vergewaltigen. ICH BIN ES LEID! #cuéntalo
Ich habe geschrieen und versucht, ihn wegzudrücken. Ich habe aufgegeben, weil es keinen Sinn hatte.
In meinen Gedanken habe ich mich an einen anderen Ort versetzt. Resignieren heißt nicht zustimmen. #cuéntalo
Ich bin 42, ich habe jede vorstellbare Situationen erlebt und erleiden müssen und ich habe noch nie eine Frau getroffen, die nicht irgendeine Art von Belästigung oder Aggression erleben musste.
Keine einzige von uns schafft es ins Erwachsenenalter, ohne einen Zwischenfall oder ein Trauma. Seid ihr euch über das Ausmaß bewusst? #cuentalo
Immer das Telefon parat haben, für den Fall, dass man einen Notruf absetzen muss, falls man so tun muss, als würde man mit jemandem reden, wenn man alleine durch die Straßen und die Nacht läuft.
Als ob die Straße und Nacht unsere Feinde wären. Und nicht die Männer, die sie bewohnen. #cuéntalo
Ich war neun Jahre alt, als ich beim Laden um die Ecke etwas einkaufen wollte und auf dem Rückweg entführt, vergewaltigt und dann verbrannt wurde.
Meine Reste wurden in einem Graben gefunden. Ich erzähle das hier für Emilia, die es selbst nicht mehr erzählen kann. #cuéntalo
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Warum war das keine Vergewaltigung?

In ihrer Entscheidung beschreiben die Richter das, was die Mehrheit der Spanier und Spanierinnen als Vergewaltigung empfindet. Die junge Frau habe sich "zusammengekauert" und "geschrien", sie "stöhnte vor Schmerz", war "verängstigt", "eingekesselt", dem "Willen" ihrer fünf Angreifer ausgeliefert, "ohne Chance auf Flucht".

Die Täter hatten die Vergewaltigung gefilmt und das Video später über WhatsApp geteilt. Das Video "zeigt sehr genau die Realität der Situation" schrieben die Richter, "das Opfer wurde zum Objekt der Täter, die sie benutzt haben, um ihre eigenen sexuellen Instinkte zu befriedigen." (The Spain Report)

Trotzdem werteten die Richter das nicht als Vergewaltigung. Das liegt an der spanischen Gesetzgebung. Dort heißt es, dass für den Straftatbestand der Vergewaltigung Gewalt oder Einschüchterung vorliegen muss. Da die fünf Männer die Frau aber weder geschlagen noch ihr gedroht hätten, läge dieser Tatbestand nicht vor, so die Richter. Das Opfer selbst hatte ausgesagt, in einem Schockzustand gewesen zu sein.

Viele Spanierinnen und Spanier empören sich über das Urteil.

  • Mit einer Petition bei Chance.org fordern sie das Oberste Gericht dazu auf, die Richter, die das Urteil gefällt haben, ihres Amtes zu entheben. Bisher unterstützen mehr als 1.320.000 Menschen die Petition. (Stand: 30. April, 14 Uhr)
  • Die Bilder der fünf jungen Männer, die alle zwischen 27 und 29 Jahre alt sind, werden gerade hunderttausendfach auf Facebook geteilt. Jede und jeder in Spanien kennt ihre Gesichter. Einer von ihnen hatte vor Gericht ausdrücklich darum gebeten, seine persönlichen Daten und sein Bild nicht zu verbreiten.
  • In den Tagen nach dem Urteil gingen Zehntausende auf die Straßen, um zu protestieren. Allein in Pamplona sollen nach Angaben der Polizei über 30.000 Menschen demonstriert haben.

So protestierte Spanien nach dem Urteil:

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Haben die Richter also ein falsches Urteil gefällt?

Wahrscheinlich nicht. Dieses Problem wäre einfach zu lösen. Die unfähigen Richter könnte man suspendieren oder absetzen. Aber das Problem liegt wohl vor allem in der Definition von Vergewaltigung im spanischen Strafgesetzbuch. Vor Gericht musste die Frage geklärt werden, ab wann eine Handlung ein sexueller Übergriff ist, ab wann es sich um eine Vergewaltigung handelt.

In Spanien muss für den Straftatbestand der Vergewaltigung Gewalt oder Einschüchterung vorliegen. Wenn das Opfer aber beispielsweise beim Angriff in eine Schockzustand verfällt und die sexualisierte Gewalt über sich ergehen lässt, ohne sich zu wehren, wird das nicht als Vergewaltigung gewertet – wie es in Pamplona der Fall war. Die Richter berufen sich in ihrem Urteil auf Rechtssprechung des Obersten Gerichtshofes. Dieser hat festgelegt, was als Gewalt oder Einschüchterung verstanden wird.

Macho-Kultur ohne Ende?

Schon seit Jahren wird in spanischen Medien über die frauenfeindlichen Einstellungen einiger Männer diskutiert. Zahlen zeigen, wie schlimm die Lage ist. Im vergangenen Jahr wurden 46 Frauen von ihren Partner oder ehemaligen Lebensgefährten ermordet – gut 500 Todesopfer gab es laut Presseberichten seit 2000. Mehr als 142.000 Anzeigen wurden gemacht, 42.000 Frauen sind als Opfer registriert, 15.800 Männer haben Richter schon verurteilt (FAZ). Zum Vergleich: In Deutschland wurden 2016 149 Frauen von ihrem Partner getötet. (Tagesschau)

Hatten wir in Deutschland nicht die gleiche Debatte?

Zumindest verlief sie ähnlich: Im Herbst 2016 verschärfte der Bundestag das Sexualstrafrecht. Nach der Silvesternacht 2015 in Köln und dem Fall von Gina-Lisa Lohfink debattierten auch die Deutschen über das Gesetz, nach dem Vergewaltigungen bestraft werden.

Doch auch im deutschen Strafgesetz steht unter dem Paragraphen 177, dass ein sexueller Übergriff oder eine Vergewaltigung nur als solche gilt, wenn sie "gegen den erkennbaren Willen" einer Person vonstattengeht. Die Person muss also mindestens ein "Nein" geäußert haben – das war auch ein zentrales Anliegen der "Nein heißt Nein"-Kampagne. 

Trotzdem kann es natürlich vorkommen, dass eine Person vergewaltigt wird, ohne dass sie "Nein" sagen oder sich wehren konnte. Kritikern zufolge hinkt also auch die deutsche Gesetzgebung hinterher.

In Schweden wurde im Dezember ein Gesetz beschlossen, das noch einen Schritt weiter geht: Statt "Nein heißt nein" gilt "Ja heißt ja". Nur, wenn alle Involvierten explizit "Ja" zum Sex sagen oder ihre Zustimmung durch Gesten signalisieren, gilt dieser als einvernehmlich. Ansonsten gilt es rechtlich als Vergewaltigung. (bento)

Nun fordern auch viele Spanierinnen eine Reform ihres Strafgesetzbuches. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass der Fall sich nicht wiederholt – und die Täter wieder nicht wegen Vergewaltigung bestraft werden. Selbst die konservative Regierung scheint sich dem Druck zu beugen. Javier Maroto, ein hochrangiger Politiker der Regierungspartei Partido Popular (PP), sagte:

Eine Vergewaltigung ist absolut möglich, auch wenn keine Gewalt angewendet wird. Das Strafgesetz sollte besser früher als später überarbeitet werden.
Javier Maroto, PP

Die Partei vom Premierminister Mariano Rajoy verliert laut Umfragen ohnehin an Zustimmung. Sie kann es sich kaum leisten, die Forderungen der Demonstranten zu ignorieren. Zum Weltfrauentag am 8. März hatten bereits Hunderttausende Spanierinnen gestreikt und mit Massendemos das Land lahmgelegt.

Der Protest war monatelang vorbereitet worden. Die spontanen Demos und die Schilderungen im Netz zeigen nun, dass dieser Erfolg der Feministinnen kein Strohfeuer war. Gerade junge Spanierinnen sind jederzeit bereit, für ihre Belange auf die Straße zu gehen. Und sie werden lauter.


Gerechtigkeit

Warum der 1. Mai ein Feiertag ist
Und wir uns schon um 11 Uhr das erste Bier aufmachen können – obwohl es eigentlich um etwas ganz anderes geht.

Feiern gehen, entspannt ausschlafen oder gleich über das verlängerte Wochenende wegfahren: Am 1. Mai, dem "Tag der Arbeit", machen wir vieles, nur nicht arbeiten. Der 1. Mai ist in Deutschland und in ganz vielen anderen Ländern der Welt ein Feiertag, der der Arbeit gewidmet wird. Was dahinter steckt, erklären wir hier.