Bild: Getty Images / Denis Doyle

Die Spanier wählen ein neues Parlament. Die Wahl könnte eine historische werden. Wirtschaftskrise, Proteste gegen die Regierung und zahlreiche Korruptionsfälle haben das Land in den letzten Jahren erschüttert.

Zum ersten Mal machen zwei neue junge Parteien den Sozialisten und Konservativen Konkurrenz – sie versprechen das Ende von Korruption und Vetternwirtschaft. Vor allem junge Spanier hoffen auf den Wandel und eine bessere Politik.

Die 26-jährige Ester ist eine von ihnen. Uns hat sie erzählt, wie sich die Situation in Spanien gerade anfühlt und worauf sie hofft:

“Am Sonntag wird bei uns in Spanien gewählt. Jeden Tag, in jedem politischen Gespräch mit meinen Freunden spüre ich vor allem eines: Empörung.

Meine Generation hat die Politik satt, die bisher in unserem Land gemacht wird. Viele von uns haben auch die Situation satt, in der sie sich persönlich befinden.

Krise ohne Ende

Ich bin studierte Ingenieurin und habe mit viel Glück eine Stelle in einer großen Firma bekommen. Fast keiner meiner ehemaligen Kommilitonen hat in dem Bereich Arbeit gefunden, viele andere Freunde von mir sind arbeitslos. Einige sind ausgewandert – nach Deutschland, Amerika oder Großbritannien. Das ist unsere Realität.

Jeder kennt Menschen, denen es schlecht geht, Familien, die am Ende des Monats kein Geld mehr haben und ihre Kinder nicht richtig ernähren können. Jeden Tag spüren wir die Auswirkungen der Krise.

Demonstrantin auf der Puerta del Sol in Madrid. "Generación Ni-Ni" werden in Spanien junge Menschen genannt, die weder Arbeit haben, noch studieren.(Bild: Getty Images / Denis Doyle)
Die Korruption ist haarsträubend

Gleichzeitig lesen wir seit Jahren von haarsträubenden Korruptionsfällen wie dem Fall “Bárcenas”. Das ist ein ehemaliger Schatzmeister der Regierungspartei Partido Popular (PP). Jahrelang hat er für seine Partei eine schwarze Kasse geführt, aus der hochrangige Parteimitglieder bezahlt worden sind. Die illegalen Spenden kamen von großen Unternehmen, zum Beispiel Baufirmen. Die gleichen Firmen bekamen staatliche Aufträge.

Luis Bárcenas, Ex-Schatzmeister der PP, vor einem spanischen Gericht.
Wir sind empört.

Diese Fälle gibt es nicht nur in der PP, sondern auch in anderen Parteien und großen Gewerkschaften. Beinahe täglich kommen neue Skandale ans Licht – sogar die königliche Familie ist in einen Korruptionsfall verwickelt. Es ist zum Verrücktwerden, einfach nur ungerecht. Wir sind empört.

Trotzdem ist fast niemand zurückgetreten. In Deutschland verlieren Minister ihre Posten, weil sie in ihrer Doktorarbeit abgeschrieben haben. In Spanien reicht manchmal nicht einmal ein riesiger Korruptionsskandal für einen Rücktritt.

Die Korruption ist normal geworden, das hätte nie passieren dürfen. Bis zum letzten Moment versuchen die traditionellen Parteien sie zu vertuschen.

Die Proteste haben nichts verändert
Demonstranten protestieren 2012 gegen die Sparpolitik der Regierung.(Bild: Getty Images / Pablo Blazquez Dominguez)

Lange Zeit haben wir unserem Ärger mit Protesten Luft gemacht. Meine Freunde und ich sind nach Madrid gefahren, haben gegen die Regierung, gegen die Sparpolitik, gegen Korruption demonstriert. Immer wieder. Gebracht hat das nichts. Die konservative Partei PP regiert weiter mit absoluter Mehrheit, sie muss nichts ändern. Für mich ist das fast diktatorisch, eine Partei kann machen, was sie will.

Jetzt gibt es wieder Hoffnung

Mittlerweile hat sich aus unserer Empörung etwas Konstruktives entwickelt. Vielerorts schöpfen die Menschen wieder Mut, auch ich persönlich.

Politisch war ich schon immer. Aber jetzt engagiere ich mich bei der Bürgerplattform “Zaragoza en Común” (etwa: Gemeinsam Saragossa, Anm. der Red.). Wir arbeiten hier auf lokaler Ebene an allen Problemen, die Saragossa betreffen. Seit den letzten Wahlen stellen wir den Bürgermeister. Auch in Madrid und Barcelona regieren inzwischen diese Bürgerplattformen.

Ada Colau während ihrer Zeit als Aktivistin, mittlerweile ist sie Bürgermeisterin von Barcelona. Auf ihrem T-Shirt steht: "Stoppt die Zwangsräumungen".(Bild: Getty Images / Denis Doyle)

Einiges ist seitdem besser geworden: In Spanien wurden seit Beginn der Wirtschaftskrise viele Familien aus ihren Häusern geschmissen, weil sie ihren Job verloren hatten und ihren Kredit nicht mehr abzahlen konnten. Jeder einzelne Fall ist ein brutales Drama.

Seit wir die Wahlen gewonnen haben, hat die Polizei in Saragossa kein Haus mehr auf diese Art zwangsgeräumt. Stattdessen wurden die Familien umgesiedelt und haben eine neue Bleibe gefunden.

Podemos und Ciudadanos ändern alles

Auch für die nationalen Wahlen gibt es Hoffnung. In der Krise sind zwei neue Parteien entstanden, viele meiner Freunde wollen sie wählen: Einerseits Podemos ("Wir können"), eine linke Partei, mit der unsere Bürgerplattform verbunden ist; andererseits Ciudadanos ("Bürger"), eine wirtschaftsfreundliche Partei, mit einem jungen Spitzenkandidaten. Wir hoffen, dass sie endlich Schluss machen mit dem Filz, mit der Korruption.

Ciudadanos-Chef Albert Rivera, 36, auf Wahlkampftour in Madrid.(Bild: Getty Images / Pablo Blazquez Dominguez)
Der Wandel liegt in der Luft.

Die meisten jungen Menschen, die ich kenne, werden nicht für eine der alten Parteien stimmen.

Das Zweiparteiensystem ist hoffentlich am Ende, nach den Wahlen wird wohl keine Partei mehr mit absoluter Mehrheit regieren können. Von jetzt an werden sich die Parteien untereinander einigen müssen, um Entscheidungen zu treffen.

Ich persönlich habe lange nicht gewusst, wen ich wählen werde. Letztlich habe ich mich für Podemos entschieden. Sie trägt nicht die Last der alten Parteien mit den korrupten Strukturen.

Podemos-Chef Pablo Iglesias, 37, ist Politologe aus Madrid.(Bild: Getty Images / David Ramos)

Noch weiß niemand, wer nach der Wahl Ministerpräsident wird. Aber ich merke: Der Wandel liegt in der Luft.

Wir haben keine Angst, nur Hoffnung. Viel schlimmer kann es nicht mehr werden."

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